XX
#
BÔ YIN RÂ
ÜBER
DEM
ALLTAG
Verlagslogo
KOBER' SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
BASEL
UM DEN FORDERUNGEN DES URHEBERRECHTES
ZU ENTSPRECHEN, SEI HIER VERMERKT, DASS
ICH IM ZEITBEDINGTEN LEBEN DEN NAMEN
JOSEPH ANTON SCHNEIDERFRANKEN FÜHRE,
WIE ICH IN MEINEM EWIGEN GEISTIGEN SEIN
URBEDINGT BIN IN DEN DREI SILBEN:
BÔ YIN RÂ
BASLE 1931
COPYRIGHT BY KOBER'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
Inhaltsverzeichnis Seite
Über dem Alltag 5
Meereserinnern 9
Wort im „Wort” 13
Er 17
Bedingnis 21
Notwendige Erdschwere 25
Werk des Lenkers 29
Der Leuchtende 33
Wenn 37
Leicht zu finden 41
Um mich selber wissend 45
Verlangtes Opfer 49
Der Gruß des Erstandenen 53
Joh. XIV, 6 57
In meinem Namen 61
„Ich”! 65
Menschwerdung 69
Schwere Forderung 73
Verkörperung des Geistes 77
Unvermögen 81
Verpflichtung 85
Wert des Wartens 89
„Weltanschauung” 93
Zeitwandel 97
Klugheit 101
Ehrfurcht den Alten 105
Jugendlob 109
Erfahrungsweisheit 113
Üble Folge 117
Vorzeitiges Vermeinen 121
Jung und Alt 125
Berufung 129
Wert des schönen Scheins 133
Gnadenreiche Lenkung 137
#
ÜBER DEM ALLTAG
Über dem Alltag
Wollen wir wandeln!
Doch soll es hier sich um Dinge handeln,
Die auch dem Alltäglichen zugehören.
Wir wollen nicht Sinn und Herz betören,
Zu glauben, der Alltag sei uns fern,
Lebten wir auf einem fernen Stern.
Wir wollen hier nur so manches betrachten,
Was alle Alltäglichen allzeit verlachten.
Wir wollen den Alltag lieben und ehren
Und keinem seiner Rechte wehren.
Doch wollen wir Höhen und Firnen ersteigen
Die auch Alltagsfernes uns nahe zeigen.
Wir wollen den Alltag
Unter uns sehen
Und uns in ewigem Lichte ergehen.
Wir wollen uns aus dem Alltag erheben,
Um kraftvoll in ihm uns erneut zu erleben!
*
7
#
MEERESERINNERN
Das war am Meer —
Das war an nächtlichem Gestade —
Als ich zum erstenmale aus geweihtem Mund
Mich selbst in meinem Namen nennen hörte, —
Als Wahrheit wurde zugesagte Gnade,
Und kein Ersehnen mehr
Die Stunde störte.
Nun fühlte ich,
Bewußt in meinem Namen,
Zum erstenmal die Schwere meiner Bürde.
Daß Hochgeheiligte aus fernen Zonen kamen,
War Folgeleistung ihrer eigenen Würde.
Das war am Meer —
An griechischem Gestade —
Als keine Bindung mehr
Der Weihe wehrte, —
Und unerfaßlich lichterfüllte Gnade
Ewiger Urkunft mich erinnern lehrte...
*
11
#
WORT IM „WORT”
Da ich zum erstenmal die geistgeeinten
Und mir im Geiste brüderlich vereinten
      Menschen,
Die ich, bis auf einen,
Niemals im Irdischen vordem gesehen hatte,
Meinen Namen
In der Weise ihrer Zungen
Sprechen hörte,
Fühlte ich im Innersten mich so erschüttert,
daß ich kaum die Sprechenden: —
Die geistgeeinten Meister, —
Um mich her noch klar gewahren konnte
Durch den Schleier den das Auge sich er-
      zeugte...
Es war für mich erschreckend und verwirrend,
Daß sie mich in meinem Namen kannten: —
In dem ewigkeitsgezeugten Namen,
Der ich — bin,
So, wie die Quelle Wasser ist,
Und eines Wortes Inbegriff:
Sein Sinn!
15
Wohl war ich, was sie lauthaft sprachen,
Wie es sich in Menschenlauten wiedergeben
      läßt,
Seit Ewigkeiten, —
Doch niemand hatte vordem je
In erdenhaften Zeiten
Den Namen mir genannt,
In dem ich selbst mich kannte,
So, wie der ewigliche Vater mich im „Wort”
Bei Namen nannte.
Nun „gaben” mir die hohen Meister
Und von da an meine Brüder,
Diesen gleichen Namen
Hier in Lauten dieser Erde, —
Auf daß Urewiges allhier aufs neue,
Neu geformt, in ihm verkündet werde.
*
16
#
ER
Eh' ich Ihn kennen konnte,
War er lange schon mir geistig nah.
Doch viele Jahre mußten so vergehen,
Ehe ich Ihn leibhaft vor mir sah.
Er, der in sich mich kannte
Und stets um mich war,
Erschien mir vordem gar als ungebannte
Drohende Gefahr.
Erst mußte alle Furcht ich in mir über-
      winden;
Nicht eher durfte ich Ihn leibhaft vor mir
      finden.
Als ich Ihn dann erkannte,
Kannte ich mich langhin selbst nicht mehr,
Und was ich irdisch vordem lebte, —
Schwand mir,
Ward mir schal,
Vergessenswürdig,
Wertelos
Und leer.
— — —
19
Nun sind wir lang schon
Ineinander Eines
Und doch Zwei, —
Und solcherart vereint
Zu geistigem Bewußtsein — :
In Zweieinheit — Drei.
Nie wirkt der Eine, nie der Andere allein,
Denn jeder tritt zugleich für Beide
Und sich selber ein.
*
20
#
BEDINGNIS
Unzähligemale
Bin ich gefallen!
Gefallen auf meinem Wege zum Licht, —
Gefallen, wo ich weiterschreiten sollte, —
Gefallen, wo ich unbewegsam stehen wollte!
Sünde häufte ich auf Sünde,
Torheit auf Torheit,
Schuld auf Schuld, — —
Unvermeidbar! —
Denn die mich formten,
Mußten mich in meinem eignen Staube
      schleifen,
Wie man den härtesten der Edelsteine
Nur in seinem Staube schleifen kann.
Niemals ward mir Sünde Genuß!
Niemals Torheit Freude!
Niemals Schuld Befriedigung!
*
23
#
NOTWENDIGE ERDSCHWERE
Lichtgezeugt in ungezeugtem Lichte,
Nicht beschwert von niederziehendem Gewichte,
Würde jeder Leuchtende zunichte,
Wagte er sich in der Erde Dichte,
Wehrend, sich dem Dichten zu vereinen.
Denn im schwerefreien Lichten, Reinen,
Ist, was ist, gelöst von Schein und Meinen,
Urverschmolzen nur dem ewig Einen.
Um dem Vielen fördernd sich zu geben,
Braucht es dieser Vielheit Schein und Streben,
Braucht es zeitbedingtes Tun und Leben,
Braucht es Schweres, um es zu erheben.
Darum drängt der Leuchtende zur Erde,
Spähend wie der Adler über einer Herde,
Daß der Erdmensch ihm zu eigen werde,
Der im Willen ihm verbunden war,
Unberechenbare Zeiten eher,
Vordem den Verbundenen ein Weib der Erde
Sich zum Menschensohn gebar!
*
27
#
WERK DES LENKERS
Wer weiß die Wege, die der Lenker weist, —
Einer der großen Vier im ungezeugten Geist, —
Wenn er den Leuchtenden zur Erde leitet,
Allda das Irdische zu finden,
Das er selbst dem Geist bereitet,
Auf daß in ihm das Licht der Ewigkeit
Zur Stätte komme, —
Erdenfarben, —
Zur gesetzten Zeit?
Hier kann nicht Menschenurteil sich erfüllen,
Denn weise weiß der Lenker zu verhüllen,
Wie er das Widersprechende bezwungen: —
Wie er den Erdenleib dem Leuchtenden er-
      rungen,
Dem selbst im Geist nicht kund ward,
Wie der Weg verlief,
Weil, frei von Durst nach Wissen und Er-
      kennen,
Er nur des Lenkers Stimme folgen mußte,
Die zur Erde rief.
*
31
#
DER LEUCHTENDE
Zum Tode bereit stets —
Dem Leben geweiht —
In heiliger Inbrunst
Entbrannt —
Benedeit —
Dämonen verhaßt —
Erzengeln Erwählter —
Vorwurf den Nächtigen: —
Urlichtvermählter! —
Urlichtdurchleuchtet
Im Hohen und Tiefen —
Lichtbringer Allen,
Die nach ihm riefen. —
Allen gegeben: —
Sich selbst nur verwehrt,
Gleichwie das Wachs,
Das zu Licht
Sich verzehrt.
*
35
#
WENN...
Wenn ich nicht wäre der ich bin: —
Ich wäre dennoch nicht der Tor,
Der ich wahrhaftig wäre,
Griffe der Toren Schätzung,
Die mich nur nach ihrer Elle Aichung
Messen können,
Nicht so in's Leere!
Wenn ich nicht wäre, der ich bin,
Dann wäre ich noch immer nicht
Für die zu fassen,
Die nur zu fassen wissen,
Was sie nicht mehr hassen,
Weil es ihnen gleicht
Und nur das ihnen noch Erreichbare
Erreicht!
*
39
#
LEICHT ZU FINDEN
Was sie bei mir gelesen haben,
Verrät sich durch geheime Zeichen,
Die ich dem Meinen eingegraben,
Das sie als Eigenes weiterreichen.
Nur wurde leider auch daneben
Der Worte Sinn nur halb verstanden,
Und freies, lichtgezeugtes Leben
Schlug Unverstand in enge Banden.
*
43
#
UM MICH
SELBER WISSEND
Nehmt es wie ihr wollt:
Ich bin lauteres Gold
Und Gold ist, was ich künde, —
Ja: Gold — selbst meine Sünde.
Nehmt es, wie ihr es ertragt!
Nehmt es, wie es euch behagt!
Spottet, oder ehret!
Nichts sei euch verwehret!
Goldschmied hat sich sehr gemüht —
Mich gehämmert und geglüht —
Ausgeschieden fremde Erden, —
Streng mußt' ich geläutert werden!
Nehmt es wie ihr wollt:
Ich bin lauteres Gold!
Gold ist, was ich künde!
Gold: — noch meine Sünde!
*
47
#
VERLANGTES OPFER
Es brauchte viele, viele Jahre
Bis ich alle Widerstände menschlichen Emp-
      pfindens
Die dem Erdenkörper erbhaft eigen,
Oder aber anerzogen worden waren,
So bezwungen hatte,
Daß ich mich selber, —
Mich, den ewigkeitsgezeugten Lichtgeeinten, —
Aus dem Menschlichen bekennen konnte,
Das mir Diener meiner Offenbarung ist.
Gar irrig aber wäre hier der Glaube:
Als ob mein Irdisches mich eher nicht emp-
      funden
Und mich — im Allerinnersten verbunden —
Nicht bis ins Tiefste im Erleben aufgenom-
      men hätte!
Hier liegt keine „Entwicklung der Erkennt-
      nis” vor
Denn: — offen stand dem Irdischen durch
      mich das Tor
51
Zu meinem ewigkeitsgezeugten Sein
Von jener Stunde an,
In der die Meinen den Bereiteten
Bereit zur Weihe fanden
Und ihn an seine mir gelobten Pflichten
      banden.
Besorgsam suchte nur die Seele
Mannigfaltig immer wieder zu verbergen,
Was Ereignis hier geworden war...
Und brachte sie auch mutvoll mir bedin-
      gungslos
Sich selber dar,
So hatte doch sie noch sich selbst zu über-
      winden, —
Nicht eher konnte sie die Kraft,
Mich zu bekennen, wie ich mich in ihr
      bekenne,
Endlich — in der längsterlangten Einheit
Mit mir selber — in sich finden!
*
52
#
DER GRUSS
DES ERSTANDENEN
Fürchtet euch nicht!”
Ihr in mir Geweihten!
Fürchtet euch nicht:
Ich will euch geleiten!
Ich bin kein Schatten, euch zu erschrecken, —
Aus Angst und Traum will ich euch wecken.
Fürchtet euch nicht!”
So wird der Gruß
Des Meisters berichtet,
Wenn er, von himmlischer Lohe umlichtet,
Nach seinem Heimgang
Den Seinen sich zeigte,
Irdischer Inbrunst sich niederneigte.
Fürchtet euch nicht!”
Ich will bei euch bleiben, —
Jedem der Meinen mich einverleiben, —
Jedem, der sich in mir erkennt,
Wie ihn der Vater
Bei Namen nennt!
55
Liebender Leiter im ewigen Licht —
Bleibe ich bei euch: —
Fürchtet euch nicht!”
*
56
#
JOH. XIV, 6
Ich bin der Weg,
Die Wahrheit und das Leben!”
Zum Vater fanden, die ihn fanden,
Nur durch mich!
In mir nur
Kannst du dich zum Ewigen erheben!
In mir nur
Findest du dein wahres „Ich”! — —
Ich bin das Wort
Das nur sich selber spricht!
Ich bin die Gnade,
Die Erlösung
Und das Licht!
*
59
#
IN MEINEM NAMEN
Ihr kennt mich nur in einer
Meiner irdischen Gestalten,
Und sie allein nur habt ihr zeitlich festge-
      halten...
Ihr wißt nur um den Lehrenden der dann am
      Kreuze starb,
Und der als Größter aller Liebenden,
Verwirktes, das nur Liebe lösen konnte,
Aller Erdenmenschheit wieder neu erwarb...
Ihr wißt noch nicht,
Daß ich auch anderen der Euren eingeboren
      war,
Und immer wieder hier den Sohn der Erde
      finde,
Den ein irdisch Weib dazu gebar,
Mir irdisches Gefäß zu sein aus körperhaftem
      Leben,
Dem ich mich einverleibe um in ihm zum
      Vater
Alle Erdenmenschheit zu erheben!
*
63
#
„ICH”!
Ich” ist das Wort
Und ist die Stimme
Die es spricht!
„Ich” ist das Gold
Und ist der Hort: —
„Ich” ist der Leuchtende
Und ist das Licht!
„Ich” bin sie Alle,
Die in mir ich bin!
„Ich” bin die Form,
Ihr Inhalt, —
Die Gestaltung
Und ihr Sinn!
„Ich” bin der Krug
Und bin der Töpfer: —
Der Mensch der Erde
Und sein Schöpfer!
*
67
#
MENSCHWERDUNG
Tierverbunden mußt du sein,
Um den Menschen zu erleben. —
Geh' nur zu dir selber ein
Und bleib' nicht im Denken kleben
Auch nicht „Rückkehr zur Natur”
Bringt dir die ersehnte Klarheit!
Und du bist nicht auf der Spur,
Suchst du „forschend” nach der Wahrheit! —
Tiernatur und ihre Kräfte
Blut und alle Lebenssäfte
Dienen ewigen Gewalten,
Um in dir sich zu gestalten.
In das tiergebannte Leben
Ruft den Geist dein eigen Streben...
Nicht bedarf es hehrer Handlung! —
Nur der Wille wirkt die Wandlung!
*
71
#
SCHWERE FORDERUNG
Belächelt nicht das Kind, geliebte Freunde,
Wenn es euch erzählt von Dingen,
Die ihm wirklich sind, —
Obwohl ihr dieser Dinge Wirklichkeit
Nicht mehr zu fassen wißt,
Wie ehemals, da ihr noch selbst
Das gleiche Wirkliche
Auf eure Art erfahren durftet!
Belächelt nicht,
Was euch der kleine Mund —
Kaum mächtig aller Worte
Die er formen möchte —
Erzählt von Wundern,
Die sich Nacht und Tag hindurch
In eures Kindes Welt ereignet haben!
Ihr werdet diese Welt des Kindes
Wieder in euch finden müssen,
Wenn ihr dorthin finden wollt,
Wohin das tiefste Sehnen eurer Seele
Finden will!
75
Das hohe Meisterwort:
„So ihr nicht werdet wie die Kinder...”
Ist nicht als billiger „Vergleich” gemeint!
Es kündet die Bedingung,
Die erfüllt sein muß
Von jedem Erdenmenschen,
Der erlöst, im ewigkeitsgezeugten Geist
Sich selber wiederfinden will! —
*
76
#
VERKÖRPERUNG
DES GEISTES
Den Geist der Ewigkeit
Kannst du nicht unvermittelt finden.
Um faßbar dir zu werden,
Muß er sich an Körperhaftes binden.
Die gröbsten, wie die allerfeinsten,
Der Organe deines Erdenleibes
Mußt du ganz dem Geiste geben,
Damit er sie erwecken und befruchten kann
Mit seinem Leben!
In jeglichem Organ des Körpers
Schafft der Geist dann, —
Bleibt dein Wille wach, —
Sich eine „Zunge”: — einen „Mund”, — —
Doch, erst, wenn ihm dein Körper
Resonanz zu bieten weiß, —
Wird dir des Geistes sanfte Sprache
Auch als menschliches Erfühlen
Und Gedanke kund!
„Vergeistigung des Körpers”
Könnte selbst ein Gott niemals erringen, —
Nur die Verkörperung des Geistes
Weiß dich in den Geist zu bringen!
*
79
#
UNVERMÖGEN
Seid sicher,
Daß auch nicht die Enkelkinder eurer Enkel
Eine Zeit erleben werden,
Die auf Erden keinen Krieg mehr kennt!
Seid sicher,
Daß auch noch der fernste Nachfahr
Mordbedrohung um der Selbstsucht willen
Unter Menschen dieser Erde:
„Zwangesläufig” und „Naturbedingnis”
      nennt!
Der Mensch mag alle Kräfte der Natur
Bezwingen: —
Das Raubtier in sich selbst zu zähmen,
Wird auf dieser Erde aber
Nur den Höchstgearteten, —
Den Hörigen des Menschentieres
Nie gelingen!
*
83
#
VERPFLICHTUNG
Sei zuerst des Wortes Sprecher!
Seine Form sei dir der Becher,
Sinn und Sage einzutrinken,
Sollen sie zu Herzen sinken. —
Doch, vergiß dich nicht! Und später
Werde dann des Wortes Täter!
Wirke ihm in weiser Waltung
Wahrhaft würdige Gestaltung!
Dann erst hast du abgetragen
Deine Schuld, gehörter Lehre,
Strebt dein Tun darnach, zu sagen,
Was der Lehre Ehre mehre!
*
87
#
WERT DES WARTENS
Will dir heute nichts gelingen,
Höre auf, es zu erzwingen!
Kannst du heute nicht begreifen,
Laß' dich ruhig weiter reifen!
Was dir heute noch verborgen,
Wird dir klar — vielleicht schon morgen!
*
91
#
„WELTANSCHAUUNG”
Da, unbeschränkt an Zahl,
Die mannigfachsten Kombinationen
Des beschränkten, hirnbedingten
Erdenmenschlichen Erkennens
Möglich sind,
So sind auch jenen Konstruktionen
Seiner Vorstellung,
Die sich der Mensch auf Erden
Als sein „Weltbild”:
Seine „Weltanschauung”, schmiedet,
Keine anderen Hindernisse je im Wege,
Als die Mängel irdischer Erkenntnisfähigkeit,
Und nur durch sie wird jede Unvereinbarkeit
Des in der Vorstellung Geschaffenen
Mit dem, was wirklich ist, bestimmt.
Doch selbst bei aller Ähnlichkeit
Bleibt jede „Weltanschauung”
Nur ein Schattenbild von dem,
Wonach die menschliche Erkenntnisinbrunst
Tief im tiefsten Innern trachtet!
95
Das Wirkliche
Läßt sich in kein gedankliches Gebilde
      pressen!
Da es das Sein in allem Seienden: —
Das Leben allen Lebens ist,
Kannst du es nur im eigenen Sein erleben
Sobald du, suchend in dir selbst,
Des Seins bewußt, das dich belebt,
Dir selbst lebendig wirst!
*
96
#
ZEITWANDEL
Stets wird später hochgeehrt,
Was der Tag dem Tag verwehrt!
Was die Früheren verlachten,
Wissen Spätere zu achten! —
Nichts bleibt wie es ist auf Erden, —
Heute” muß stets „Gestern” werden!
*
99
#
KLUGHEIT
Die Väter fuhren auf dem Meer
Und kannten Fährnis, Flut und Riffe,
Als euch, noch säugend, trug einher
Die Mutter, spähend nach dem Schiffe.
Wollt ihr nun selbst das Meer befahren,
So seid nicht töricht und vermessen: —
Fragt, wie ihr meidet die Gefahren,
Denn niemals solltet ihr vergessen,
Daß lang vor euren Erdentagen,
Die Segel schon in Stürmen lagen.
*
103
#
EHRFURCHT DEN ALTEN
Wenn ihr „nicht werdet wie die Kinder”,
Wird eurer keiner je zum Finder!
Doch: — birgt er ihn nicht bei den Alten,
Wird keiner seinen Fund behalten!
Jugend schafft Wertes nur im Warten!
Jugend ist keimbereiter Garten!
Nur bei den Alten reifen die Früchte!
Der Jugend verderben sie lüsterne Süchte!
Jugend kann niemals sich selbst gestalten,
Findet sie Former nicht bei den Alten!
Jegliches Volk wird sich selbst zum Vernichter,
Bleiben die Alten nicht seine Richter
!
*
107
#
JUGENDLOB
Jede Jugend ist nach Lob begehrlich,
Kann sich nie genug gewürdigt sehen.
Ob der Lober Schalk ist, oder ehrlich, —
Das zu scheiden, wird sie nie verstehen!
*
111
#
ERFAHRUNGSWEISHEIT
Die Ältesten des Volkes
Müssen erneut zu Ehren kommen!
Törichte Schwätzer haben
Den Alten den Ruf genommen,
Haben zerschwätzt, was alle Zeiten wußten:
Daß alle Reiche untergehen mußten,
Die an den Rat der Alten
Sich nicht mehr kehrten,
Vorlauter Jugend Torheit
Nicht mehr wehrten.
Denn jeder neuen Jugend muß die Zeit
      verwahren,
Was sie ihr einst zu geben haben wird
In hohen Jahren!
*
115
#
ÜBLE FOLGE
Die ihr eigen Nest beschmutzen,
Bringen sich mitnichten Nutzen.
Die jedoch den Stamm verderben,
Müssen mit dem Baume sterben.
Er, der einst ihr Nest getragen,
Wird sie selbst im Fall erschlagen. —
*
119
#
VORZEITIGES VERMEINEN
So vieles glaubt man heute schon errungen,
Was auch Jahrtausende noch nicht errungen
      sehen werden.
So vieles glaubt man heute längst gelungen,
Was nie und nimmer uns gelingt auf Erden.
Nur voll Enttäuschung wird man einst er-
      fahren,
Wie ferne man dem schon gewiß Vermeinten
      war, —
Und unerfreut wird man zuletzt gewahren:
Daß jede Zeit sich ihre Illusion gebar!
*
123
#
JUNG UND ALT
Bei Kampf und Minne und Reigentanz
Gehört sich die Jugend in Kraft und Glanz.
Hier haben die Alten sich wegzuheben, —
Was sie einst lebten: hier will es jetzt leben. —
Hier will sich Leibes Anmut zeigen
Bei Trommel, Klarinett' und Geigen, —
Hier will sich Mut und Heldenkraft
Erweisen in hoher Leidenschaft. —
Was aber kämpfend zu erringen,
Zeigt meist der Alten Deuten und Singen,
Denn nur in Jahren und wieder Jahren
Sichert sich wissendes Erfahren. —
Die klar nun im Buche der Zukunft lesen,
Waren vor Zeiten auch Junge gewesen!
Soll sich das Volk den Enkeln erhalten,
Braucht es die Jungen wie die Alten
!
*
127
#
BERUFUNG
Nur bei den Alten sucht mir die Weiser,
Die, als ein Rat der heimlichen Kaiser,
Hoch über Herde und Weide thronen,
Keiner allmenschlichen Gier mehr fronen.
Doch nicht die Jahre nur, die der Denker
Müssend durchlitten, bestimmen den Lenker,
Weiß er nicht alles erfahrene Leben
Ewiger Seele zu eigen zu geben: —
Nur der sich selbst an die Seele verloren,
Ist als der Zukunft Former erkoren!
*
131
#
WERT DES SCHÖNEN SCHEINS
Glaubt nicht, das Strahlende sei heute über-
      flüssig!
Der Sonne Wärme ist von ihrem Lichte nicht
      zu trennen. —
Seid ihr auch heute eigenen Strahlens über-
      drüssig,
So sollt ihr doch im Glanz die Kraft erkennen!
Wißt ihr auch euren Kindern nicht zu geben,
Was eurer Väter Väter einst den ihren gaben,
So ehret doch das Wenige im Leben,
Was wir an altem Glanz noch übrig haben!
*
135
#
GNADENREICHE LENKUNG
Wir gehen einer neuen Welt entgegen, —
Wenige ahnen, wo wir alle schreiten!
Wahn weiß noch Träume zu erregen,
In denen Tausende sich selbst entgleiten...
Die ungezeugten Lenker aber geben nicht
      verloren
Was je ihr Fühlen schon als reif erfühlte, —
Auch wenn sich, was aus Geist zum Licht
      geboren,
In zähen, toten Erdenschlamm verwühlte.
Wer ihrer Hilfe sich nicht toll entzieht,
Erreicht das Ziel, — auch wenn er es noch
      flieht!
*
139
ENDE
#
BÔ YIN RÂ
AUFERSTEHUNG
Verlagslogo
Kober'sche Verlagsbuchhandlung AG, Zürich
Der bürgerliche Name von Bô Yin Râ war
Joseph Anton Schneiderfranken
2. Auflage
Die erste Auflage erschien
im Richard Hummel Verlag, Leipzig 1926
©
Copyright 1959 by
Kober'sche Verlagsbuchhandlung AG, Zürich 48
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Switzerland by
Schellenberg-Druck, Pfäffikon ZH
Inhaltsverzeichnis Seite


Vorwort 6
Auferstehung 9
Das Wissen der Weisen 19
Gesetz und Zufall 25
Vergebliche Mühe 35
Okkultistischer Karneval 49
Innere Stimmen 63
Magie der Furcht 77
Grenzen der Allmacht 89
Das neue Leben 103
Festesfreude 117
Wert des Lachens 127
Selbstüberwindung 135
Vollendung 147
#
VORWORT
ES wird kaum besonderer Rechtfertigung be-
dürfen, wenn ich das Titelwort des ersten
der hier folgenden zwölf Kapitel zum gleichsam
symbolischen Titel des ganzen Buches erhebe.
Was hier gegeben wird, soll die Seele aus Grabes-
dunkel und Moderluft zur wahren Auferste-
hung
führen.
Es sind aber viele seelisch begraben, die nicht
einmal ahnen, dass sie Verwesung umgibt, dass
Gruftgemäuer sie umschliesst. —
Andere wieder geraten unversehens tiefer und
tiefer in die Nacht des Todes, da sie in törichter
Lüsternheit sich anziehen lassen, das phospho-
reszierende Schimmern der Fäulnis und Zerset-
zung aus möglichster Nähe zu betrachten, bis
bald kein Ausweg mehr zu finden ist, der sie zu-
rück zur Helle des Tages führen könnte.
So wird es nötig, dass heller Fackelschein den
Gefährdeten deutlich zu Bewusstsein bringe, wo
sie sich befinden.
Nicht minder vonnöten ist es, Arglosen zu zei-
gen, dass sie Grabkammern betreten wollten,
in der Meinung, verborgene Tempel entdeckt
zu haben.
Doch damit genug der bildhaften Worte!
7
Ich glaube, der Sinn dieses Buches wird sich
jedem unbefangenen Leser ohnehin offenbaren
und man wird verstehen, weshalb ich die ein-
zelnen, in sich selber abgeschlossenen Teile in
der gewählten Folge aneinanderreihte.
Wer das Buch in sich aufnimmt, wie es aufge-
nommen werden will, der wird sicherlich nicht
beklagen, es gelesen zu haben, — ja, ich glaube:
er wird es alsdann noch oftmals lesen, bis er zu
jener «Auferstehung» erwacht, die weder un-
begreifliches Wunder, noch willkürliche Gnade
ist, sondern eines jeden Erdenmenschen
geistgesetzte Berufung
!
Signatur
8
#
AUFERSTEHUNG
ES gibt wahrlich Wahrheiten, die aller Zeit
entrückt, wie ewige Sterne in das dunkle
Dasein des Menschen der Erde strahlen, um ihm,
dem Gottentfernten, von jenem Lichte zu kün-
den, dem er selbst, nach seiner Geistigkeit, ent-
stammt.
Wohl denen, die da, gebunden an Mühsal und
Erdenfron, noch ihren Blick zu erheben wissen
zu jenen überweltlichen Höhen, aus denen sol-
ches wundersame Licht sie erreichen kann, um
ihre Herzen mit seinem ewigen Glanze zu er-
füllen!
Alle Düsternis der Erde wird vor dem, der von
solchem Lichte erfüllt sie durchwandelt, wei-
chen, und wo vordem graue Gespenster schreck-
ten, werden die Engel des Himmels ihm lichten
Weg bereiten! — —
Gar vielen aber hat die harte Not den Mut be-
nommen, von der Erde aufzublicken, und sie
fürchten allzusehr, den sicheren Boden unter
den Füssen zu verlieren, wenn je die Sehnsucht
sich in ihnen regt, das Haupt emporzurichten.
Es tönen Stimmen zu ihren Ohren, die da rufen:
11
«Erdgebannte seid ihr und gefesselt in der
Erde Hörigkeit!
Entsaget dem Wahn, dass euch aus lichter
Höhe Hilfe werden könne.
Glaubt eitlen Sagen nicht, die euch von
einem Reich des Geistes künden wollen, das
nur Erdichtung törichter Schwächlinge ist, die
so wie ihr durch dornichte Wüste schreiten
mussten und ihrer blutenden Füsse schwärende
Wunden dadurch zu vergessen suchten, dass sie
sich selber solche Mär ersannen!»
Wie mancher liess sich schon durch dieser Stim-
men überlautes Gekrächze beirren, und wagte es
fortan nicht mehr, auf hohe Hilfe zu hoffen, so
dass ihm seines Erdenlebens Tage nur lichtes-
leere Qual und sinnloses Opfer wurden...
Und dennoch hätte auch ihm des Geistes Licht
Erlösung bringen können; dennoch hätte auch
er die Finsternis, die ihn umgab, alsbald erhellt
gefunden, wenn er nur selbst den Strahlen sich
eröffnet
haben würde, die aus des Geistes
Reich ihn zu erreichen suchten. — —
*
12
Da war einst einer, der «Auftrag» von seinem
«Vater» hatte, von dem er sagte, dass er
«grösser» sei als er, und der da sprach:
«Ich bin die Auferstehung und das Le-
ben: wer an mich glaubt, wird leben,
wenn er auch gestorben ist: und jeder,
der da an mich glaubt, wird nicht ster-
ben in der Ewigkeit
Er hatte wahrlich nicht von einem starren Be-
kenntnis
gesprochen, sondern von sich selbst
und von dem, was er selber war, und deutlich
genug war sein Wort: dass er «die Seinen»
kenne, wie die Seinen ihn!
Noch aber wissen die meisten nicht, wer dieser
war, der also sprechen durfte, — wer da die
«Seinen» sind, zu denen er sich zählte, und
wer der «Vater», der ihm Auftrag gab...
Noch hat die Welt nicht erkannt, wie tief die
Gründe seiner Rede gingen, wenn er sprach:
«Wer mich nicht liebt, der tut nicht nach
meinem Wort: und das Wort, das ihr hörtet,
ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich
sandte!» — —
13
Sein Dasein aber war seine «Lehre», und sein
Leben war Lösung aller Rätsel, die des Men-
schen Erdendasein birgt! — —
Doch nur, wer zu lieben weiss, was hier in irdi-
sche Erscheinung trat, wird diese Lösung in sich
selbst erfahren können! — — —
Er, der als der Grösste aller Liebenden
über die Erde schritt und in seiner Geistgestalt
auch heute noch in der Erde geistigem Schutz-
kreise lebt; — er, den die Liebe hier hält «bis
ans Ende der Welt», — kann keinem je sich
selber offenbaren, der nicht durch Liebe ihm
sein Herz zu öffnen weiss. — —
Der aber, dem er also sich im Herzen offenbart,
wird wahrlich nicht mehr zweifeln, dass auch
ihm die Auferstehung wird, — die gleiche
Auferstehung, die dem hohen Meister wurde,
als sein Erdenwerk der Liebe einst vollendet
war! — — —
Lasst alle überklugen Zweifel fahren, die euch
der alten heiligen Kunde strahlend lichte Wahr-
heit
dunkeln wollen!
14
Wohl kam diese Kunde erst auf uns, nachdem
gar manche, die sie nachgeschrieben hatten,
ihrer Meinung Wahn in ihr bestätigt sehen
wollten und so die Worte also stellten, wie sie
glaubten, dass sie stehen müssten, weil ihr enges
Denken nicht erfassen konnte, was einst wahr-
haft Wissende
in solchen Worten kundzutun
sich mühten. —
Verzeiht den Törichten, was sie getan, und su-
chet selbst den roten Faden aufzufinden, der
euch zurück zur uranfänglich hier bezeugten
Wahrheit leitet!
So mag euch manches Wort wohl als der Späte-
ren Ersinnung sich bekennen, allein die sternen-
helle Wahrheit, die sich dennoch in der alten
Kunde birgt, wird dann erst recht zu euren
Herzen dringen.
Ihr werdet sicherlich erkennen, dass dem Auf-
erstandenen
sein Leib nichts nützen konnte,
doch wird euch seine wahre Auferstehung also
nur gewisser werden, bis ihr selbst das Zeug-
nis dessen, der da aus der Erdenbindung sich
erhob, in euch erfahren werdet! — — —
15
Ich selbst darf ihn bezeugen und seine wahr-
hafte Auferstehung, so wie ich vom Dasein
der Erdensonne Zeugnis zu geben vermöchte;
und wahrlich weiss, wer mich kennt, dass ich
nicht zu denen zu zählen bin, die irrer Träume
Sklaven und ihres phantastischen Wahns Ge-
fesselte sind! — — —
Jedoch, ich will nicht, dass man solchem Worte
glaube, bevor man selbst die Wahrheit mei-
ner Worte in sich selbst erlebte!
Ich will nur allen, die in diesen dunklen Tagen
sehnsuchtsvoll nach Licht verlangen, die Wege
zeigen, die ihnen jenes hohe Licht der Wahrheit
wieder selbst erreichbar werden lassen, das
einst den Alten, die in frommer Einfalt suchten
und nicht des Glaubens Hemmungen erfuhren,
die den Menschen dieser Zeit beirren, ihres Er-
dendaseins Pfade hellte! —
Tausenden durfte ich hier Helfer sein; aber noch
liegen Tausende in tiefem Schlafe und harren in
angstvollen Träumen der Erweckung!
Noch wissen viele nicht, dass sie sich selbst
Gewissheit schaffen können und dann auf Erden
16
schon ein Wunder in sich selbst erleben, das
alles übersteigt, was jemals Wundersehnsucht
Menschen glauben liess. — —
Sie zu erwecken sollen meine Worte dienen,
auf dass allen einst die Wahrheit sich selbst be-
kunde, — die Wahrheit von des «Men-
schensohnes» Auferstehung
! — — —
Wer sie nicht in sich selbst erlebt, dem wird
sie zeitlebens nur fromme Mär, oder «Glaubens-
artikel» sein.
Er wird kaum fassen können, dass die Wunder-
sucht der Alten höchstes Geistgeschehen um-
zudeuten wagte in eine irdisch-greifbare Be-
gebenheit...
Erst wenn er in sich selber «auferstanden»
ist, wird er die Wahrheit schauen, die erster
Anlass solcher Bildgestaltung wurde.
*           *
*
17
#
DAS WISSEN DER WEISEN
GAR wenig nur weiss zumeist der Weise
von dem, was man auf Erden «Wissen»
nennt.
Ihm ist eine andere Weise des Wissens kund,
die wohl recht vielen, die auf dieser Erde hier
zu «wissen» meinen, unbekannt und uner-
klärbar
bleibt.
Nach solcher Weise aber weiss er mit Gewiss-
heit, dass da so manches, was der irdische Ver-
stand ein «Wissen» nennen mag, an einem gar
dünnen Spinnwebfaden hängt und nicht mehr
«wahr» und «richtig» ist, sobald dieser Faden
reisst. —
Und dieser Faden wird einst reissen für jeden
einzelnen
!
Jene aber, die dann um dieses einzelnen Leich-
nam stehen, werden nicht verstehen können,
dass für den, der noch vor kurzem ganz nach
ihrer Weise lebte, der Faden gerissen ist,
an dem all ihr erdenhaftes Wissen nach wie vor
noch so scheinbar sicher hängt...
Sie ahnen nicht, dass für ihn, dessen starre
Erdenhülle hier zurückblieb, nun alles, was an
ihrem Spinnwebfaden für sie noch hängen
blieb, hinunterstürzte in einen finsteren Ab-
21
grund, allwo es der Strom des Vergessens hin-
wegspült, wie alles Verbrauchte, das zu Moder
und Fäule wird, nachdem es seine Dienste ge-
leistet hat. — —
...Der da die Erde hinter sich liess, will zwar
nach wie vor wissen, aber da ihm nun das vor-
her Gewusste für immerdar versank, so sucht er
alsbald nach einem anderen Wissen, das nicht
an einem dünnen Faden hängt und nur Geltung
hat, solange der Faden nicht reisst. —
Es wird ihm aber wenig helfen, also wissen zu
wollen, solange er noch geblendet ist vom Schein
des nun verlorenen Wissens, dessen er einst-
mals so sicher war...
Es wird ihm gar wenig helfen, dass er nach dem
neuen Wissen auf alte Weise sucht...
Er wird so nur ein Wissen erlangen, das wieder
nur an einem dünnen Faden hängt, wie einst
sein erdenhaftes Wissen, und — mag auch die-
ses Wissen, das er so erreicht, für ihn weit
länger
nun gesichert scheinen: — es wird auch
dieser Faden einstmals reissen. —
22
Darum ist es dem Menschen gut, dass er auf
Erden schon erkenne, wie alles Wissen, das er-
grübelt
und erdacht wird, nur wie ein Trop-
fen Tau an jenem Spinnwebfaden hängt, den
die Spinne Vorstellung zwischen «Nicht-
mehr
» und «Nochnicht» zu spinnen weiss.
Hat er solches erkannt, dann wird er nicht all-
zusehr mehr dieser Art Wissen sich vertrauen,
auch wenn er klug die Macht und Herrschaft
nützen mag, die ihm dieses Wissen hier auf
Erden
über Irdisches gibt. —
Es wird die Ahnung eines anderen Wissens
ihm erkeimen: — eines Wissens, das nicht mehr
ab-hängt von dem Spinnengewebe zwischen
Nicht-mehr und Noch-nicht. —
So wird er, — reisst für ihn dereinst der Faden
ab, an dem sein Erdenwissen hing, — bereit ge-
funden werden, jenes andere Wissen zu er-
langen, dessen Fundamente tief im Urgrund
allen Seins verankert sind...
Wahrlich, solcher Art ist das Wissen
des Weisen schon während seines Er-
denlebens, und keiner dünke sich wei-
se, der es nicht kennt
! —
23
Solche Weise zu wissen, ist die Weise der
Ewigkeit
, wie sie dereinst allen vertraut wer-
den wird, auch wenn sie erst nach Äonen fähig
werden sollten, sich über die Weise vergäng-
lichen
Wissens zu erheben! — — —
Alles Wissen der Erde bleibt ausserhalb seines
Gegenstandes, — im Wissen der Ewigkeit
aber ist der Wissende, der Gegenstand
seines Wissens, und das Gewusste, in völliger
Durchdringung
.
So nur wird wahrhaft «erkannt»! —
*           *
*
24
#
GESETZ UND ZUFALL
IST es ein «Zufall», mein Freund, dass diese
Worte heute vor dein Auge treten, oder
glaubst du, dass sich «Gesetz» erfüllt haben
müsse, damit dies nun möglich geworden sei? —
Ich fürchte, dass deine Antwort gar sehr bedingt
sein wird durch den Verlauf der Wege, die du
deinem Denken bahntest, auf dass es durch die
Dschungel irdischen Erlebens finde...
So wirst du mir etwa sagen können, für dich sei
«Zufall» nur verhüllte Gesetzmässig-
keit
, aber vielleicht mag auch deine Antwort
lauten, dass es dir ferneliege, hier ein Ge-
setz
zu vermuten.
Diese wie jene Antwort lässt sich begründen,
und doch wirst du weit entfernt von letzter Ge-
wissheit
sein. —
Gewissheit aber ist hier wahrlich erstrebens-
wert
, wenn jemals du dahingelangen willst,
dein irdisches Erleben sicher zu deuten. —
Möge aus meinen Worten dir nun Gewissheit
werden!
Es sind recht bekannte Dinge, die hier erst be-
rührt werden müssen, denn zuvörderst braucht
27
es Klarheit darüber, was wir unter den Worten
«Gesetz» und «Zufall» verstanden wissen wol-
len.
...«Gesetz» glaubst du verborgen, oder
meinst du offenbarlich zu erkennen in jedem
Ablauf irdischen Geschehens, der dir mit Sicher-
heit erlaubt, aus einer Wirkung ihre Ursache
zu erschliessen, oder von einer Ursache her
bestimmte Wirkung zu erwarten.
Wo du jedoch vor einer Wirkung stehst, die
du dir ebenso auch anders möglich denken
kannst, weil ihre Ursache verborgen bleibt,
dann redest du von einem «Zufall».
Nun kannst du gar wohl zwar eine Ursache
dafür entdecken, dass diese Worte heute dich
erreichen, ja: eine ganze Kette ursächlicher
Verknüpfung zeigt sich dir, deren letztes, dir
nächstes Glied eben die Wirkung schafft, dass
diese Worte von dir jetzt gelesen werden.
Doch all dieses Zurückverfolgen einer Ursachen-
reihe zeigt dir nur, dass alles, was hier auf Erden
geschieht, nicht aus dem Zusammenhang von
Ursache und Wirkung zu lösen ist.
28
Vergeblich suchst du eine Lücke, in der du dem
«Zufall» auf die Spur geraten könntest.
Auf Ursache folgt Wirkung, die selbst wieder
neuer Wirkung Ursache bildet, aber an keiner
Stelle entdeckst du den Hebel, der dieses Ge-
triebe — wie die Erfahrung hinreichend zeigt —
gar oft so scheinbar willkürlich ablenkt, dass
du dir dann selbst mit dem Worte «Zufall» zu
verbergen suchst, wie unzureichend hier deine
Erkenntnismöglichkeiten sind. —
*
Du suchst umsonst, denn was du suchst ist dei-
ner Art zu suchen verborgen!
Du suchst umsonst, denn was du finden möch-
test, lässt sich dort nicht finden, wo du es ent-
deckbar glaubst!
Alles was du «Zufall» nennst, ist wirklich
ein Dazugekommenes, ein dem kausalen Ab-
lauf des Geschehens Zugefallenes, aus dem
dir unzugänglichen Bereich der unsichtbaren
Welt, es sei denn, du gebrauchtest das Wort
29
«Zufall» nur aus Aberglaube, oder um stets
eine billige, scheinbare Erklärung des dir Un-
erklärlichen zur Hand zu haben. —
Wohl ist das «Gesetz» nicht aufgehoben,
wo der «Zufall» in Erscheinung tritt, allein
eine zweite und andersartige Reihe von Ur-
sache und Wirkung ist zu dem dir erforschbaren
Ablauf des äusseren Geschehens hinzugekom-
men
und übt ihren Einfluss aus, durch den die
einzelnen Ablaufsreihen äusseren Geschehens
sich oft in sehr wesentlich anderer Weise
kreuzen
als dies ohne solchen Einfluss je er-
forderlich gewesen wäre...
Was du «Zufall» nennst, ist nichts anderes als
die Auswirkung dir unbekannter Impulse aus
der unsichtbaren Welt.
Von sehr verschiedenen Ausgangspunkten
können diese Impulse herrühren.
Sie können geschaffen sein durch dir unwahr-
nehmbare Intelligenzen
der unsichtba-
ren physischen
Welt, durch Menschen, die
30
gleich dir auf dieser Erde leben, und durch den
Willen hoher Geisteswesenheiten.
Immer aber ist hinter jedem echten «Zufall»
ein solcher Impuls als «Ursache» aus einem
Wirkungsbereich zu suchen, der deinem äusse-
ren erdenmenschlichen Erkennen verschlossen
bleibt! —
Auch im «Zufall» tritt gesetzmässiges Wir-
ken zutage, aber es handelt sich hier nicht mehr
nur um die Gesetze, die menschlichem Ver-
standeserkennen erforschbar sind.
«Zufall» ist das Resultat des Ineinander-
greifens
der Gesetze des äusseren und des
sinnlich unfassbaren Bereiches der physi-
schen Welt, wobei jedoch stets ein Willens-
impuls
die verborgene Auslösung schafft! —
Ob solcher Impuls in einer dir günstigen oder
dir Schaden bringenden Weise wirkt, wird
von seinen Urhebern abhängen, die vor dir
verborgen bleiben...
Hinter jedem echten «Zufall» aber wirst du
einen Willen entdecken können, der bei ande-
rem
Geschehen fehlt, und kein Geschehnis soll
31
dir als «Zufall» gelten, bei dem sich nicht mit
aller Deutlichkeit ein Wille hinter dem Ge-
schehen erweisen lässt!
*
Vielleicht, mein Freund, wirst du nun die Frage,
die ich zu Anfang stellte, doch anders beantwor-
ten können, sei es, dass du nur den automati-
schen Ablauf äusseren Geschehens am Werke
siehst, oder sei es, dass du mit Recht von einem
«Zufall» reden kannst!? —
Du wirst zum mindesten nicht mehr im Zwei-
fel
sein können, was du antworten sollst!
Doch war die Frage von mir nur um des Bei-
spiels
willen aufgeworfen worden und es
kommt deiner Antwort, wie du selbst leicht er-
sehen wirst, hier keine weitere Bedeutung zu.
Nicht unwichtig aber wird es für dich sein,
wenn du hinfort in besonderer Weise auf die
«Zufälle» deines Lebens achten lernst.
Es sind die einzigen Anzeichen für dich, aus
denen du auf die Art der Einflüsse aus dem Un-
32
sichtbaren schliessen darfst, die dir in diesem
Erdenleben zuströmen mögen.
Strebst du, deiner eigenen Willensrichtung nach,
bedenklichen Dingen zu, dann wird dir der
«Zufall», gelenkt durch die niederen Intelli-
genzen der unsichtbaren physischen Welt,
alsbald die Wege ebnen, die dich zu Schuld
und Frevel führen, und jeder Tag wird dir
neue, ungesuchte Versuchung bringen. —
Bist du jedoch bereits auf dem Wege zum
Geiste
angelangt, so wirst du auch da auf
Schritt und Tritt dem «Zufall» begegnen, doch
hier gelenkt von den hohen, liebenden Führern
aus der Geisteswelt, die dir auf solche Weise
gar manches nahezubringen wissen, dessen du
auf deinem Wege, hier in der Aussenwelt, für
dein geistiges Entfaltetwerden, bedarfst. —
Ein jeder «Zufall» stellt dich unerwartet auf
die Probe und es wird sich zeigen, wohin du
dich selber stellst
, je nachdem du ablehnst
oder aufgreifst, was er dir nahebringt. —
Auch dort, wo dir der «Zufall» als Schützer
naht, und wo du erst später erkennst, was du
33
ihm zu verdanken hast, wirst du deinen Wert
erweisen können, indem du nicht achtlos an sol-
chem Begebnis dir genügen lässt, sondern aus
ihm dich zu belehren weisst. — —
Je mehr du den «Zufall» in deinem Leben be-
achtest
, desto bedeutsamer wird er für dich
werden! —
Je mehr du zu nützen weisst, was er dir bringt,
desto mehr wirst du vom «Zufall» zu erwar-
ten
haben! — —
Was niemals der automatische Ablauf des «Ge-
setzes
» für dich vorbestimmt zeigen würde,
kann durch einen «Zufall» in dein Leben
treten...
Möge dir reichlich «zufallen», was dir Segen
bringt!
*           *
*
34
#
VERGEBLICHE MÜHE
ES gibt in diesen Tagen schier unzählige
Menschen, denen zu Bewusstsein kam, dass
aller Inhalt, den sie ihrem Leben zu geben such-
ten, nur zeitweilige Erfüllung war.
So suchen sie nun nach einem anderen, blei-
benden
Inhalt, und ahnend erfühlen sie, dass
solcher unverlierbarer Inhalt auch irgendwie
zu erlangen sein müsse, ja, dass andere ihn zu
allen Zeiten und selbst in jeder, noch so schwie-
rigen Lebenslage zu erlangen wussten.
Es ist nur allzu verzeihlich, wenn man nun
glaubt, der ersehnte bleibende Lebensinhalt
könne doch wohl nur auf gleiche Weise wie alles
andere erlangt werden, das man allhier auf Er-
den zu erlangen wusste.
Man wähnt, es handle sich nur darum, ein ver-
borgenes Wissen wieder auszuschürfen und ist
des irren Glaubens, dass man alsbald den er-
sehnten Inhalt des Lebens besitze, sofern man
nur um die verborgenen Dinge wisse, die an-
scheinend jenen nicht unbekannt waren, deren
Leben eben diesen Inhalt umschloss.
Ursache und Wirkung werden törichterweise
37
hier verwechselt! Wohl würde der gesuchte
Lebensinhalt auch zu einem neuen Wissen
führen, aber niemals kann er durch Gewusstes
vermittelt werden. —
Daher ist es wahrlich vergebliche Mühe,
wenn sich der Suchende anschickt, alle Bücher-
kammern durchzustöbern, verstaubte Nieder-
schläge früherer Zeiten zu erforschen, und sich
von jedem Mystagogen dieser neueren Tage, —
durch krause Wahngebilde irdisch-allzuirdischen
Denkens berückt, — willig am Narrenseil führen
lässt, in der Meinung, jenes «Wissen», das nur
Willenswandlung geben kann, sei zu erlan-
gen, wie das Wissen um die Dinge dieser Erde! —
*
Unzählige Konventikel sind entstanden aus
der Sehnsucht der Suchenden, den erahnten In-
halt ihres Lebens zu finden.
Gutgläubige Schwärmer, wilde Phantasten, aber
auch sehr bewusste Menschenfänger sind in sol-
chen Kreisen zu der Stellung gelangt, die sie
38
anderswo in der Welt vergeblich zu erlangen
suchten.
Immer wieder führt die vage Hoffnung, am Ende
doch das Gesuchte zu erreichen, diesen Zirkeln
neue Anhänger zu, und die Versprechungen der
sogenannten «Führer» sorgen dafür, dass so
mancher Suchende auch dann noch ausharrt,
wenn ihm schon längst sein Inneres sagt, dass
er wahrhaftig Besseres mit seiner Kraft, seiner
Zeit und seinem Gelde beginnen könnte. —
Vergebliche Mühe, jemals den gesuchten
bleibenden Lebensinhalt in solcherlei Konven-
tikeln finden zu wollen!
Zeitweilig wird freilich so mancher Suchende
betört, und es fehlt auch nicht an solchen,
denen in dem Schwall der grossen Worte alle
Selbstkritik abhanden kommt, so dass sie
nicht mehr fähig sind, zu merken, wie sie
sich betrügen.
Die Geste unnahbarer Überheblichkeit der
«Führer» ward ihnen sicherste Gewähr der
Wahrheit. —
Aber vergeblich wird man unter «Führern» und
39
Verführten auch nur einen suchen, der wirk-
lich
jene eine letzte Gewissheit in sich er-
langte, die alles Sehnen nach dem erahnten,
bleibenden Lebensinhalt stillt! —
Ich darf wohl sagen, dass es keinen dieser hier
gemeinten Konventikel gibt, wie immer sie sich
auch benennen mögen, aus dem nicht schwer
und bitterlich Enttäuschte einstmals zu mir
kamen, mir ihr Leid zu klagen.
Viele Bände würden nicht genügen, alles aufzu-
zählen, was diese arg Geschädigten mir zu be-
richten hatten.
Oftmals sträubte ich mich, das Erzählte zu
glauben, bis ich Dokumente erhielt, die selbst
das Berichtete noch weit überboten...
Wie konnten, so fragte ich mich, gebildete
Menschen
, oft solche mit wissenschaftli-
chen Graden
, derartiger Narrheit, derartig
verantwortungsloser Seelenfängerei zum Opfer
fallen?!
Und mit Beschämung wurde mir bekannt, dass
40
man schon jahrelang den Irrtum oder den Trug
durchschaute, aber nicht die Kraft gefunden
hatte, denen, die ihn längst von aussenher er-
kannten, nun zu gestehen, dass man all die
Jahre her sich durch den Irrtum seiner Wegge-
nossen, oder gar die Unverfrorenheit angeblich
«wissender Führer» habe betören lassen. — —
Entsetzliche Bilder des Zusammenbruches ha-
ben sich so vor meinen Augen entrollt, und
schaudernd musste ich sehen, wie furchtbar die
Folgen sind, die eine unfassbare Leichtgläu-
bigkeit
auf der einen, und eine nur durch
Selbstbetrug noch erklärbare Unverant-
wortlichkeit
auf der anderen Seite verur-
sachen können...
*
Aber nicht nur aus Konventikeln kommen
die Enttäuschten, die nach jahrelangem Suchen
endlich resigniert erkennen, dass sie sich betro-
gen hatten.
Es gibt noch mancherlei andere Weise, sich
41
vergebliche Mühe zu bereiten und sich vom
Ziele seiner Sehnsucht täglich mehr zu entfer-
nen
, während man ihm gar mit Riesenschritten
zu nahen glaubt.
Von alledem habe ich an anderem Orte genug-
sam gesprochen; vor alledem wurde genugsam
gewarnt! —
Allzu unscheinbar, allzuwenig vom
Hauche des Mysteriösen umweht
, ist für
viele der schlichte Pfad, der allein das Ge-
suchte finden lässt...
Hier aber sei jetzt noch die Rede von einer be-
sonders törichten Art, in der nur allzu viele
Suchende Kraft, Zeit und Geld verschwenden,
von einer enttäuschten Hoffnung in die andere
gejagt, bis endlich denn doch die grosse Ernüch-
terung kommt.
Ich meine das wilde und meist auch wahllose
Verschlingen aller erdenklichen Bücher und
Schriften, die irgendwie das okkulte Gebiet be-
rühren, oder auch nur durch den Titel Auf-
schluss über okkulte Dinge versprechen.
42
Doch will ich keineswegs das Missverständnis
aufkommen lassen, als hielte ich jegliche Lek-
türe dieser Art für bedenklich.
Keiner aber, der die Verhältnisse einigermassen
kennt, wird mir Unrecht geben, wenn ich sage,
dass es wohl auf wenigen Gebieten der Literatur
so viel und so ausgeprägten Schund gibt,
als unter den Büchern und Schriften, die sich
mit der Darstellung okkulter Dinge befassen.
Die in Rede stehende Materie selbst bringt das
mit sich.
Es handelt sich um Dinge, über die noch zu jeder
Zeit nur einige wenige auf Erden sicheren
Aufschluss
geben konnten, über die aber auch
zu jeder Zeit unzählige, aus eigener krauser
Phantasie, weitschweifig zu fabeln wussten.
Gefährlich wird die Sache dadurch, dass nur
der Kundige feststellen kann, wo von Dingen
gehandelt wird, die eine, wenn auch oft schwer
noch kenntliche, reale Grundlage haben, und wo
die abstruseste Fabelei beginnt.
Eine weitere Gefahr besteht in der Tatsache,
dass es unzählige Bücher auf diesem Gebiete
43
gibt, die nichts anderes darstellen, als Lese-
früchte aus vier oder fünf anderen, so dass eine
scheinbare Bestätigung entsteht, der sehr oft
Neulinge zum Opfer fallen.
Die dritte Gefahr sehe ich darin, dass mancher
an sich sehr beachtliche Autor zwar mit gutem
Recht nur das Resultat seiner eigenen, spekula-
tiv erworbenen Erkenntnis darbietet, aber,
durchdrungen von der vermeintlichen «Richtig-
keit» seiner Darlegung, in eine Tonart verfällt,
die den Leser leicht zu dem Glauben kommen
lässt, als sei von unumstösslich gesicherten, nur
überaus wenigen jederzeit zugänglichen Ein-
blicken in das Innerste des Seins die Rede.
Jeder, der die Literatur des Okkulten kennt,
wird zu allem, was ich hier als gefahrvoll be-
zeichne, Beispiele in Menge finden.
Aber der Suchende kauft und kauft, und trägt
womöglich in jeder Rocktasche ein Traktätchen
bei sich, das ihm als unantastbares «Evange-
lium» gilt.
Unbeschreibliche «Bibliotheken» werden auf
diese Weise gesammelt, und jede aufkommende
44
Unbefriedigung wird schleunigst durch den Er-
werb eines neuen Schmökers erstickt.
Nehmen wir aber nun auch ruhig einmal an,
ein jedes dieser oft so entsetzlich nach «Ge-
schäft» im übelsten Sinne riechenden Bücher
enthielte die lauterste Wahrheit.
Dann wäre der Inhalt möglicherweise mehr oder
weniger wertvolles Studienmaterial und könnte
dazu dienen, das Wissen des Lesers zu erweitern.
Vielleicht auch könnte er einen Wink empfan-
gen, wie er sein Suchen nach dem ersehnten
bleibenden Lebensinhalt einzurichten ha-
be, um einmal zu erlangen, wonach er be-
gehrt. Was immer aber der Leser auch erfahren
möge von okkulten Tatsachen und Zusammen-
hängen, gesetzt es wäre die letzte Wahrheit, das
kann ihm zwar Wissensbereicherung, aber
niemals den ersehnten Lebensinhalt sel-
ber
bringen.
Diesen Lebensinhalt bringt nur die Lehre der
wenigen, die zu allen Zeiten um ihn und die
Weise seiner Erlangung wussten, und darum
45
lehren können, wie er zu erlangen ist. — — —
Es ist dieser Lebensinhalt aber erlangbar für
einen jeden, einerlei, ob er auf allen Gebieten
des Okkulten Bescheid zu wissen glaubt oder
ehrfürchtig vor dem noch Ungewussten wartet,
bis es die Natur selbst enthüllen will. —
Zum mindesten sollte man wissen, dass alles
Eindringen in geheimnisumschleierte Vorgänge
nur dann erspriesslich ist, wenn es zu vermehr-
ter Ehrfurcht vor dem auch weiterhin noch
Verborgenen führt. —
Wesentlich wichtig ist aber für den Men-
schen nur, dass er von jenen Zusammenhän-
gen erfahre, die ihn bewegen können, sein ei-
genes Leben umzugestalten
, so dass er für
die Hilfe aus dem Reiche des Geistes endlich
erreichbar wird, die ihn hier auf Erden schon
zu seinem ewigen Bewusstsein erhebt. — —
Dieses ewige Bewusstsein ist nicht nur ein
neuer Bewusstseins-Inhalt, sondern zugleich
eine neue Art, bewusst zu sein...
Hier kann nichts mehr von aussen her kom-
men und jede Bestätigung findet der Mensch,
46
nachdem er solches Bewusst-Sein erlangte,
fortan in sich selbst. — —
Auch die Lehre wird gegenstandslos, sobald
man das Ziel erreichte, denn nun ist alles, was
sie erst in Worten nahebringen musste, ewige
Gegenwart
und jederzeit bewusst. Der
erahnte und so sehr ersehnte Lebens-Inhalt ist
für immer gefunden! —
Vergebliche Mühe war es, ihn erdenken
zu wollen!
Vergebliche Mühe war es, ihn zu suchen in
alten Folianten!
Vergebliche Mühe
war es, sich «blinden
Blindenleitern
» zu vertrauen!
Vergebliche Mühe endlich war es, den blei-
benden Inhalt des Lebens, der ein neues Sein
ist, erlangen zu wollen durch vermehrtes Wis-
sen
von den geheimnisvollen Dingen, die Natur
uns dicht verschleiert hält, und die für uns zu-
nichte
werden mit gleichem Tage, an dem
die Sinne unseres Erdenkörpers einstens
ihren Dienst versagen müssen! — —
*           *
*
47
#
OKKULTISTISCHER KARNEVAL
DIE seltsame Lust, sich hinter einer Maske
zu verbergen und in vermummter Gestalt
allerhand Unfug zu verüben, darf sich bekannt-
lich zu einer gewissen Zeit des Jahres unge-
hemmt austoben, und wo dies mit Witz und
gutem Humor geschieht, dort lässt man solches
tolle Spiel gerne an sich vorüberziehen, auch
wenn man selbst nicht die mindeste Neigung
verspürt, etwa daran teilzunehmen.
Es ist ja nur eine kurze Spanne Zeit, in der die-
sem Treiben Freiheit gewährt bleibt, und ernste
Tage gibt es immer noch genug.
Bedenklich wird der Trieb zu Maske und Mum-
menschanz erst dann, wenn er sich auch in Le-
bensbereichen austobt, in denen er wahrlich
nichts zu suchen hat.
Ein solcher Lebensbereich, in dem der Karneval
offenbar Permanenzrecht geniesst, scheint
der heutige Okkultismus zu sein, trotz aller
ernsthaft und ehrlich Suchenden die hier laute-
ren Sinnes den Rätseln des Daseins eine befrie-
digende Lösung zu finden bemüht sind.
Man braucht nur die neuere und neueste okkul-
51
tistische Literatur einmal durchzusehen — so-
weit das bei der Überfülle unberufener Produk-
tionen auf diesem Gebiete zur Zeit noch möglich
ist — um das tollste Fastnachtstreiben zu ge-
wahren.
Aber dieser wilde Mummenschanz tritt mit der
Ambition auf, ernst genommen zu werden, und
deshalb wird er für viele zur Gefahr.
Mit ganz unglaublicher Dreistigkeit wird lächer-
lichstes Gaukelspiel betrieben und denen, die
nicht alle werden, dargeboten als die wahre
«Magie», — mit einer Unverfrorenheit sonder-
gleichen drapieren sich die Akteure dieses Kar-
nevalstreibens und verlangen, dass man ihren
Flitterputz als Goldbrokat und echtes Edel-
steingeschmeide werte.
Wie abgeschmackt und durchsichtig auch der
Trug sich gebärden mag: — stets findet jede neue
Geste wieder ihre Gläubigen.
Wären es nur die geistig Unmündigen, die
hinter jedem Harlekin herlaufen, der mit seiner
Narrenpritsche auf den Zaubersack klopft und
behauptet, da drinnen trage er den «Stein der
52
Weisen», dann liesse sich das noch allenfalls be-
greifen, aber fast unbegreiflich bleibt es, dass
sich nur allzuoft auch Leute einfangen lassen,
die sich sonst bei jeder Gelegenheit mit ihrer
kritischen Skepsis brüsten. —
Wo ist die Ehrfurcht vor dem Weistum der
grössten Menschengeister
, die je über
diese Erde schritten, wenn man sich betören
lassen kann, zu glauben, dass irgendein obsku-
rer Abenteurer um die Geheimnisse wisse, die
zu ergründen jene Grossen sich mühten ihr gan-
zes Leben lang, und die sie nur denen offen-
barten, die sie verstehen konnten!?
Glaubt man denn wirklich, die Weisheit sei in
diesen Tagen so billig geworden, dass man sie
nun im Ausverkaufsstil der Warenhäuser «ver-
ramschen» müsse, um sie noch an den Mann zu
bringen?! —
Gibt es wirklich heute Gehirne, die den Gedan-
ken ertragen, dass der Seele Einigung in
Gott
erlangbar sei durch okkultistische
«Übungen
» irgendwelcher Art, und denkt man
wirklich so gar gering von denen, die einst
53
solche Einigung erlangten, dass man ver-
meint, ihr heimlichstes Tun sei nun enthüllt,
weil irgendein geldbedürftiger Traktätchen-
schreiber behauptet, er habe es als Auserwähl-
ter, unter mehr oder weniger mysteriösen Um-
ständen ganz genau erfahren?!?
Fast möchte man glauben, dass jede Spur ge-
sunder Urteilsfähigkeit den meisten Menschen
abhanden kommt, sobald sie sich auf das «ok-
kulte» Gebiet begeben...
Hier wird alles für bare Münze genommen,
was auf den ersten Blick als wertlose Spiel-
marke
kenntlich würde, vertraute man nicht
allzusehr den bramarbasierenden, wichtigtuen-
den Redensarten dessen, der einem solchen nich-
tigen Tand als vollwertig echtes Gold aufzu-
schwatzen sucht.
Es scheint keine Grenze der Glaubenswilligkeit
zu geben, besonders dann nicht, wenn der an-
geblich «Eingeweihte» es gar noch versteht,
durch etwelche schöne, von anderen erborgte
Worte, jede Frage nach seiner eigenen ethischen
Qualität zurückzudrängen.
54
Wird auch noch ein möglichst breites Wissen
vorgetäuscht, das Ahnungslose glauben machen
soll, es rede einer zu ihnen, der alle Wissen-
schaft beherrscht, dann kann sich verantwor-
tungslose Charlatanerie schon so ziemlich alles
erlauben, ohne in ihrer Maske erkannt zu
werden.
Ein guter Zettelkasten und eine umfangreiche
Bücherkiste mit okkultistischen Schmökern aus
alter und neuer Zeit bilden meist das ganze Um-
und-Auf des vermeintlichen Wissens eines sol-
chen Schaumschlägers, und nur die Unbelesen-
heit seiner Anhänger, soweit es sich um der-
art fragwürdige Literaturerzeugnisse handelt,
schützt ihn vor der Entlarvung. — —
Es ist nicht nötig, hier auf besondere okkulti-
stische Maskenscherze ausdrücklich hinzuwei-
sen.
Jeder, der dieses Karnevalstreiben offenen Au-
ges betrachtet, ohne sich durch verwegene Ka-
priolen imponieren zu lassen, wird recht bald
55
um Beispiele nicht mehr verlegen sein, und
wenn es ihn gelüstet, kann er auch ganze Ka-
tegorien
stets wiederkehrender Verlarvun-
gen unterscheiden lernen...
Recht seltsamen Gestalten kann er so im Mum-
menschanz begegnen, und fehlt es ihm nicht an
Humor, dann wird ihm oft genug ein befreien-
des Lachen aus seiner begreiflichen Entrüstung
helfen.
Mitleid und Scham um des Menschen
willen
wird den also Betrachtenden aber dann
erfassen, wenn er in dem grotesken Treiben
jenen begegnet, die selbst an ihre Verlarvung
glauben und nicht mehr wissen, dass sie nur
in einer Maskenhülle stecken. — —
Je mehr man dann diesen ganzen Flitterputz
durchschauen lernt, den manche seiner Träger
gravitätisch ernsthaft tragen, andere in tollen
Gauklersprüngen glitzern lassen, desto mehr
wird man davor bewahrt, nach solcherlei Ge-
sellschaft Sehnsucht zu verspüren...
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Hier ist so recht der Tummelplatz aller Ent-
gleisten, und mancher, der nun hier in einem
possenhaft zurechtgeputzten Magiermantel seine
klägliche abgeschmackte Rolle spielt, kam nur
zu solchem Tun, weil er im Alltagsleben ver-
sagte
und kurz vor dem Zusammenbruch noch
Rettung im Bereiche des Okkultismus zu er-
spähen glaubte.
Not kennt für solche Leute dann tatsächlich
«kein Gebot», und seien sie anfangs auch
noch so weit entfernt davon, an das, was ihrer
Maske Darstellung von ihnen fordert, selbst
zu glauben
, so bringt doch der Zwang ihrer
Lage es allmählich mit sich, dass sie geradezu
virtuosenhaft den Eindruck zu erwecken ver-
stehen, als seien sie von tiefster Gläubigkeit
durchdrungen.
Auch das gehört ja zum rechten Karneval,
allwo bekanntlich die Maske nur dann Erfolg
hat, wenn ihr Träger es versteht, sich selbst
hinter ihr recht sorglich verborgen zu halten.
Würden nicht immer wieder ehrlich Suchen-
de
durch dieses Treiben irregeführt, dann könn-
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te man ohne Beachtung daran vorübergehen.
Es sind hier aber Seelen in Gefahr, und wenn
auch wohl für die meisten derer, die oft jahre-
lang nicht merkten, dass sie in einem steten Fa-
sching lebten, schliesslich der «Aschermitt-
woch» mit seiner Ernüchterung kommt, so
bleibt ihnen doch das bittere Wissen, kostbare
Zeit ihres Lebens vertan zu haben, eine stete
Hemmung, auch wenn sie später den einzigen
Weg beschreiten, der sie zur Erfüllung ihres ur-
anfänglichen Sehnens bringen kann.
Immer wieder sind sie dann genötigt, sich selbst
zu gestehen, dass sie nur durch eigene Schuld
sich betören liessen, denn hier ist keiner ohne
Schuld, der sein Urteilsvermögen derart unter-
drücken liess, dass er den Mummenschanz mit
dem Weg zur Wahrheit verwechseln konn-
te. —
Wer im Alltagsleben jeglicher Anpreisung Glau-
ben schenkt, ohne erst zu prüfen, ob sie auch
Glauben verdiene, der darf sich nicht bekla-
gen, wenn er nicht nur den Schaden, sondern
auch den Spott ertragen muss.
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Um wieviel mehr jedoch ist es Gebot der
Pflicht, erst zu prüfen, bevor man Folge
leistet, wenn von solcher Folge das Wohl oder
Wehe der Licht und Klarheit verlangenden
Seele abhängig ist! —
Es dürfte doch wahrlich nicht allzuviel Scharf-
sinn nötig sein, um dessen innezuwerden, dass
der Geist Gottes, der sich dem Menschen-
geiste einen soll, nicht durch erlernbare «Me-
thoden» okkultistischer Geheimniskrämer zu
überlisten ist!?
Auf solche Überlistung durch irgendwelche,
meist körperliche «Übungen» läuft aber
alles hinaus, was die Karnevals-Kophtas, die
den seligen Cagliostro schäbig genug kopieren,
ihren Nachläufern anzupreisen haben.
Es ist somit nur der Trieb, auf unrechtmäs-
sige
Weise etwas zu erreichen, das man auf
geradem Wege zu schwer
erreichbar glaubt,
der immer wieder neue Opfer in die Garne eitler
Charlatane lockt.
Und ebenso ist es die Sucht, Absonderliches
zu erleben
, wobei man völlig vergisst, dass
59
auch der geheimnisvollste Vorgang, der sich mit
Hilfe der Erdensinne erleben lässt, jeden
Wert verliert, sobald diese irdischen Sinne
einst ihren Dienst versagen...
Wer nicht alles von sich wirft, was ihn — so wie
er ewig im Geiste Gottes, im steten Sein
verharren kann — — vor seinem Erdenbewusst-
sein verbirgt, der kann nicht seinem leben-
digen Gott
sich einen!
Wie dürfte daher ein Mensch jemals erhoffen,
diese Einigung für alle Ewigkeit herbei-
zuführen, wenn er sich gar noch mit allerlei
Maskenplunder umhängt!?!
Auf solche Weise kann er nur Kräfte erwecken,
die ihm den Weg zu Gott derart verlegen,
dass er für ihn ungangbar wird, denn nur der
wirklich Gottgeeinte
weiss durch Geistes-
kraft
die dunklen Mächte zu bezwingen, die
der Tor aus ihrem Schlafe weckt, weil er ver-
meint, mit ihrer Hilfe sich zu göttlich hoher
Einsicht zu erheben. — —
Nur ahnungslose Unwissenheit mag das Dasein
dieser dunklen Mächte leichthin leugnen wollen.
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Wer aber klaren Auges in die Welt blickt, wird
ihren unheilvollen Spuren nur zu oft begegnen.
Selbst kundig jeder Verlarvung, sind sie auch
die wahren unsichtbaren Fadenzieher der Ma-
rionetten des okkultistischen Karnevalstrei-
bens! — — —
*           *
*
61
#
INNERE STIMMEN
SCHON die ältesten Berichte der Mensch-
heitsgeschichte auf diesem Planeten wissen
von einzelnen Menschen zu erzählen, die zu ge-
wissen Stunden, bei gewissen Anlässen und an
gewissen Orten «Stimmen» sprechen hörten,
die nur ihnen allein vernehmbar wurden, und
je nach der Tiefe innerer Erkenntnis der Hö-
renden, je nach der Vorstellungsweise ihres reli-
giösen Glaubens, wurde solche Einsprache ge-
deutet.
Für den Hörenden besteht kein Zweifel an der
Tatsache, dass die zu ihm sprechende Stimme
einer anderen und von seiner eigenen sehr deut-
lich unterscheidbaren Wesenheit angehört.
Mit sicherster Gewissheit würde er die Vermu-
tung zurückweisen, als ob er etwa nur Zwie-
sprache mit sich selber führe und so sein eigenes
Denken gleichsam «dramatisiere», obwohl es
auch wahrlich Menschen gibt, die auf solche
Art sich selber
inneren Zuspruch schaffen
und dabei des festen Glaubens sind, von irgend-
einer geistigen Wesenheit belehrt zu werden.
Sicherheit der Unterscheidung wird hier nur
durch eigenes Erleben erlangt, ähnlich so,
wie ja auch wahre Kennerschaft in den Berei-
65
chen der Kunst niemals durch Belehrung allein,
sondern vor allem durch reiche Erfahrung er-
worben wird.
Wer des öfteren wirkliche innere Stimmen in
sich vernahm, der kann sich gewiss nicht mehr
durch selbsterzeugte innere Einrede täu-
schen lassen.
Weit schwieriger aber ist es, hinlängliche Sicher-
heit zu erlangen in bezug auf die Urheber der
gehörten Stimmen.
Hier ist Leichtgläubigkeit nur allzugerne bereit,
an höchste geistige Urheberschaft zu glauben,
besonders wenn und solange noch die Erkennt-
nis fehlt, dass es die verschiedenwertigsten
unsichtbaren Wesenheiten gibt, die sich durch
innere Einsprache bemerkbar machen können.
Menschen, so völlig frei von Eitelkeit und Über-
heblichkeit, dass sie vielmehr von unbegründe-
ten Minderwertigkeitsgefühlen fast zu Boden
gedrückt werden, schlagen dann plötzlich ins
Gegenteil um: — fühlen sich als «Werkzeuge
Gottes» und heischen nun gebieterisch von aller
Welt höchste Ehrfurcht auf Grund ihrer ver-
66
meintlichen Begnadung, nicht ahnend, dass sie
gerade durch ihr Verhalten auf das deutlichste
den Beweis erbringen, wie trügerisch die inneren
Stimmen sind, denen sie Gehör schenken.
Es ist immer wieder zu beobachten, dass auch
sehr skeptisch angelegte Naturen alle Vorsicht
verlieren, sobald sich jene inneren Erfahrungen,
deren Möglichkeit sie vorher so tapfer in Abrede
zu stellen wussten, bei ihnen selbst ein-
stellen.
Was auch die im Inneren vernommene Stimme
nun sagen mag, wird blindlings geglaubt, und
am liebsten glaubt man ihr, wenn sie von sich
selbst zu sagen weiss, dass sie einer möglichst
erhabenen geistigen Wesenheit angehöre, ja wo-
möglich die Stimme der Gottheit selber sei.
Erfolgt dann noch gar die Mitteilung, der Hö-
rende habe eine hohe «Mission» zu erfüllen und
müsse sich als Auserlesener fühlen, um durch
ein besonders aufgetragenes Werk die Mensch-
heit zu beglücken, dann ist jede Neigung end-
gültig behoben, fortan an der inneren Stimme
noch Kritik zu üben, obwohl doch vorerst noch
keine andere Gewissheit erlangt wurde, als dass
tatsächlich eine Stimme sprach, und keinerlei
67
Gewähr dafür besteht, dass sie auch die Stimme
dessen ist, von dem sie auszugehen behauptet. —
Der die innere Stimme Hörende ist aber fast in
der gleichen Lage wie ein Mensch, der einen An-
ruf durch den — Fernsprecher erhält.
Der Anrufer kann ein ausgemachter Gauner sein
und sich dennoch die höchsten Titel und Wür-
den beilegen, da er recht wohl weiss, dass er nur
dann Aussicht hat, sein verbrecherisches Ziel zu
erreichen, wenn er sich als eine Persönlichkeit
vorstellt, die das Vertrauen des Angerufenen
besitzt.
Wer aber, ausser einem ganz Betörten, würde
wohl einen folgenschweren Auftrag nur auf
telephonischen Anruf hin
zur Ausführung
bringen?!
Würde nicht jeder halbwegs Vorsichtige sich
erst Sicherheit zu verschaffen suchen, bevor
er dem Ansinnen sich bequemen könnte, das nur
durch telephonische Anrede eines Unbekannten
an ihn ergangen ist!?!
Auch der in seinem eigenen Innern Angerufene
sieht den Anrufer nicht und hat keinerlei Mög-
68
lichkeit, das ihm solcherart Mitgeteilte auf sei-
nen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, es sei
denn, dass er bereits unterrichtet worden
wäre über gewisse Kennzeichen, durch die
jeder Täuschungsversuch sich sofort verrät.
Von den wichtigsten dieser Kennzeichen sei hier
nun in kurzem die Rede!
Erstens:
Wer in seinem Innern eine «Stimme» zu hören
glaubt, die er als Äusserung einer ihm unsicht-
baren und von ihm selbst deutlich unterschie-
denen Wesenheit empfindet, der werde sich dar-
über klar, dass es unzählbare unsichtbare
Wesenheiten der verschiedensten Gattungen
gibt, die sich in ihm, bei gegebenen bestimmten
Voraussetzungen, durch ein inneres Sprechen
vernehmbar machen können, und dass die aller-
meisten jener Unsichtbaren, die sich am leich-
testen
zu äussern vermögen, höchst bedenkli-
cher Natur sind, so dass er alles aufbieten muss,
um nicht unter ihren Einfluss zu geraten. — —
Überaus selten wird es sich ereignen, dass eine
wirklich geistige Wesenheit, die ihrer Art nach
69
über der erdenmenschlichen Geistigkeit steht,
im Innern des Menschen «spricht», — und wo
es tatsächlich geschieht, dort muss die bereits
erreichte sehr hohe geistige Stufe des Hö-
renden dazu die Möglichkeit bieten. —
Weiss man sich selbst noch nicht auf solcher
geistigen Höhe, so lehne man jede innere
Stimme mit aller Entschiedenheit ab, mag sie
sich auch in der verführerischsten Weise Kredit
zu verschaffen suchen!
Zweitens:
Eine jede «Stimme», die als von einer unsicht-
baren Wesenheit ausgehend empfunden wird,
ist sofort zu ignorieren, sobald die mitge-
teilten Worte nicht nur dem inneren geistigen,
sondern auch dem äusseren physischen Gehör
lautbar werden!
Im besten Falle handelt es sich hier nur um
Nervenstörungen nicht ganz leichter Art,
und es ist angebracht, alsbald ärztliche Hilfe
aufzusuchen. —
Ein weit üblerer Zustand aber liegt vor, wenn
es den unsichtbaren Wesenheiten der physischen
70
Welt bereits gelungen ist, derart ihr armes
menschliches Opfer in Besitz zu nehmen, dass
auch ohne klinisch nachweisbare Nervenstö-
rungen solche Stimmen als äussere Schall-
wirkungen
vernommen werden. —
Hier hilft jedoch kein Kampf, sondern nur
konsequentes und lange Zeit durchgeführtes
völliges Ignorieren!
Jeder Ort und jede Gelegenheit ist zu meiden,
die vordem das Hören solcher Stimmen zu be-
günstigen schienen!
Die endgültige Befreiung ist gewiss möglich,
aber sie setzt voraus, dass der «Besessene» fort-
an unter keinen Umständen mehr diesen
Stimmen irgendwelche Beachtung schenkt,
sondern sie ganz wie ein anderes nebensächli-
ches Geräusch betrachtet.
Besonders hat er sich vor jeglicher Furcht-
empfindung
zu hüten, aber ebenso muss er es
vermeiden, etwa eine feindliche Kämpfer-
position
den Stimmen gegenüber einzunehmen.
Was immer sie ihm sagen oder gar «befehlen»
wollen, muss er unbeachtet lassen, ja: er darf
niemals auch nur über den Sinn ihrer Mittei-
lungen nachdenken!
71
Intensive irdische Arbeit, eine vernünf-
tige Betätigung in freier Luft
, gute
Geselligkeit
, wie überhaupt möglichstes
Vermeiden des Alleinseins
sind recht we-
sentliche Förderungsmittel zur Befreiung von
der unerwünschten unsichtbaren Parasitenherr-
schaft.
Jeder, der davon befallen wurde, darf sich glück-
lich preisen, wenn es ihm durch ausdauerndes
Ignorieren
der Manifestationen endlich ge-
lingt, wieder frei und Herr seiner selbst zu
werden.
Drittens:
Schärfstes Misstrauen ist augenblicklich
geboten, wenn eine innere Stimme etwa einen
Befehl erteilt, oder dem sie innerlich Hörenden
von einer «Aufgabe», einer «Mission» spricht,
die er in seinem Leben zu erfüllen habe! —
Menschen, die wirklich eine Aufgabe, eine
Mission oder dergleichen auf Erden erfüllen sol-
len, erhalten ihren geistigen Auftrag auf eine
sehr wesentlich andere, recht nüchtern ir-
dische
Art und würden niemals bereit gefun-
den werden, auf Geheiss einer «inneren Stimme»
72
das zu tun, was von ihnen verlangt wird von
denen, die allein hier des Geistes Bevollmäch-
tigte auf dieser Erde sind...
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jede
innere Stimme abgelehnt werden muss, die
anderes auszusagen hat, als was zur höheren
geistigen Entfaltung, zur Klärung der
inneren Einsicht
und zum Besserwerden
des Hörenden dient!
Niemals wird eine Stimme aus dem ewigen
Reiche des reinen Geistes einen Menschen dahin
beeinflussen wollen, auf seine Mitmenschen in
irgendeinem Sinne einzuwirken!
Nur die geistige Liebe zu den Mitmenschen
wird sie zur Entfaltung bringen, aber in jedem
Einzelfalle wird sie es dem innerlich Be-
lehrten überlassen
, nach seinem Willen
und nach Maßgabe seiner Kraft aus dieser
Liebe heraus zu handeln!
Wahrlich kann aber auch geistige hohe Füh-
rung sich zur inneren Stimme verdichten,
73
die alsdann, in der Sprache des also Geleiteten,
in klarer Rede vernehmbar wird!
Doch stets wird solche Rede nur im Inner-
sten
: — im geistigen Organismus des Men-
schen, — vernommen werden, so, als ob das Un-
bekannte, das in ihm spricht, nur sein eigen-
stes Allerinnerstes
wäre, denn nur durch
dieses eigene Allerinnerste des Menschen ver-
mögen wirkliche geistige Wesenheiten sich ihm
auf geistige Weise vernehmbar zu machen! —
Durch die grotesken okkultistischen Wahnvor-
stellungen, die in dieser Zeit allenthalben am
Werke sind, die Gemüter zu verwirren, wird
eine wahre Sucht genährt, «innere Stimmen»
in sich vernehmen zu wollen, und das Phäno-
men ist so begehrt, dass man es erleben möchte
um jeden Preis.
Es ist nicht zum wenigsten diese «Sucht» der
Menschen, die es den Lemurenwesen der un-
sichtbaren physischen Welt ermöglicht, sich
Geltung zu verschaffen und Veranlasser des so
heiss Gewünschten zu werden.
Nicht anders wie die Parasiten der sichtbaren
74
physischen Welt, nisten sich auch jene aus den
unsichtbaren Bereichen am liebsten dort
ein, wo sie Schmutz und Unrat, oder doch dunk-
le Moderecken finden. —
Wer also frei bleiben will von dieser unsicht-
baren Brut, der sorge in sich selbst für äusser-
ste Sauberkeit
seines Denkens, seines
Trieb- und Vorstellungslebens!
Ist er darauf bedacht, dann wird er schwerlich
jener Sucht nach inneren Sensationen verfallen,
die so viele schon zu völliger Zerrüttung führte.
Jene Menschen, die wahrhaft bereitet waren,
wirklich geistige innere Stimmen in sich zu
vernehmen und somit unter hoher Führung leb-
ten, hatten niemals das Hören innerer Stim-
men in sich angestrebt, — wohl aber waren sie
in jahrelanger Arbeit an sich selbst bemüht ge-
wesen, den Irrtum in sich auszujäten und
ihre Mängel abzutun
.
So hatten sie endlich die Stufe erreicht, die es
hoher geistiger Liebe möglich machte, in ihrem
Innersten sich ihnen kundzutun.
Nur diese geistigen Stimmen der Liebe aber
75
sind für den Erdenmenschen wahrhaft beglük-
kend!
Nur diese inneren Stimmen können ihn leiten
zu seinem höchsten Ziel!
Sie kommen ungerufen und unverlangt,
sobald der geistig Strebende für sie erreichbar
ist.
Den Stimmen der unsichtbaren Lemuren-
wesen dieser physischen
Welt hingegen
ist jeder Mensch erreichbar, mag er auch auf
niederster geistiger Stufe stehen...
Nur Abkehr und völliges Ignorieren kann
vor ihnen schützen, und hier muss wahrlich
jeder sorgen, dass er diesen Schutz sich
schaffe! —
Jeder muss wissen, dass er nur selber sich
schützen kann, und dass auch die höchste gei-
stige Gewalt eines anderen nichts für ihn zu
tun vermag, solange er noch lüstern spielt mit
der Gefahr. — —
Nur Mut und Entschlossenheit zur völ-
ligen Abkehr
rufen hier geistige Hilfe herbei,
so sie nötig ist!
*           *
*
76
#
MAGIE DER FURCHT
ZAHLREICHER als alle Religionsgemein-
schaften auf dieser Erde ist die über die
ganze Welt verbreitete Gemeinde unbewusster
Magier der Furcht.
Sie wissen zwar nicht, dass sie Magie betreiben,
und viele ahnen nicht einmal, dass sie die
Furcht zu ihrer Göttin machten, allein ihr
ganzes Denken, Reden, Handeln macht
es völlig überflüssig, dass sie darum wissen,
was sie tun, dass sie erahnen, wie ihr Glaube
durch die Furcht gebunden ist...
Man hört zwar allerorten grosse Worte hohen
Mutes, und wollte man der stolzen Geste
glauben, die nur allzu viele sicher zu bemeistern
lernten, dann könnte man gar leicht vermuten,
alle Furcht sei aus der Welt verschwunden.
Hier aber wollen hohle Worte, leere Gesten
wahrlich nichts besagen, und wer nur den Mut
der Verzweiflung
findet, beweist damit kei-
neswegs
, dass er die Furcht nicht anerkennt!
Wohl mögen auch viele in mancher Hinsicht
wirklich furchtlos sein, und doch sind sie
Sklaven der Furcht, sobald sie das Gebiet
verlassen, auf dem sie sich dazu erzogen haben,
der Furcht zu trotzen. —
79
Selten nur findet man Menschen, die keinen einzi-
gen Bereich ihres Lebens der Furcht überlassen.
Irgendwo hat fast jeder irgend etwas zu
befürchten!
In irgendeiner Weise hätschelt selbst der
Mutigste die Furcht!
Das ist Menschenart von Urzeiten her und erbt
sich weiter von Geschlecht zu Geschlecht!
Keiner braucht sich dessen zu schämen, dass ihn
die Furcht zuweilen überfällt; — dass sie ihn
zwingen will, ihr Höriger zu werden!
Lernen aber kann und soll der Mensch, sich
solchen Überfalles zu erwehren!
Erkennen
lernen soll der Überfallene, dass ihm
die Furcht nur Schaden bringt durch seine
eigene
Macht, indem sie ihn zu zwingen weiss,
die magische Gewalt, die unbewusst ihm eigen
ist, in solcher Weise zu gebrauchen, dass er
das Unheil selbst heranzieht, das er fürch-
tet! —
Nie ist die Furcht so leichter Beute sicher, als
in den Zeiten schwerer Prüfung, da keiner weiss,
80
was ihm der nächste Tag an neuem Übel brin-
gen mag.
Gewisse Folgen früheren Geschehens las-
sen sich durch keine Macht der Erde und
des Himmels bannen
, und wo einst irriges
Verhalten Unheil vorbereitet hat, dort muss
es ausgekostet werden, ob man sich auch
noch so sehr dagegen wehren möge: — ob man
die tieferen Zusammenhänge zu begreifen
fähig sein mag, oder nicht. —
Verführt durch falsche Schlüsse seines Den-
kens, setzt der Mensch nun selbst die Furcht
in alle Rechte ein und ahnt nicht, dass er so
durch eigene Kraft dem Übel, das er nicht
vermeiden kann
, noch hundertfältig Zu-
wachs
schafft...
Willig gibt jeder seine magische Gewalt in den
Dienst der Furcht, und wird er der Wirkung
dann gewahr, so meint er Bestätigung zu er-
halten für den düsteren Glauben, den die Furcht
in ihm zu wecken wusste.
So ist dann kein Ende des Übels abzusehen,
denn immerfort wird neues Übel magisch
herbeibeschworen
! —
Urkräftiger Wille, der alles längst zum
81
Besseren wenden könnte, wird missbraucht
um die Herrschaftszeit des Übels zu verlän-
gern. — —
Im Banne der Furcht geblendet, glaubt keiner
der vielen, die in solcher Art dem Übel unnötig
Vermehrung schaffen, an seine eigene ma-
gische Macht
, durch die er in gleicher Weise
dem Übel Einhalt gebieten könnte, wäre er
nur bereit, die Furcht zuerst zu verjagen. — —
Hier ist nur zu helfen, wenn jeder einzelne nach
aller Möglichkeit in sich zur Einsicht kommt,
dass er der Furcht nicht länger Einfluss auf
seine Glaubenskraft
gewähren darf.
So aber, wie die Kraft der vielen einzelnen, die
in der Furcht befangen sind, Ursache un-
erhörter Wirkung
wird, so wird auch die
Kraft der vielen übermächtig wirksam,
wenn jeder die Furcht aus sich verjagt!
Dann wird das Übel eingeengt in seine, durch
früheres Irren bestimmten Grenzen, und neuer
Zuwachs bleibt ihm versagt.
Die Glaubenskraft der vielen, die sich aller
Furcht entwunden haben, zieht nunmehr in
82
gleicher Weise nur das Gute an, wie ehedem
die selbe Kraft — in Furcht gebannt — nur
Übel angezogen hatte. — —
Gar vieles liegt verborgen im Bereich der
Möglichkeit
, das dennoch nie ins Dasein
tritt, wenn es die Glaubenskraft des Men-
schen
nicht ins Dasein zieht!
Übel und Heil lassen so sich erlangen!
Wahrhaftig! Es ist kein leeres Spiel mit Wor-
ten, wenn ich hier warne vor der Magie der
Furcht
!
Obwohl das Wort «Magie» in dieser Zeit zu
einem blossen Modewort entwertet wurde, lässt
es sich kaum entbehren, wenn man von solchen
Dingen reden will, von denen hier die Rede ist.
Die Alten, die noch die magische Kraft des Glau-
bens im Menschen aus Erfahrung kannten,
sprachen von «weisser» und «schwarzer»
Magie, je nach der segensreichen oder üblen
Wirkung, die durch den Gebrauch der gleichen
Kraft ins Dasein trat.
Heute glaubt man sich gar sehr berechtigt, jener
Alten «Aberglaube» — wie man jetzt ihre Er-
83
kenntnis nennt — zu belächeln, und doch trägt
auch heute die Erde keinen Menschen, der
nicht mit all seinem Denken, Reden
oder Tun
, tagtäglich und Stunde für Stunde
magische Wirkungen in seinem eigenen Leben
und dem seiner Umwelt zur Auslösung bringen
würde! —
Nur weiss man heute nichts mehr von seiner
Macht und hält für «wirkungslos», was allezeit
und allerorten folgenschwerste Wirkung schafft.
— — —
Man sucht die Ursache des Übels in der
Aussenwelt und lässt allein mechanisches
Geschehen gelten, indessen man das Übel selbst
mit eigener Kraft ins Dasein zerrt durch
die Magie der Furcht, die mit der gleichen
Sicherheit gerade das Gefürchtete herbei-
zieht
, wie frohe Zuversicht — trotz aller Not —
Ersehntes wirklich werden lässt. — —
Die allerwenigsten nur wissen heute noch aus
eigener Erfahrung, dass dem so ist, und die es
wissen, werden nicht an meinen Worten zwei-
feln.
84
Sie kennen die Magie der Zuversicht und
haben sie längst an Stelle der Magie der Furcht
geübt, nachdem oft bittere Erfahrung sie zur
Einsicht brachte.
Diese Magie der Zuversicht ist heute be-
deutsamer denn je, und sie allein kann die Ma-
gie der Furcht besiegen!
Es ist nicht zu leugnen, dass der Ablauf dieses
Erdenlebens vieles bringen kann, was recht un-
erwünscht
ist und was man am liebsten
gänzlich von sich fernehalten möchte.
Ebensowenig wird zu leugnen sein, dass Furcht
auch zuweilen vor irrigem Tun bewahrt,
indem sie Vorstellung der üblen Wirkung sol-
chen Tuns erzeugt.
Furcht kann das Übel vermeiden lehren und
wirkt so als lebensfördernde Behüterin.
Erst dann, wenn sie die Phantasie erregt und
allerlei Geschehen ausmalt, das vielleicht nie-
mals den Weg ins Dasein findet
, oder
aber unvermeidbar ist, wird sie mit Hilfe
menschlicher Glaubenskraft zu einer Unheil
heranziehenden
Macht.
85
Niemals kann Furcht vermeiden lehren, was
unvermeidbar ist und nur durch Ertragen
aufgelöst werden will!
Niemals wird unvermeidliches Übel geringer,
dadurch, dass man seine Drohung schon be-
fürchtet!
Hier kann Furcht nur die Kraft unter-
graben
, die nötig ist, um das Unvermeidbare
so zu ertragen, dass es nicht völlig erdrückt. —
Was aber sich vermeiden lässt, und dennoch
gefürchtet wird, verwandelt sich durch die
Magie der Furcht nur allzuleicht in wirklich
Unvermeidliches
!
Nun wird gewiss auch alle Magie der Zu-
versicht
kein unvermeidbares Übel ver-
hüten können.
Ihr Wert liegt darin, dass sie vermeidbares
Übel nicht den Weg aus dem Bereich

der Möglichkeit ins Dasein finden lässt: —
dass sie gar vieles ablenkt, was schon zu dro-
hen schien, — dafür jedoch magnetisch anzieht,
was sie erhofft. — —
Nie ist sie mehr vonnöten als in Zeiten grosser
Sorge und Bekümmernis!
86
Gerade in solchen Zeiten bringt sie auch am
ehesten die Bestätigung ihrer Wirksam-
keit
!
Nur darf man nicht glauben, dass es in des Men-
schen Macht gegeben sei, ihr die Wege ihres
Wirkens vorzuschreiben!
Stets wirkt sie ohne Kraftvergeudung, und
immer setzt sie dort den Hebel an, wo die Last
am leichtesten beweglich ist. —
Auch wenn der Mensch nicht weiss und nicht
wissen kann, wie ihm noch zu helfen ist, wird
Magie der Zuversicht für ihn die Hilfe
schaffen
! — —
Tausende haben das schon erfahren, aber
noch sind Hunderttausende, die nichts von
solcher Kraft im Menschen wissen...
Jeder jedoch, der hier selbst erprobt, was sich
erproben lässt, schafft Hoffnung, dass andere
die Probe wagen, und hilft den unsichtbaren
Helfenden, seine Brüder aus der Magie der
Furcht
zu erlösen. — —
So wie Furcht einst die kosmische Freiheit des
Geistesmenschen zerstörte: — so wie Furcht
87
ihn «fallen» liess aus göttlichem Leuchten,
so ist auch des Erdenmenschen Dasein
schwer durch die Furcht bedroht. —
Wer auch nur ein weniges mithilft, die stete
Furcht aus den Menschenherzen zu vertreiben,
der wirkt mit am grossen Erlösungswerke.
Aber Furchtbefreitheit ist keineswegs
Blindheit gegenüber der Gefahr!
Nur wer die ihm drohende Gefahr in ihrem gan-
zen Umfang kennt, kann ihr furchtlos ent-
gegentreten
, denn er nur weiss, wie ihr zu
begegnen ist! — — —
*           *
*
88
#
GRENZEN DER ALLMACHT
ZU den unumstrittensten Glaubensartikeln
aller Gottgläubigen, — möge sich auch ihre
Gläubigkeit sehr weit von traditioneller religiö-
ser Bindung entfernen, — gehört der Satz, dass
Gott, in bezug auf alles von Ihm gewollte Tun,
«allmächtig» sei.
Ein «Gott» ohne solche, sehr irdisch gedachte
«Allmacht» erscheint der Vorstellung als des
wesentlichsten Attributes der Göttlichkeit ver-
lustig, und weit eher noch gesteht der Mensch
seinem geglaubten Gotte alle Grausamkeits-
instinkte eigener tiermenschlicher Ar-
tung
zu, als dass er die durch nichts behinderte
Allmächtigkeit dieses Gottes in Zweifel zöge.
Nach anthropomorpher Denkweise hat man
sich seinen «Gott» erdacht, sieht in ihm, statt
des überwesenhaften Seins, in mehr oder
minder gesteigerter Form nur «das höchste
Wesen» und empfindet nun als logische Forde-
rung, dass dieses «höchste» Wesen notwendiger-
weise auch unbegrenzte Macht besitzen müsse,
ansonsten man es nicht als «höchstes» Wesen
anerkennen könne.
Mit den windigsten Sophismen sucht man sich
darüber hinwegzutäuschen, dass ein «allmäch-
91
tiger» Gott, — in des Wortes wörtlichstem Sinne:
zu allem mächtig, — ein wahres Scheusal sein
müsste, würde er alle Not und Bedrängnis, alle
Greuel und Schandtat auf dieser Erde ruhig
dulden
, so er doch Macht besässe, dies alles
zu beseitigen, dies alles zu verhüten...
Erst dann, wenn furchtbares Schicksal ihn be-
troffen hat und er sich schuldlos bedrängt fühlt,
wird der Mensch zuweilen des Widerspruchs
inne, den seine Gottesvorstellung enthält.
Aber weit entfernt von der Erkenntnis, dass er
selbst
nur solchen Widerspruch setzte, dem
nichts Wirkliches entspricht, murrt er nun
gegen seinen teuflisch grausamen, von ihm selbst
erdachten Götzen, wenn er nicht gar die radi-
kale Lösung vorzieht, fortan allen Glauben an
einen Gott, allen Glauben an über dem
Menschlichen waltende Geistigkeit, als Tor-
heit und Selbsttäuschung zu verwerfen.
Kein Tag vergeht auf dieser Erde, der nicht an
unzähligen Orten Menschen sieht, die mit ihrem
92
vermeintlichen Gotte hadern, weil er, wie sie
glauben, Arges und schwer Erträgliches über sie
verhängte.
Nur widerwillig, oder mit bitterer, angstum-
düsterter Gläubigkeit nimmt der Mensch den
so schalen Trost in sich auf, den ihm gewisse
Glaubenslehren immer noch zu bieten wagen
indem sie sein hartes Geschick als «nach un-
erforschlichem Ratschluss Gottes
» ver-
hängt, in eine Äusserung der Liebe Gottes um-
zudeuten suchen: —
«Wen Gott lieb hat, den züchtigt er!»
Nur Wenigen wird die grobe Lästerung be-
wusst, die solches Trostwort enthält...
Ein entsetzlicher «Gott» fürwahr, der seiner
Liebe keinen anderen Ausdruck zu geben
weiss; aber auch nur ein «Gott» von des
menschlichen Erdenkens Gnade
, der we-
der im Weltenraume noch
im Reiche des
Geistes
zu finden ist, ausser in menschli-
chen Gehirnen
!
Man kann es nur zu gut verstehen, wenn so
mancher hart bedrängte Mensch lieber alle
93
Kunde von übererdenhaftem Göttlichen als
Wahn und Trug und eitlen Traum erklärt, als
dass er sich dazu verstehen könnte, weiterhin
an einen «Gott» zu glauben, der ihn «aus
Liebe» quält...
Wie anders aber als solche anthropomorphe
Gottes-Vorstellung sieht hier die ewige
Wirklichkeit
aus!
Dem Vorstellungs-Inhalt entspricht in der
Wirklichkeit nur das Eine: dass Gott «die
Liebe
» ist, und dass jeder, der «in der Liebe»
bleibt, in Gott bleibt, wie Gott in ihm. —
Wirkliches Gotteslicht
löst jenes Trugbild,
das der Gottheit grob materielle «Allmacht»
zufügt, in sich auf, wie das Licht der Erden-
sonne die Nebelschwaden über einem Sumpfe
zum Vergehen bringt!
Das ewige reine Sein, dem allein in Wirk-
lichkeit
der Name «Gott» gebührt, ist in
sich selber eins
und unteilbar, auch wenn
es sich selber darstellt in Unendlich-
fältigkeit
.
Wie könnte es jemals sich selbst in irgend-
94
einer seiner Darstellungsformen negieren!? —
Nichts ist im Kosmos, das nicht letzten En-
des
eine der Darstellungsformen wäre des
ewigen Seins, das in sich selber liebend ver-
harrt, indessen die Darstellungskräfte es, ewig
bewegt, gleichsam umkreisen.
Sich selbst ist dieses ewige Sein «Gesetz»
und «Norm», und alle die wahrlich unendlich-
fältigen
Kräfte, die seiner Darstellung die-
nen
, sind trotz aller Ausstossung als Gegen-
Gesetztes dennoch ewig nur in seinem Sein
gegeben, könnten niemals ein Dagegen-Sein:
das «Dasein» wirken, ohne dieses ewige
Sein...
So ist denn jegliche Kraft nur gesetzt im
innewohnenden «Gesetz» des ewigen Seins und
trägt die Möglichkeiten ihres Wirkens un-
veränderbar
in sich, auch wenn in mensch-
lich unermessbar langen Zeiten jene Kombi-
nationen
dieser Kräftewirkungen, die wir er-
kannt zu haben glauben als «Naturgesetze»
manchem Wechsel unterworfen sind, den nur
der Mensch nicht wahrnimmt, da die
menschliche Beobachtung auf dieser Erde sol-
che Zeiträume nicht umfasst.
95
Solange aber eine Kombination von Kräfte-
wirkungen, — von uns «Naturgesetz» genannt,
— nicht wieder aufgelöst ist, kann das ewige
Sein sie niemals negieren, da ja auch sie in
ihm
allein gesetzt ist, und es sich selber nicht
negieren kann. —
Hier sind die Grenzen der vermeinten
göttlichen «Allmacht»: — ewig unüber-
schreitbar
auch dem ewigen Sein!
Das heisst: — in der Weise schlichtesten Gottes-
glaubens gesprochen — Gott würde gegen sich
selber
wüten, wollte oder könnte göttlicher
Wille sich der Wirkungsart irdischer Kräfte
entgegenstemmen, da Norm und Gesetz
dieser Kräfte ja aus dem gleichen göttlichen
Willen ihre Bestimmung haben. —
Vollkommenheit ist an dieser Stelle nicht
durch göttlichen Willen gewollt: — kann
nicht gewollt werden, denn Vollkommenheit ist
nur möglich im reinen, absoluten Sein, nicht
aber in dem Dagegen-Gesetzten, das wir «Da-
sein
» nennen.
96
Die Einzigartigkeit des absoluten Seins
schliesst notwendig aus, dass Vollkommenheit
im Dasein gestaltbar wäre.
Alles «Dasein» ist ja nur «Reflex» eines be-
stimmten Aspektes im reinen, absoluten Sein,
und so wie die Erdensonne gleichsam «voll-
kommen» genannt werden könnte gegenüber
ihrem Spiegelbilde auf ruhiger Wasserfläche, so
ist nur das ewige Urbild jeglicher Darstellungs-
kraft, die am «Dasein» wirkt, im ewigen Sein
vollkommen, — nicht aber der dargestellte Ge-
gensatz
, der in der Erscheinung fassbar
wird. —
Vom Göttlichen, Geistigen her kann die Er-
scheinungswelt nur insofern beeinflusst wer-
den, als göttlich-geistiger Wille auf sie einwir-
ken kann, ohne sich selbst zum Widerspruch
zu werden.
Es wäre nicht die leiseste göttliche Ein-
wirkung möglich auf diese Erscheinungswelt,
wären die Ketten kausalen Geschehens wirklich
so straff gespannt, wie menschliches Den-
ken es wahrhaben möchte...
97
Gleichwie aber die Wirkung jener Kräfte-Kom-
binationen, die der Mensch als «Naturgesetz»
fasst, keineswegs etwas Unveränderbares
darstellt, so ist auch die Richtung, in der sich
die einzelnen Kettenglieder des kausalen Ge-
schehens aneinanderreihen, immer noch durch
den geistigen Willen relativ bestimmbar,
aber alle Macht des geistig-göttlichen Wil-
lens ist auch nur in dieser durchaus rela-
tiven
Bestimmbarkeit kausalen Geschehens be-
schlossen und kann die Grenzen nicht über-
schreiten, die der gleiche Wille in sich sel-
ber
findet: — durch sich selbst gesetzt von
Ewigkeit zu Ewigkeit...
In aller gläubigen Einfalt gesprochen, könnte
man sagen: — Gott vermag es zwar, bis zu
einem gewissen Grade
auf die irdischen
Begebnisse einzuwirken, doch bleibt sein Wille
hier stets durch innewohnendes, eigenes
Gesetz bestimmt
, so dass alle Einwirkung
nur durch die Benützung der aus gleichem
Willen bestimmten Wirkungsart irdischer
Erscheinungs-Funktionen
erfolgen kann. —
98
Der Mensch darf jederzeit sicher sein, dass
Gott jedes Unheil auf dieser Erde verhüten
wird, das Er hier verhüten kann, so dass
also alles Hadern mit Gott, weil Unheil nicht
durch Ihn verhütet wurde, nur aus der törichten
Annahme materieller göttlicher «All-Macht»
— im Sinne steter Abänderungsmöglich-
keit
des Geschehensverlaufes — seine schein-
bare «Berechtigung» herzuleiten vermag und
darum Lästerung aus «Nichtwissen» dar-
stellt. —
Was aber weiter zu wissen nottut, ist die un-
umstössliche Tatsache
, dass alle Möglich-
keit
der Richtungsablenkung irdischen kau-
salen Geschehens von Gott aus durch den
Menschengeist allein gegeben ist: — dass
also jegliche Einwirkung Gottes auf irdisches
Dasein des Menschen bedarf, und des Men-
schen Bereitschaft, solcher Möglichkeit die
Bahn frei zu machen, geschehe das nun in
bewusster menschlicher Willenseinstellung
oder durch passive Hingabe im Gebet. — —
99
Alle Kreatur wartet auf die Erlösung
durch die Kinder Gottes
!
Aber auch solches wissend, soll der Mensch
nicht Unmögliches erwarten und stets dessen
eingedenk bleiben, dass die wirkliche «All-
macht» Gottes von Ewigkeit her durch den
Willen zur Selbstdarstellung bestimmt ist,
nicht aber gegen diese Selbstbestimmtheit wir-
ken kann, da dies, wenn es möglich wäre,
Selbstvernichtung bedeuten würde. — —
So ist denn wahrlich «Allmacht» im göttlichen
ewigen Sein, insofern, als alles «Dasein»
die Macht dieses absoluten Seins bezeugt,
aber nicht in jenem abstrusen Sinne, als könnte
das Göttliche jemals das durch eigenes Sein
bestimmte «Dasein» des aus ihm heraus und
sich entgegen-Gesetzten anders bestimmen,
als es von Ewigkeit her aus ihm bestimmt ist,
infolge innewohnender Notwendigkeit. — —
Bis in graueste Vorzeit erstreckt sich mensch-
liches Mühen, die Gemüter in irrtumsbeladener
Vorstellung einer unmöglichen «Göttlichen
Allmacht» hypnotisch gebannt zu erhalten...
100
Wahrlich: es ist an der Zeit, dass dieser Bann
gebrochen werde, damit der Mensch nicht
allen Glauben an Gott verliere! —
Die Grenzen der Allmacht erkennen, heisst erst
wirklich das All verstehen, als Offenbarung
aller ewigen Macht! — — —
*           *
*
101
#
DAS NEUE LEBEN
GROSS ist in diesen Tagen die Schar der
Suchenden, die nach dem Lichte
streben.
Weit zahlreicher aber bleibt stets das Heer
der Erdversklavten, die nichts von jenem
Drang zum Lichte in sich fühlen, der die
Suchenden bewegt. —
Seiner eigenen Enge kaum bewusst, glaubt so
der Hörige seines erdgefesselten Erlebens, dass
alle Lebensmöglichkeit des Menschen sich in
dem erschöpfe, was er und seinesgleichen zu
erleben fähig ist.
Wenn andere den Weg zum Geiste suchen
so gelten sie dem Tiergebundenen als arge
Toren.
Sein Denken ist ihm: sein «Geist», und er
versteht nicht mehr die Sprache seiner Brüder,
die eine Wirklichkeit erahnen, von der sein
Denken nichts weiss.
Wohl hatte er Himmel und Hölle sich der-
maleinst erdacht; doch wusste er auch das Er-
dachte durch sein Denken wieder aufzulösen,
so dass er nun sich wohlberechtigt glaubt, aus
105
seiner eigenen Erfahrung zu erschliessen, dass
jenes hohe Ziel der Suchenden nur als er-
dachte
«Wirklichkeit» sein schattenhaftes Da-
sein habe und ebenso zerstörbar sei durch
Denken, wie die erdachten Reiche seiner eige-
nen Gedankenwelt. —
So bleiben Höhe und Erlebnisweite mensch-
licher Erfahrungsmöglichkeit nur allzuvielen un-
bekannt, weil sie im engen Umkreis ihres Den-
kens schon den «Geist» gefunden glauben, in
ihrem Denken sich gesichert wähnen, und
keinen Antrieb in sich fühlen, nach dem wesen-
haften Geiste dort zu suchen, wo er allein sich
finden lässt: — im unerdenkbaren Erleben! — —
Dass dieses «Erleben» aber nur im eigenen
Innern ihm erfahrbar werden kann, wird auch
von manchem Suchenden vergessen, der längst
erkannte, dass der wesenhafte Geist im Den-
ken nicht zu erreichen ist.
Gar viele der Suchenden drängen solcherart
nur nach unerhörtem Erleben in der Aussen-
welt
, und werden sich nicht darüber klar, dass
auch das wundersamste äussere Erlebnis nie-
106
mals jene innere Erleuchtung geben kann,
die alles Dunkel des Erkennens lichtet, weil
der Erkennende dem Licht des Geistes selbst
vereinigt wird. —
Selbst inneres Erleben hat ja nur insoweit
bleibenden Wert, als es Vorzeichen solcher
Geistvereinigung ist. —
Höchstes Ziel aber ist ein inneres Erleben,
das keinem Einzelerlebnis mehr gilt!
Was hier erlebt wird, ist: — EIN NEUES
SEIN
!
Erst aus diesem neuen Sein heraus wird dann
alles Erleben gewandelt, — sei es im In-
nern
gegeben oder in der Aussenwelt.
Ein neues Leben ist sodann dem Suchenden
geworden!
Ein Leben, so voller Inhalt, dass alle Sucht
nach dem Wunder, die vordem vielleicht den
Wunsch berückt haben mag, für immer schwin-
det. —
Was sollte auch für den, der selbst in sich
das unerfasslich höchste Wunder fortan nun
erlebt, das «Wunder» in der Aussenwelt,
107
wie es die blinde Menge aller Zeiten suchte,
noch bedeuten?! —
Er weiss, dass alles, was die wildeste Phan-
tastik sich an «Wundern» im Geschehen dieser
Aussenwelt ersinnen könnte, — würde es je-
mals Ereignis werden können, — doch nur im
physischen Geschehen dieser Welt beschlossen
bliebe: — wertlos und ohne Wirkung, sobald
dieser Erde Tierleib verlassen wird...
Wohl wird Magie ihm kund, die auch im
Erdenleben Dinge zu bewirken weiss durch
Nutzung hoher Kräfte, wie sie durch keine
Künste dieser Erde jemals sich bewirken lassen,
— doch wird er auch durch solches, irdischer
Erkenntnis nur verhülltes Wirken nicht be-
tört, da er im Geisteslicht erkennt, dass alles,
was sich solcherart ereignen mag, nur irdi-
sches Geschehen
weitet, aber keineswegs
den wesenhaften Geist bezeugt, der, alldem
hoch entrückt, sich nur im Menschengeiste
für den Geist des Menschen selbst bekundet,
als seiner ewig eingeborenen Zeugung. — —
108
So wird er, ein Helfer derer, die der Geist
im Menschengeiste sich bereitet hat als seine
Darstellung in menschlicher Erscheinung, allen
Licht zu spenden suchen, die allhier nach Licht
verlangen.
Fern aller Wundersucht, wird er die wahren
Wunder alles täglichen Geschehens hellen Auges
zu erkennen wissen, und aus dem Lichte, das
ihn selbst erleuchtet, wird er alles Dunkel um
sich her erhellen. —
Er kennt das neue Leben, das die Erdver-
sklavten um ihn her wohl schmähen, aber
nicht erreichen können, solange sie in Erden-
tieresnacht verhaftet bleiben...
*
Wem die nur durch matte Leuchten schwach
erhellte Grabesnacht genügt, in der er sich,
gefangen in der Tierheit dieser Erde, findet,
den können auch die «Leuchtenden des Ur-
lichts» nicht erlösen. —
Nur: wer sich selbst erlösen will, kann hier
Erlösung finden! —
109
Er sei sich aber dessen wohlbewusst: dass keine
«Wunder» hier im irdischen Geschehen nötig,
oder auch nur «nützlich» sind, will ernstlich er
zum Lichte finden! — —
Stets wird der Geist die allereinfachste
Weise wählen, will er einem Menschengeiste
sich in Vereinung offenbaren.
Ich hege gewichtigste Bedenken, so einer mir
sagt, er fühle sich vom Geiste berufen, aber
gleichzeitig mir von gar «wunderbaren» Be-
gebnissen zu berichten weiss, die solcher Be-
rufung Anrecht erweisen sollen. —
Es ist immer ein gerüttelt Maß Eitelkeit und
geistigen Hochmuts auch in der vermessent-
lichen Forderung enthalten, dass der Geist sich
durch besonderes Bekunden im Äusseren be-
merkbar machen möge: — durch Erlebnis-
möglichkeiten, wie sie nicht jedem geboten
werden. —
Wer wirklich solche Erlebnisse haben soll,
den überfallen sie unvermutet und er sieht
110
sich solchem Erleben plötzlich gegenüber, ohne
es jemals gesucht oder gar erwartet zu haben.
Dann aber ist auch dieses Erleben geistig
bedeutungsvoll und weiterweisend. — —
Wer aber das «Wunder» sucht, dem wird
sicher nur die «Hölle» ihre Künste zeigen,
und jeder, der da auszieht, um einen Magier
zu finden, kann sicher sein, dass ihn ein Char-
latan düpiert! —
Willst du in das neue Leben gelangen, —
das Leben im Geiste, das den Tod nicht
kennt, — dann bändige deine Lust am Wun-
dersamen, und wisse, dass dir das wahre
Gotteswunder nur im eigenen Innern be-
gegnen wird! —
Mit solchem Erleben lässt sich freilich nicht
vor anderen prahlen; aber ich hoffe auch, dass
du dich nicht zu dem Frevel hergeben willst,
das, was der Geist dir gibt, nur danach zu
bewerten, inwieweit es dir dienen könne, dich
vor anderen als besonders «begnadet» zu er-
weisen. — —
Es ist fast unglaubhaft, aber ich spreche leider
111
hier aus Erfahrung, wenn ich bekunde, dass
mir so mancher begegnet ist, der allen Ernstes
vermeinte, sein Streben nach Einheit mit dem
urewigen Geist sei sicher geistigem Gesetz ent-
sprechend, und der dennoch keine Gelegenheit
vorübergehen liess, die ihm die Möglichkeit
bot, sich vor Urteilslosen mit seinem «geheim-
nisvollen» Erleben zu brüsten...
Ein solcher Mensch zeigt damit nur, wie un-
sagbar weit er von dem Wege zum Geiste ab-
geirrt ist.
Durchschaue seine maßlose Sucht, sich selbst,
als das arme kleine Erdentier, vor dir in ausser-
gewöhnlicher Beleuchtung zu zeigen, und lasse
dich nicht von ihm in Angst und Sorge jagen,
weil dir, der du ernstlich nur nach Einheit
mit dem ewigen Geiste
verlangst, die glei-
chen seltsamen Begebnisse nicht widerfahren
sind!
Bist du auf dem Wege, der zur Vereinigung
mit dem ewigen, wesenhaften Geiste führt, so
wirst du in wahrlich anderer Weise deine
Bestätigung erhalten.
112
In deinem äusseren Leben muss sich nicht das
geringste ändern.
Sei fröhlich mit Fröhlichen, und traure, wo du
Trauer empfindest!
Geniesse den Tag auf solche Weise, dass du
vor keinem deiner Nebenmenschen die Ver-
antwortung zu scheuen hast!
Stehe mit beiden Füssen fest auf dieser gelieb-
ten Erde Boden, aber läute auch nicht erst alle
Glocken, wenn du dich anschickst, deine Hände
zu den Sternen zu erheben! — —
Es ist nicht nötig und nicht einmal gut, dass
man allerorten von dir weiss, als einem, der
den Weg zum Geiste beschritten hat! —
Siehe: — ich selbst habe diesen Weg bis zum
Ziele durchschreiten müssen, bevor ich den
anderen, neuen Weg betreten durfte, der
mich zu meinen Brüdern führte!
Seit Jahren bin ich dort angelangt, wo nur
gar selten einer in diesem Erdenleben landen
kann.
Seit Jahren künde ich den Menschen, die meine
Sprache verstehen, die Botschaft des Lichtes.
113
Und dennoch gibt es Unzählige, die mich im
äusseren Leben gut zu kennen glauben, aber
von mir nichts anderes wissen, als was man
auch sonst von einem ehrbaren Menschen weiss,
der da irgendeinem Beruf obliegt, und den
man gelten lässt, weil man ihn nach rechter
Art das Leben des Alltags beherrschen sieht. —
So gehe auch du in aller Stille deinen dir
vorgezeichneten Pfad in der Aussenwelt, und
wähne nicht, es sei vonnöten, dass du dich ab-
sondern müsstest von aller Welt, um in dir
in den Geist zu gelangen! —
Was du im Innern in dir erlebst, ist nur für
dich selbst dir gegeben.
Was du den anderen aber geben kannst, das
trägt seinen Wert in sich, auch wenn es mit
keiner Silbe durch die Bekundung eigenen Er-
lebens bestätigt wird.
Rede nur dort von diesem Erleben, wo du
gewiss sein kannst, dass es unbedingt nötig
ist, davon zu sprechen!
Allen anderen Menschen gegenüber aber wird
dein ganzes Tun und Lassen schon eine
114
wortlose Lehre sein, die oftmals Besseres
bewirkt, als wenn du allerorten das, was
dich bewegt, in lauten Worten kundtun woll-
test. — —
Du hast viel zuviel noch mit dir selbst zu
tun, als dass du dich schon berufen fühlen
dürftest, andere, die es nicht von dir fordern,
zu belehren. —
Mit dir allein musst du den Weg zum
Geiste durchwandern, wenn du dein Ziel er-
reichen willst!
Mit dir allein nur kannst du dein neues
Leben
finden!
Mit dir allein in deinem neuen Leben stehend,
wirst du dereinst auch allen denen Hilfe brin-
gen können, die so wie du das neue Leben
heiss ersehnen! — — —
*           *
*
115
#
FESTESFREUDE
NICHT von den rauschend gefeierten äusser-
ren
Festen soll hier die Rede sein, und
nicht von der Freude derer, die keine anderen
Feste kennen!
Ich will von einer Festesfreude reden, die nur
in der Einsamkeit gedeiht und ausser dem
Erlebenden keine Zeugen duldet...
Allzusehr sehe ich dich nach den äusseren
Festen Ausschau halten, und ich fürchte, du
hast bereits verlernt, mit dir selbst, deiner
Seele Feste zu bereiten?! —
Gleichwie jedoch die klugen Regenten zu aller
Zeit darum wussten, dass der Mensch sich am
besten leiten lässt, wenn man die saure Fron
des Alltags ihm durch frohe Feste an den Feier-
tagen zu versüssen sucht, so sollst auch du von
dir selber wissen, dass du am ehesten Herr
wirst alles dessen in dir, was dir untertan
sein soll, wenn du es verstehst, nicht nur das
Widerstrebende zu zwingen, sondern auch
dem Willigen, sooft es sich ermüdet zeigt,
ein hehres Fest zu feiern. —
Solche Festesfreude der Seele ist wahrlich
mehr vonnöten, als mancher der Besten erahnt!
119
«Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, son-
dern von jedem Worte, das aus dem Munde
Gottes kommt!»
Das nährende Gotteswort aber geht nur in dich
ein, wenn du deine Seele festlich zu seinem
Empfang bereitet hast! —
Solange du eine Werkstatt des Alltags bist,
— und das sollst du im Alltag sein, — wirst
du auch mit der Seelenspeise, die dir der All-
tag
bringt, vorlieb nehmen müssen, und für
die Zeit deiner Arbeit in der äusseren Welt
wird dir solche Nahrung auch genügen.
Zuweilen aber wird sich deine Seele ermü-
det
zeigen, was du daran bemerkst, dass sie
die Speise, die ihr der Alltag bietet, nicht
mehr aufzunehmen
fähig ist.
Sie hungert alsdann nach einer anderen Er-
nährung, die ihr der Alltag — und sei er an
seelischer Speise noch so reich — nie und nimmer
gewähren kann.
In solchen Stunden musst du wissen, dass es nun
an der Zeit ist, der Seele ein Fest zu bereiten!
120
Du wirst aber keine Feste feiern können, so-
lange du «Werkstatt des Alltags» bleibst, aus
der sich niemals aller Staub und Schmutz der
Alltagsarbeit völlig entfernen lässt.
Wisse daher um deine magische Kraft,
dich selbst zu wandeln
!
Wohl ist es dir Pflicht, dem Alltag als Werk-
statt zu dienen, doch sind dir auch Feier-
stunden
gesetzt, in denen du frei bist, die
Form zu wählen, die deiner Seele tiefstes
Sehnen verlangt.
In solchen Feierstunden kannst du dich selbst
zum hohen Dome wölben und in dir sel-
ber
kannst du die Mysterien begehen...
Du selbst kannst dich mit Glockenklang und
Orgelton erfüllen!
Du selbst wirst hier der Sänger heilig-hehrer
Psalmen sein!
Wenn du zu deuten weisst, was bildhaft hier
zur Sprache werden will, dann weisst du längst
schon um die Art der «Festesfreude», die deine
121
Seele braucht, soll sie im Alltagsdasein nicht
verkümmern.
Du kennst die Stunden nur zu gut, in denen
deine Seele müde wird und alles, was ihr sonst
als Nahrung diente, von sich weist.
Ich rate dir: quäle dich nicht in solchen Stun-
den, sondern suche alsbald deiner Seele ein
Fest zu bereiten!
Schliesse dich ein in dein Zimmer oder gehe hin-
aus in die Natur, um dort eine Stätte zu suchen,
in der dich niemand stören kann.
Dort oder hier, wo immer du mit dir allein
sein kannst, ist der rechte Ort, und sei es selbst
mitten unter anderen Menschen, so du nur sicher
sein darfst, dass sie dich nicht nötigen zur Rede.
Bist du mit dir alsdann allein, so ignoriere
alles in dir, was dich an den Alltag und an des
Alltags Kämpfe und Plagen noch erinnern will.
Du wirst später wieder Zeit genug finden, alles
zu schlichten und winkelrecht zu richten, was
dich jetzt etwa beirren möchte.
Mache dich leer von allem, was dir nicht fest-
lich
, nicht festesfreudig erscheint!
122
Dann aber forme in deinem Denken das reinste,
grösste und schönste Bild eines Menschen, das
noch in der Gewalt deiner Vorstellungskraft
beschlossen liegt.
Lasse dieses Bild in dir lebendig werden, und
wenn es greifbar vor deiner Seele steht, dann
identifiziere dich mit ihm und schlage
dir jeden Gedanken aus dem Sinn, der dir zu
zeigen suchen will, wie sehr du dich, — und
nicht zu deinen Gunsten, — von diesem idealen
Bilde unterscheidest! —
Gewiss bist du in deinem Alltagsdasein diesem
von dir selbst geformten und darum in dir als
Möglichkeit bezeugten Bilde noch nicht gleich,
und niemand weiss, ob du dir selber treu ge-
nug zu sein vermagst, dich ihm einst völlig
anzugleichen.
Allein: — für diese deine Feierstunde sollst
du zu vergessen trachten, was an dir noch
Mangel ist!
Für diese deine Feierstunde sollst du dich nur
in dem von dir geformten hohen Menschen-
bilde sehen, und alles, was ihm nicht ent-
spricht, sollst du von dir weisen.
123
In solcher Haltung erzeuge nun in dir eine
heilige Weihestimmung voll innerer Festes-
freude und Dankbarkeit, ohne jegliche Rück-
sicht auf deine Gewohnheit, dir durch dein
Denken erst die Berechtigung zu deinem
Tun zu beweisen.
Sei ohne Sorge und glaube mir, dass nach dei-
ner Rückkehr in das Alltagsdasein sich gar
manche Stunde anbieten wird, in der du alles
nachholen kannst, was du in deiner Feierstunde
etwa an Selbstkritik zu versäumen meinst! —
Es ist so unendlich wichtig für deine Seele,
dass sie alle deine menschlichen Schwächen und
Fehler kennt, aber es ist noch wichtiger, dass
du ihr dann auch des öfteren die Möglichkeit
schaffst, dich so zu sehen, wie du werden
kannst, nachdem du einst Herr geworden bist
in dir selbst! — —
In Stunden der Selbstkritik kannst du nicht
scharf genug sehen und nicht schonungslos ge-
nug mit dir verfahren.
Aber sei kein Tor und wähne nicht, du könn-
test jemals «besser» werden durch stetes Ver-
124
senken in das Bild des Mangels, das deine
Selbstkritik dir zeigte!
«Besser» wird nur der Schaffende, der, nach
der Erkenntnis seiner Fehler, aus sich selbst
sein Idealbild schafft und diesem dann stets
mehr und mehr sich anzugleichen strebt. —
Die Feierstunden deiner Seele aber sollen dein
Fühlen und Denken lockern, so dass sich alles
in dir bereitet, dem von dir geformten idealen
Bilde zu entsprechen.
Darum leite ich dich an, dir solche Festesfreude
zu schaffen, sooft deine Seele sich im Alltag
ermüdet fühlt.
Aus jeder solchen Feierstunde wirst du hervor-
gehen mit einem Zuwachs an seelischer Kraft,
der dich erstaunen lassen mag...
Mehr und mehr wirst du den Alltag zwingen
lernen und deine Festesfreude wird dir noch
die dunkelsten Stunden hellen!
Zuletzt aber wirst du so einst schon auf Er-
den jene Festesfreude erleben, die nicht mehr
unterbrochen werden kann, da sie ein Zeugnis
ist: der Ewigkeit! — —
125
Du wirst diese bleibende Festesfreude um
so eher erlangen, je öfter du deiner Seele
die Feststunden schaffst, von denen ich hier
rede. —
Jeder Tag soll dir als unvollkommen gel-
ten, an dem es dir nicht gelang, eine solche
festliche Feierstunde einzufügen!
Glaube nicht, die Last deiner Alltagsarbeit lasse
das nicht zu!
Auch wenn du mit Arbeit beladen bist wie ein
Galeerensklave, kannst du dir täglich deine
Feststunde noch erringen, wenn du wahrhaft
willst; und es braucht keine «Stunde» nach
der Uhr
zu sein...
Mit unerahnter Kraft erfüllt kannst du als-
dann erneut an deine Arbeit in den Alltag
gehen! — — —
*           *
*
126
#
WERT DES LACHENS
WENN du noch niemals dich aus dumpfen
und verquälten Stunden durch dein La-
chen
zu befreien wusstest, dann weisst du wahr-
lich noch nicht, was das Lachen wert sein kann.
Du bist vielleicht gar ein Verächter aller derer,
die sich über jeden Graben schwingen mit ihrem
herzbeflügelnden Lachenkönnen.
Du kannst nicht verstehen, dass es Menschen
gibt, die selbst den zehrendsten Schmerz noch
durch ihr Lachen zu bändigen wissen.
Oberflächlich und gefühlsarm erscheinen dir alle,
die noch zu lachen wissen, wenn graue Trübsal
sie umgibt.
Gib acht, mein Freund, dass du dir selber nicht
das Urteil sprichst, indem du dich über das
Lachenkönnen der anderen ereiferst!
Wohl sagt das Sprichwort, dass man an sei-
nem Lachen den Narren erkenne, aber nicht
minder wird auch das Lachen dir den Wei-
sen
zeigen.
Nicht nur dich selbst vermagst du durch dein
Lachen aus enger Beklemmung zu lösen: — auch
alle, die um dich sind, kannst du befreien.
129
Wie oftmals schon hat ein zwingendes, herz-
liches Lachen grosses Unheil verhütet! — —
Zorn und Erregung werden sich alsbald zum
Spott, wenn solches Lachen zu rechter Zeit
die Herrschaft an sich reisst.
Und doch gibt es Menschen, die sich vor dem
Lachen fast zu fürchten scheinen, — die es sich
Mühe kosten lassen, sauertöpfisch und wunder-
lich ernst zu bleiben, wenn sie andere lachen
sehen.
Die einen glauben, ihrer Würde etwas zu
vergeben, sähe man sie lachen mit den Fröh-
lichen, — die anderen aber halten sich in harter
Zucht, weil sie der Erde Torheit überwinden
wollen und alle Heiterkeit für Torheit ach-
ten.
So werden sie selbst zu Toren, wo sie sich
weise dünken. — —
Siehe, o Suchender, der du nach Harmonie
in deiner Seele strebst und dich dem Geiste
in dir selbst vereinen willst: — ich werde dich
nicht eher «ernst nehmen» können, bevor
ich weiss, dass du lachen kannst!
130
Gewiss sollst du nicht durch dein Gelächter
zum Narren werden, aber du sollst auch dem
Anlass zum Lachen nicht aus dem Wege gehen.
Ja mehr noch!
Dein Streben zum Geiste ist mir verdächtig,
solange du noch glaubst, du müsstest nach Mög-
lichkeit dich des Lachens entwöhnen. — —
Ich will dich sehen, als einen, dem sein Lachen-
können niemals verloren gehen darf.
Du sollst noch lachen können, wo andere längst
allen Mut von sich fliehen sehen würden.
Aus deinem Lachen will ich deine Sicherheit
erhören, dass du das Ziel, dem du zustrebst,
auch mit Gewissheit erreichen wirst.
Dein Lachen soll mir bekunden, dass du dich
geborgen fühlst und alle Furcht überwunden
hast. —
Unseliger Wahn lässt heute noch allzu viele in
dem Glauben, sie könnten Gott und Göttlichem
nicht nahen, wenn sie nicht in Weheklagen ihre
«Sündenschuld» beweinen würden.
Du aber sollst deine Sünde verlachen lernen,
denn nur wenn du erkennst, dass deine Sünde
131
eine Ausgeburt der Torheit war, wirst du sie
fürder meiden! —
Zum Anlass der Selbstverspottung sollst
du dir werden, gedenkst du der dunklen Tage,
da du noch sündigen konntest, und in der
Sünde «Glück» zu finden glaubtest! — —
Wahrlich, keine Reue wird dich so aus der
Sünde reissen, wie dein freies Lachen über
dein törichtes Tun! —
Und wärest du in Sünde versunken gewesen
bis über den Scheitel, so sollst du erst recht
deiner einstigen Narrheit spotten und über dich
selber lachen lernen! — —
Du wirst mit allem Weheklagen nichts unge-
schehen machen können, was dereinst gesche-
hen ist.
Vielleicht wird deine Reue wie ein Stachelzaun
das Reich der Sünde dir umgrenzen, — allein es
bleibt dir nur «verbotenes Land», und bist du
ehrlich vor dir selbst, so wirst du, tiefversteckt,
doch ein Bedauern in dir finden, dass dieses
nun umzäunte Land dir fortan als die Grenze
deiner Freiheit gelten soll...
132
Nur wenn du lernst, dein Gieren nach der
Sünde zu verlachen, wirst du in Wahrheit
ihm entrinnen!
So nur wirst du von dem Hang zur Sünde wirk-
lich frei!
Was immer auch hinter dir liegen mag auf
deines Lebens Bahn; — es darf keinen Grund
für dich bilden, der Fröhlichkeit nun aus dem
Wege zu gehen.
War Fröhlichsein früher dir gleichbedeutend
mit Sünde, so lerne nun erkennen, dass un-
getrübte Heiterkeit mit jener Torheit, die man
«Sünde» nennt, auf ewig unvereinbar ist.
Du warst nur eitlem Schein erlegen, wenn du
für kurze Zeit dem Wahn dich überlassen konn-
test, als sei in der Sünde bleibende Freude zu
finden. —
Dein Lachen über deine eigene Verblendung
wird dich am ehesten bewahren, je wieder sol-
chem Scheine zu vertrauen!
Je mehr du lachen lernst, desto freier wirst
du werden!
Je freier du lachen kannst, desto ernster wirst
133
du jenen Dingen gegenübertreten, die sich nur
ernsthaftem Streben enthüllen. —
So wird dein Lachenkönnen dir eine grosse
Hilfe werden auf deinem Wege, der zu dir selber
führt!
So wirst du lachend aller Gefahr die Stirne
zeigen können!
So wird dein Lachen dich befreien von aller
Erdenschwere, die dich niederziehen will! — —
*           *
*
134
#
SELBSTÜBERWINDUNG
DAS freie «Ausleben» seiner Persönlichkeit
ist ein Postulat des modernen Menschen
geworden.
Jeder glaubt sich zu solchem «Ausleben» be-
rechtigt
, — ja, ich lernte manchen Menschen
kennen, der sich dazu verpflichtet fühlte.
In schroffem Gegensatz zu diesen Auffassungen
steht die Forderung, die schon zu allen Zeiten
von jenen erhoben wurde, die ihre Mitmen-
schen lösen wollten aus irdischer Gebunden-
heit, um sie zum Glück der eigenen Erfahrung
in der Geisteswelt zu führen.
Es wird da gefordert, dass der Strebende vor
allem lernen müsse, sich selbst zu überwinden,
und die paradox klingende Mahnung lautet: —
«Nur der kann zu sich selber kommen,
der sich selbst überwunden hat.» —
Scheinbar gibt es keine Brücke, die über die
Kluft zwischen diesen Gegensätzen trägt, und
doch ist hier Bedürfnis und Erkennen nur
dann für immer geschieden, wenn der Worte
Deutung beides scheidet...
Solange das Bedürfnis, sich «auszuleben»,
137
eng begrenzt bleibt auf irdisch physisches
Erleben, ist es wahrlich nicht zu vereinen mit
der geistig geforderten Pflicht zur «Selbst-
überwindung
».
Ebenso aber bleibt auch «Selbstüberwindung»
unerfüllbare Forderung, solange die irrige
Deutung besteht, als handle es sich hier um
eine «Abtötung» seiner selbst: — um eine
Verneinung seines Selbsterlebens.
Letzten Endes ist die Forderung der Selbst-
Überwindung nichts anderes als eine Erkennt-
nisfrucht, die noch von allen gepflückt wurde,
denen es nicht genügte, sich nur im irdisch-
physischen Bereiche zu erleben: — die sich
vielmehr auch dort «ausleben» wollten, wo
sie die innerste Seinsbegründung ihrer
selbst
erahnten. — —
Das Bedürfnis, sich «auszuleben», wird kei-
neswegs negiert!
Es wird ihm vielmehr in erweitertem Maße
entsprochen und so die Erkenntnis erlangt,
dass vollkommenstes «Sichausleben» nur er-
reichbar ist, nachdem überwunden wurde,
was solches höchste Ausleben hindert. —
138
Wer freilich alle Möglichkeit des Selbsterlebens
nur im physischen Dasein gegeben wähnt, der
handelt aus seinem Irrtum heraus konsequent,
wenn er sich darauf beschränkt, sich allein im
Physischen «ausleben» zu wollen, denn er
weiss nicht, dass sein Bedürfnis nach reichem
Selbsterleben weit über die Bereiche irdischen
Erlebens hinausweist. — —
Um dieses Bedürfnis zu verstehen und in seine
höchste Bahn lenken zu können, muss man
sich darüber klar geworden sein, was die ge-
samte
Wirklichkeit des Menschen ausmacht.
Man darf sich nicht damit bescheiden, nur das
physisch Wahrnehmbare zu betrachten.
Nur als Erzeugnis der Erde angenommen,
ist wahrlich der Mensch nichts anderes als ein
absonderliches Tier, mit allen Eigenschaften
eines Tieres.
Fast scheue ich mich, ihn auch nur ein «höheres»
Tier zu nennen...
Es handelt sich hier durchaus nicht nur um den
Leib, sondern auch um die Psyche des Tieres.
Dieses Tier aber wurde, — im Gegensatz zu
139
anderen Tieren, — zum Manifestationsob-
jekt
einer geistigen Potenz, so dass im Laufe
der Jahrtausende auch die Psyche dieses Tie-
res durch Influenzwirkung erweitert und er-
höht
wurde.
Trotzdem aber blieb die tierische Art er-
halten und könnte, auch wenn sie in ihrer
Einzelform ewig währen würde, in aller Ewig-
keit niemals «vergeistigt», — das heisst also:
in Geistiges umgewandelt werden.
Ebenso kann auch die geistige Potenz, die
sich in dieser Tierform manifestieren will, in
Ewigkeit nicht zur Vertierung gelangen.
Hingegen ist diese geistige Potenz an einen
Organismus gebunden, — einen Organismus
subtilster, unsichtbarer Art, — der, wenn
auch nicht «ausser»- oder «über»-kosmisch,
so doch wahrhaftig «über-irdisch» zu nennen
ist, da er aus einer Substanz besteht, die wohl
die Erde durchdringt, keineswegs aber zu
den integrierenden Substanzen des Planeten
«Erde» gehört.
Es handelt sich hier um den kosmisch-gei-
stigen
«Menschen» in seiner erdnächsten
140
Form, durch dessen Einwirkung erst aus
dem Erdentier, in dem er sich manifestiert, der
Erden-Mensch wird.
Nun ist zwar der kosmische Geistesmensch
erdnächster Form aufs engste mit seinem Mani-
festationsobjekt: dem Erdenmenschtiere, ver-
bunden
, solange dieses Tieres Erscheinung
auf Erden währt, — allein, diese Verbindung
kann für den Geistmenschen ebenso Ursache
der Freude wie furchtbarster Höllenqual
sein, denn sein Drang, sich zu manifestieren,
kann ebenso durch das Erdentier gefördert,
wie behindert, ja völlig eliminiert werden.
Der gegebenen Norm nach ist der Erdenmensch
nur im Bewusstsein der durch Influenz des
Geistmenschen mehr oder weniger gehobenen
Tierheit.
Das gilt für Gelehrte und Ungelehrte
für Junge und Alte, für Mächtige wie
für Bettler
!
Es ist jedoch möglich, die Norm zu durch-
brechen
, so dass der Erdenmensch alsdann
nicht mehr nur im Bewusstsein der Tierheit,
141
— sei diese auch noch so hoch differenziert,
— sondern zugleich im lichtdurchfluteten Be-
wusstsein des Geistesmenschen steht.
Das aber lässt sich nur erreichen nach Erfül-
lung jener Vorbedingung, die von den Er-
leuchteten aller Zeiten «Selbstüberwindung»
genannt wird!
Aber dieses Wort darf nicht irrige Ausdeu-
tung erfahren, und der aus dem Tierbewusst-
sein verlangende Erdenmensch darf nicht etwa
glauben, es werde von ihm gefordert, dass er
aller Tierheit, — die ja dem Geistesmenschen
nötig ist, will er sich auf Erden manifestieren,
fortan entsagen solle. — —
«Abtötung» des Tierischen ist ein Verbre-
chen
, — einerlei, ob solche «Abtötung» nur
bis zur Lähmung der Tierheit erfolgt, oder
zur Selbstvernichtung des Tieres führt! —
Der Asket, der sein Tierisches peinigt, weil
es ihm nicht zu willen ist, darf sich in keiner
Weise erhaben dünken über den Selbst-
mörder
, der mit einem Schlage sein Tieri-
sches vernichtet, — denn er handelt nur
142
weniger konsequent, aber keineswegs
weniger verwerflich! — — —
Gefordert
wird nur Überwindung aller
Strebungen des Tieres, die erfühlter-
maßen der Manifestation des Geistes-
menschen im Wege stehen
.
Gefordert wird, dass das Tierbewusstsein
sich selbst als solches erkennt und über
sich selbst hinausverlangt
.
Das allein ist rechte «Selbstüberwin-
dung»
! — — —
Was daraus resultieren kann, ist die Ver-
einigung des tierischen Bewusstseins
mit dem Bewusstsein des Geistesmen-
schen zu einer homogenen Einheit für
Zeit und Ewigkeit
. — —
Dann hat wahrhaftig der Tod «seinen Stachel
verloren», denn im Bewusstsein seiner
Identität
geht der so geeinte neue Mensch aus
diesem Erdenleben in die Welt des substan-
tiellen reinen Geistes
ein!
Sich selbst schuf der Tiermensch Erlösungs-
möglichkeit, — zugleich aber wurde der Gei-
stesmensch
von ihm er-löst: — befreit aus der
143
Pein der Behinderung durch das Tier, das ihm
nun auf Erden willig dient und durch sein Seeli-
sches vereint bleibt in unlöslicher Vereinung. —
Wenn aber diese Vereinung hier auf Erden
nicht erfolgt, dann können Äonen vergehen,
bevor die «Seele», die das Menschtier über-
lebt, einst fähig wird, in dem ihr ewiges Eigen-
leben verleihenden Geistesmenschen zu Bewusst-
seinseinung aufzugehen...
Zu allen Zeiten gab es Menschen dieser Erde,
die schon während ihres Erdenlebens das
«Tier» dem «Gotte»: — das Menschtier-
bewusstsein dem Bewusstsein des Geistesmen-
schen, in sich vereinigt hatten, und alles gei-
stige Wissen, das noch — wie immer auch ver-
mengt mit mancher Zutat Unberufener — heute
auf Erden zu finden ist, ging einst von solchen
Menschen aus, denn niemals sprach die
Gottheit anders zu der Erdenmensch-
heit, als durch den Menschen
. —
Alles aber, was jene zu sagen hatten, die aus
dem Geistesmenschentum lehren durften, da
sie in ihm bewusst geworden waren, half
144
immer nur denen, die sich bewegen liessen, ge-
sammelten Willens danach zu streben,
«Selbstüberwindung» im hier bezeich-
neten Sinne zu üben
.
Kein Mensch kann den anderen erlösen, —
aber wer den Weg zur Erlösung weiss, der
kann ihn anderen zeigen.
Sie zu bestimmen, dass sie ihn auch gehen
wollen, hat er weder Macht noch Recht!
Und wahrlich: — schwer wird es dem Erden-
menschen, sich einzugestehen, dass er vorerst
noch allein im Tierbewusstsein lebt!
Schwer wird es vor allem den Selbstgerechten,
die längst ihr Heil in irgendeinem Religions-
system gefunden glauben, — schwer wird es
denen, die sich «reich» wähnen im Geiste, weil
ihr Scharfsinn alles zu zerdenken weiss!
Ich könnte sehr wohl verstehen, wenn diese
Selbstbehinderten meine Worte schmähten, statt
die Probe auf ihre Wahrheit zu wagen...
Festgefroren, wie Radspuren auf schlechten
Wegen im Winter, sind die Denkgeleise in
vielen Gehirnen!
145
Aber nach ewigem Gesetz wird keiner sein
Schicksal mehr ändern können, sobald er die
Erde dereinst verlassen muss...
Jetzt, in dem Augenblick, in dem du diese
Worte liest, ist die Zeit der Selbstbesinnung
für dich gekommen!
Jetzt kannst du dich noch entscheiden und
bist deiner Entschlüsse Herr!
Wertlos für dich aber bleibt dein Wägen meiner
Worte, solange du nicht mit aller Kraft danach
handeln magst!
Klug wirst du tun, dein Vor-Urteil nicht zu
beachten, denn erst dann bist du urteils-fähig,
wenn deine Selbst-Überwindung auch dich
einst von der Herrschsucht deiner Tierheit be-
freite und du eingegangen sein wirst in das
Bewusstsein deines Geistesmenschen! — —
Du sollst nicht mich und meine Worte, sondern
deinen Irrtum überwinden, der in dir selbst
seine Ursache hat!
*           *
*
146
#
VOLLENDUNG
Alle höchste Weisheit ruht im Sein
      und nicht im «Denken». — —
Tiefste Wirklichkeit im wahren Sein
      kann dir erst leuchtend wahres Denken
      schenken!
Denken, das nur «Denken» ist
      führt irre Pfade —
Wahres Sein allein gebärt Gedanken
      voll der Gnade!
Alle höchste Weisheit quillt
      aus vollem Leben — —
Nie kann dir dein blosses Denken
      höchste Weisheit geben!
*
147
Das geistige Lehrwerk von Bô Yin Râ, besteht aus folgenden
32 Büchern:
DAS BUCH DER KÖNIGLICHEN
KUNST
DAS BUCH
VOM LEBENDIGEN GOTT
DAS BUCH
VOM JENSEITS
DAS BUCH
VOM MENSCHEN
DAS BUCH
VOM GLÜCK
DER WEG ZU GOTT
DAS BUCH DER LIEBE
DAS BUCH DES TROSTES
DAS BUCH DER GESPRÄCHE
DAS GEHEIMNIS
DIE WEISHEIT DES JOHANNES
WEGWEISER
DAS GESPENST DER FREIHEIT
DER WEG MEINER SCHÜLER
DAS MYSTERIUM VON GOLGATHA
KULTMAGIE UND MYTHOS
DER SINN DES DASEINS
MEHR LICHT
DAS HOHE ZIEL
AUFERSTEHUNG
WELTEN
PSALMEN
DIE EHE
DAS GEBET / SO SOLLT IHR BETEN
GEIST UND FORM
FUNKEN / MANTRA PRAXIS
WORTE DES LEBENS
ÜBER DEM ALLTAG
EWIGE WIRKLICHKEIT
LEBEN IM LICHT
BRIEFE AN EINEN UND VIELE
HORTUS CONCLUSUS
Nicht zu dem geistigen Lehrwerk gehörig, wenn auch
aufs engste daran anschliessend:
IN EIGENER SACHE
DAS REICH DER KUNST
OKKULTE RÄTSEL
AUS MEINER MALERWERKSTATT
KODIZILL ZU MEINEM GEISTIGEN LEHRWERK
MARGINALIEN
ÜBER DIE GOTTLOSIGKEIT
GEISTIGE RELATIONEN
MANCHERLEI
sowie die beiden Flugschriften:
ÜBER MEINE SCHRIFTEN
WARUM ICH MEINEN NAMEN FÜHRE
Postum herausgegeben:
NACHLESE
Gesammelte Prosa und Gedichte aus Zeitschriften
KOBER'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG AG.
ZÜRICH 48
Französische Übersetzungen im Verlag
Ed. «La Balance», Paris
Holländische Übersetzungen im Verlag
Servire, Den Haag
Schwedische Übersetzungen im Verlag
Widiugs Förlags A. B., Stockholm
In der Kober'schen Verlagsbuchhandlung AG. Zürich
erschien 1954
BÔ YIN RÂ
LEBEN UND WERK
von Prof. Rudolf Schott
In Vorbereitung:
DER MALER BÔ YIN RÂ
von Prof. Rudolf Schott
Zweite, mit Text und Bildern erweiterte Auflage
DIE KOBER'SCHE
VERLAGSBUCHHANDLUNG AG.
ZÜRICH
ist Verlegerin und Besitzerin sämtlicher Schriften und
Verlagsrechte des Autors Bô Yin Râ. Seine Bücher sind durch
jede gute Buchhandlung zu beziehen. Wo die Bücher nicht auf
Lager sind, werden durch den Verlag bereitwilligst Buch-
handlungen nachgewiesen, die in ihrem Sortiment diese Bücher
führen.
ENDE
#
BÔ YIN RÂ
BRIEFE
AN EINEN UND VIELE
Verlagslogo
gegründet 1816
KOBER`SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG AG
BERN
2.Auflage
unveränderter Nachdruck
der 1935 erschienenen Ausgabe
©
1971 Kober`sche Verlagsbuchhandlung AG. Bern
alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung
in fremde Sprachen und der Verbreitung in Rundfunk und
Fernsehen
Druck: Graphische Anstalt Schüler AG. Biel
UM DEN FORDERUNGEN DES URHEBERRECHTES
ZU ENTSPRECHEN, SEI HIER VERMERKT, DASS
ICH IM ZEITBEDINGTEN LEBEN DEN NAMEN
JOSEPH ANTON SCHNEIDERFRANKEN FÜHRE,
WIE ICH IN MEINEM EWIGEN GEISTIGEN SEIN
URBEDINGT BIN IN DEN DREI SILBEN:
BÔ YIN RÂ
VERZEICHNIS DES INHALTS


Vorbemerkung 5
Erster Brief 17
   Vom Besitztum der Seele
Zweiter Brief 21
   Von unnötiger Ängstung
Dritter Brief 27
   Vom verlangten Vertrauen
Vierter Brief 33
   Über meine Schreibweise
Fünfter Brief 39
   Von meinem Selbstbekennen
Sechster Brief 46
   Womit man zu Ende sein muß
Siebenter Brief 51
   Vom Tempel der Ewigkeit
Achter Brief 60
   Über meine Geistnatur
Neunter Brief 66
   Wie geistige Hilfe bewirkt wird
Zehnter Brief 81
   Wie Gott fern ist vom Weltgeschehen
Elfter Brief 87
   Wie Gott Einzelnen dennoch hilft
Zwölfter Brief 94
   Von den Seelenkräften
Dreizehnter Brief 103
   Über Neudrucke meiner Bücher
Vierzehnter Brief 109
   Von Polytheismus und Heiligenkult
Fünfzehnter Brief 118
   Von der Weise des Lebens im Licht
Sechzehnter Brief 126
   Über die Milde wahrer Erweckung
Siebzehnter Brief 132
   Von Mystikern und Böhme
Achtzehnter Brief 138
   Von dem was Gott ist
Neunzehnter Brief 147
   Von Wesenheit und Wesen
Zwanzigster Brief 153
   Was ich nicht erfragt sein will
Einundzwanzigster Brief 159
   Von der Zwölfzahl und der Turmuhr
Zweiundzwanzigster Brief 168
   Von den Schuppen vor den Augen
Dreiundzwanzigster Brief 176
   Wie alle ungleich sind vor Gott
Vierundzwanzigster Brief 184
   Vom Bekennen vor den Menschen
Fünfundzwanzigster Brief 193
   Von gefallenen Meistern
Sechsundzwanzigster Brief 201
   Von strahlenden Steinen und Stoffen
Siebenundzwanzigster Brief 209
   Vom Entwerten des Leides
Achtundzwanzigster Brief 220
   Vom Segnen und vom Segen
Neunundzwanzigster Brief 229
   Von der Zeitfremdnis des Ewigen
Dreißigster Brief 235
   Von Hingabe und Wortverzicht
Schlußwort 241
Die Vorbemerkung und das Schlußwort gehören organisch zu diesem Buche und wollen nicht als Nebensache betrachtet werden!
#
VORBEMERKUNG
Daß, und warum ich gegen Veröffentli-
chungen der nur auf bestimmte Anlässe
gerichteten und daher als nur einmalig gül-
tig gemeinten, nur nach genauester Kennt-
nis ihrer Entstehungsumstände bewert-
baren Briefe Verstorbener bin, habe ich in
einem Buche, das den Titel „Wegweiser”
führt, deutlich genug gesagt.
     Da mir aber jede Macht fehlt, nach mei-
nem „Tode” eine Veröffentlichung von
Briefen zu verhüten, die auch ich nur im
Hinblick auf ehedem augenblickhaft ge-
gebene datumsbeschränkte besondere Ver-
anlassungen, und als nur in ihrem Geltungs-
bereich einmalig gültig geschrieben ange-
sehen wissen wollte, so wäre es recht tö-
richt, wenn ich mich schon bei Lebzeiten
über solchen möglichen Mißbrauch des
Meinen grämen würde.
     Hingegen finde ich mich veranlaßt, das
5
immer nur Ephemere, Eintagsgültige zeit-
und sachbestimmter Gelegenheitsbriefe
unmißverstehbar erkennen zu lehren, in-
dem ich hier — als Gegenbeispiel — Briefe
darbiete, die jederzeit wieder aufs neue
Einzelnen Hilfe bringen können, weil sie
wirklich nur meine auf alle Zeiten bezo-
gene Lehre erkennen lehren.
     Ich habe solche Briefe voreinst vielmals
an Viele geschrieben, wenn auch jeweils
in gewissen Abwandlungen, so daß es viele
Leser geben wird, die in der Gestalt des
Adressaten sich selber wiedererkennen wer-
den. Ich hoffe aber, daß keiner der hier Ge-
meinten das voreinst ihm privatim Dar-
gebotene nun etwa als durch die mir ja nur
allein zustehende Veröffentlichung des
Meinen für ihn „profaniert” empfinden
wird, denn auch jetzt wird das Gesagte doch
nur Seelen dienen können, die dafür in
sich, selber vorbereitet
sind.
6
     Das, was ich ehedem vielen verschie-
denen
Menschen auf ihre Briefe und Fra-
gen hin im Einzelfall zu antworten hatte,
ist nun hier zusammengefaßt, weil ich es
ja in jedem mit der ins Irdische gefesselten
Seele und ihren hier möglichen Erfahrun-
gen, wie ihren immer gleichen „Fragen”
zu tun hatte. Jeder einzelne der hier dar-
gebotenen Briefe bezieht sich jeweils ge-
treulich auf bestimmte, vormals an mich
gelangte Anfragen, Mitteilungen und Be-
richte. Der Anlaß, den meine hier im Buch
gegebene jeweilige Briefantwort erwähnt,
wurde also in keinem Falle etwa erst für
die Beantwortung von mir erfunden! Lange
schon sind jedoch die Zeiten vorbei, in
denen ich, außer aller nur mir bekannten
rigorosen Pflichterfüllung im ewigen Gei-
stigen
, vom Morgen bis zur Dunkelheit —
praktisch durch keine Pause unterbrochen
— produktiv arbeiten konnte, dann eine
7
eilig genossene kleine Mahlzeit zu mir
nahm, und nachher bis zum neuen Morgen-
grauen am Schreibtisch saß, um Briefe zu
beantworten
, worauf ich nach einem kur-
zen tiefen Schlaf wieder vor einer Maltafel
war oder Manuskripten die Form schuf, in
der sie den auf Licht Harrenden zugänglich
werden sollten. Ich will heute nicht fragen,
ob meine Hingabe zu unbeschränkt war,
soweit sie der Beantwortung von Briefen
galt, aber mein erdenkörperlicher Organis-
mus hat schließlich diese ihm viele Jahre
hindurch
, ununterbrochen widerfahrene
Behandlung recht übel beantwortet, so daß
ich definitiv ihr zu entsagen gezwungen
wurde.
Mögen nun die hier gegebenen Briefe
dafür allen der Lehre Würdigen dargebo-
ten sein, die allein sich durch sie ange-
sprochen
wissen sollen!
     Daß ich den Inhalt, verglichen mit den
8
ehedem so oft geschriebenen privaten Er-
klärungs- und Beratungsbriefen, sehr we-
sentlich zu bereichern vermochte, ergab
sich aus der Natur der mir von mir selbst
gestellten Aufgabe, hier ein Buch in Brie-
fen zu geben: — ein Buch, das, langher schon
vorbereitet, zuletzt nur in dieser Form zu
seiner Gestaltung kommen konnte.
     Die Briefe sind nicht etwa diktiert, son-
dern trotz allen mein Schreiben zur Zeit stö-
renden physischen Behinderungen mit der
Hand geschrieben
, so, wie ich ehedem
ohne plagende Hemmung ihre Vorbilder zu
schreiben vermochte. Doch liegt hier keine
„Ausnahme” vor, denn ich habe bis auf den
heutigen Tag noch nichts veröffentlicht,
das anders als durch Handschrift mit der
Feder
entstanden wäre. Das Manuskript für
den Setzer hat immer ein handgeschrie-
benes
erstes Manuskript zur Vorlage, das
freilich die physische Mühsal seines Zu-
9
standekommens meistens nicht zu verber-
gen vermag und so wenig meinen Ansprü-
chen an meine Handschrift entspricht, daß
ich die seltenen, unumgänglichen Briefe,
die ich mitunter noch zu schreiben ver-
suche, notgedrungen nur zu nachfolgender
Abschrift ins Stenogramm diktieren kann.
Die Handschrift hingegen muß heute, so-
weit sie mir möglich wird, allein der sie
unumgänglich verlangenden Gestaltung
meiner Lehrtexte vorbehalten bleiben, die
sich nun hier in diesem Buche in Brief-
form
darbieten, wobei jeder von mir ge-
meinte, wirklich angesprochene Leser je-
den Brief als an sich selbst gerichtet be-
trachten darf, auch wenn ich niemals eine
Zuschrift von ihm empfing und auch gewiß
keine privatim beantworten könnte.
10
Zurück! — Zurück mit euch! —
Die ihr alles geflissentlich
Und beflissen umdrängt,
Was eurer leibesentstandenen
Unsauber riechenden Tierseelen
Lüstern leckender Gierde
Nicht zugemeint ist!
Ich bin nicht gekommen
Um euch: — den einzigen,
Die ich nicht rufe —
Der „Eure” zu heißen!
Das, was ich bringe,
Ist nur den Lauteren,
Ewiger Seele Gewärtigen,
Sauberen, Herben, Verhaltenen,
Lange Zögernden dargeboten,
Die mit gereinigten Händen
Zu fassen wissen,
Was ihr nur — befleckt!
*
11
Sag' uns: — Wer bist du?
Wir müssen dich kennen! —
Wie sollen wir wahr
Deine Art benennen?!”
Ich bin ein Strahl
Und sein ewiges Licht!
Ich bin ein Wort
Das sich selber spricht
!
Ich bin ein Schwert
Und ein schützender Schild!
Ich bin ein Former
Und auch sein Bild!
Ich bin ein Ring
Und bin sein Stein!
Ich bin der Winzer
Und bin der Wein!
Ich bin ein Stamm
Und des Stammes Reis!
Ich bin ein Mensch,
12
Der die Weise weiß:
Funken zu schlagen
Aus ewigem Eis
!
*
Was ich bringen komme,
    bringt man erst
    dem eigenen Blute,
Bevor man weitergibt
    aus eigenem Gute
Auch fremden Stämmen,
    Was sie gültig fassen. —
Wollt ihr nicht haben,
    was ich euch
    als Ersten bot,
Dann werdet ihr, — glaubt mir:
    ich kenne das Gebot! —
Das, was euch heute finden sollte,
13
    später, fernher holen: — —
Der Nacht Genossen —
    scheu, auf leisen Sohlen...
*
14
DIE BRIEFE
#
ERSTER BRIEF
Sie sagen mir, daß Sie im „Buch vom le-
bendigen Gott” vieles finden, das Ihnen
lange schon als eigenes Besitztum der
Seele gelte, obwohl Sie nicht dazu gelangt
seien, dem von Ihnen seelisch Empfunde-
nen auch selbst „in Worten Ausdruck”
schaffen zu können.
     Da Sie sich nicht näher über die einzel-
nen Stellen des Buches aussprechen, auf
die sich Ihr Gefühl des Wiedererkennens
eigener Empfindung bezieht, nehme ich
an, daß Sie in den einzelnen Kapiteln, die
Ihnen ja doch fraglos dem Gesamtinhalt wie
der Formung nach neu waren, dennoch zu-
weilen an Sätze gelangten, die Sie wie wort-
gemäße Darstellungen des bereits ohne
mein Buch in Ihnen Erfühlten anmuteten.
     Verstehe ich Sie damit recht, so liegt
dann wirklich ein „Wiedererkennen” des
17
auch Ihnen Eigenen vor, da Ihre Seele ja
aus dem gleichen Urgrund stammt wie die
meine, und ich in meinen Büchern nach
nichts anderem trachte, als nach Darstel-
lung der ewigen, von allem zeitlichen
Meinen und Glauben ganz unberührten
Wirklichkeit, die aller Seele Urbesitz ist,
auch wenn in diesem, von physisch Kör-
perlichem laut übertönten Erdenleben das
Bewußtsein um solchen Besitz bis zu nur
traumhafter Fernschau einer verblaßten
Erinnerung abgedrängt wird. So betrach-
tet, überrascht mich Ihre Behauptung nicht
im mindesten. Sie zeigt mir nur, daß ein-
zelne meiner Worte das normalerweise wäh-
rend dieses Erdenlebens kaum noch faß-
bare Erinnerungsbild der Seele soweit in
Ihnen zu verstärken imstande waren, daß
es Ihnen in den berührten Punkten wort-
geformt faßbar wurde. Was Sie über das
Glück sagen, nun gewisse, Ihnen wohlbe-
18
kannte seelische Empfindungen anhand
meiner Worte „nach Wunsch und Willen”
jederzeit aufs neue nacherleben zu können,
ist nur eine Bestätigung des hier Erklärten,
so daß Sie ganz unbesorgt sein dürfen hin-
sichtlich des Ihnen „merkwürdigen, aber
eigentlich wohltätigen” Gefühls der erlang-
ten Gewißheit über einen inneren Bezirk,
der Ihnen vordem als ganz unerkundbar
erschienen war.
     Sie sind aber auch durchaus in guter
Selbstberatung, wenn Sie mir gestehen,
selbst zu fühlen, wie sehr Sie noch meiner
Worte bedürfen, ja, wie Sie vorerst in
diesen Worten die einzigen brauchbaren
Schlüssel” zu den Schatzkammern Ihres
seelischen Besitzes erkennen.
     Gern höre ich weiterhin von Ihnen, wie
Sie sich dieser Schlüssel zu bedienen wissen.
     Sie werden zwar gewiß keinen regel-
mäßigen Briefaustausch mit mir erwarten
19
dürfen. Ich müßte mich selber vervielfachen
können, sollte ich auch nur den kleinsten
Teil der Wünsche erfüllen, die eine Be-
antwortung an mich gerichteter Briefe er-
hoffen. Nicht meine „kostbare Zeit”, die
ich leider bis zum Überdruß in vielen Zu-
schriften erwähnt finde, versagt es mir, alle
die Antworten niederzuschreiben, die ich
von Herzen gerne geben möchte, sondern
die mir verfügbare irdische Kraft, die längst
über alles zulässige Maß hinaus überlastet ist.
     Sobald ich Sie jedoch in Ihren, hier aus-
drücklich von mir erbetenen Berichten bei
einem störenden Irrtum gewahren sollte,
will ich dennoch tun, was mir möglich ist,
um Sie gut beraten zu wissen.
     Der Himmel segne Sie!
20
#
ZWEITER BRIEF
Unsere Fähigkeit, Seelisches zu erleben,
ist durch gewisse Aufnahmehemmungen be-
hindert, die man in Analogie zu dem Ver-
halten unserer physischen Fähigkeiten:
„Ermüdungserscheinung” nennen darf.
Was Sie mir nun zu berichten haben, ist
deutlich als Schilderung einer solchen Er-
müdungserscheinung zu erkennen.
     In Ihrer ersten Freude darüber, manches
Ihnen bekannte seelische Empfinden zum
erstenmal in Worten dargestellt zu sehen,
hatten Sie alles andere, was in meinem
Buche gesagt ist, offenbar vorläufig außer
acht gelassen und sich mit dem Ihnen nicht
Bekannten auch weiter nicht beschäftigt.
Ihre Erregung durch jene meiner Worte,
die Sie als „genaue Beschreibung” des
Ihnen bekannten seelischen Erlebens emp-
fanden, war, wie Sie ja selbst sagen, „über-
21
aus stark und nachhaltig”. Kein Mensch
aber kann ein solches seelisches Erregtsein
dauernd in gleicher Stärke festhalten. Es
folgt naturnotwendig — und zum Glück
für unseren physischen Organismus — das
Abklingen auch der stärksten seelischen
Erregung. Sie aber wollten sich dem wider-
setzen und glaubten, das immer erneute
Lesen der Sätze, die in Ihnen so lebendige
Wirkung hervorgebracht hatten, müsse zu
immer neuer Beglückung durch Bestäti-
gung eigenen seelischen Erlebens führen.
Daß Sie sich aber dadurch nur immer mehr
übermüden mußten, kam Ihnen nicht in
den Sinn, und in diesem übermüdeten Zu-
stande stiegen nun jene Worte plötzlich vor
Ihnen auf, die von Dingen handeln, die
Ihnen noch ganz unbekannt sind. Das ist
jedoch durchaus nicht „unheimlich” oder
„beängstigend”, wie Sie in Ihrem Briefe
an mich sagen!
22
     Sie wurden nur gewahr, was Ihnen beim
ersten Versenken in Schilderungen des
Ihnen Bekannten, an noch nicht Bekann-
tem entgangen war, weil Sie unwillkürlich
darüber hinweg gelesen hatten.
     Es wird Ihnen jedoch bei jedem erneu-
ten Lesen eines meiner Bücher ähnlich
gehen, auch wenn Sie glauben sollten, den
Inhalt des Buches, das Sie gerade wieder
zur Hand nehmen, beinahe auswendig zu
wissen. Sie werden mit Erstaunen wahr-
nehmen, daß Sie zwar des Inhalts kundig
zu sein glaubten, aber im Wiederlesen
immer wieder neuem Inhalt begegnen!
     Diese Bücher lassen sich nicht „auslesen”,
weil ihr Inhalt allen überhaupt möglichen
Konstellationen seelischen Bewußtwerdens
Darstellung gibt, und weil jedes erneute
Lesen den Leser in einer anderen seelischen
Aufnahmefähigkeit findet.
     Es ist daher für Sie gar kein Grund ge-
23
geben, an der Erweiterungs- und Vertie-
fungsmöglichkeit Ihres seelischen Erleben-
könnens zu zweifeln. Nur müssen Sie Ge-
duld haben, wie man Geduld haben muß,
wenn man ein Musikinstrument spielen,
oder eine fremde Sprache frei gebrauchen
lernen will.
     Sie hatten vielleicht Ihre Vertrautheit
mit dem, was es für uns Menschen in der
Seele zu erleben gibt, überschätzt, und
müssen sich nun zu der Erkenntnis durch-
arbeiten, daß es unvergleichlich mehr See-
lisches zu erleben gibt, als Sie bis jetzt zu
erahnen vermochten.
     Wenn die gegenwärtigen Zweifel an Ihrer
Erlebensfähigkeit dem Seelischen gegen-
über, Sie vor solchem, so verhängnisvollen
Überschätzen dessen, was Sie seelisch er-
lebt zu haben glauben, in Zukunft bewah-
ren werden, dann ist Ihre augenblickliche
Enttäuschung das beste Vorzeichen dafür,
24
daß Sie sich dereinst — wenn es auch länger
hingehen mag, als Ihnen erwünscht wäre —
im Reiche der Seele erwacht finden wer-
den. Fassen Sie neuen Mut und bedenken
Sie, daß Ihr Ziel zu seiner Erreichung große
Hingabe erfordert!
Weil du dir selber
     dich zu weit entrücktest
Und träumend dich
     an Traumgebild entzücktest,
Ist dir das Band, das dich
     mit Gott verband, — entglitten:
In Trug und Tand hast du
     dich, selbst erlitten.
In dich gezwängt,
     hast du dann Gott gerufen, —
Von dir bedrängt,
     liegst du nun vor den Stufen,
25
Die — in dir selber —
     dich zu Gott erheben:
Aus Dunst und Dunkel,
     zu dir neuem Leben!
*
26
#
DRITTER BRIEF
An allem dürfen Sie zweifeln — auch an
mir — nur nicht an der Möglichkeit, im
Lichte der Seele zum Erwachen kommen
zu können! Ihr letzter Brief enthält aber
keinen einzigen Satz, der nicht aus solchem,
alles Erleben der Seele hindernden Zwei-
fel hervorgegangen wäre.
     Sie könnten ja recht haben, wenn Sie mir
nun schreiben, Sie sähen sich — im Gegen-
teil zu meiner letzten Äußerung — von mir
„überschätzt”. Aber was ich Ihnen als ein
Ihnen Erreichbares in der Ferne zeige,
würde durch irgendwelche Überschätzung
Ihrer Person keineswegs für Sie weniger
sicher erreichbar!
     Wenn Sie einmal soweit sind, wie Sie
sein müssen, um das von mir aufgezeigte
Ziel erreicht zu haben, werde ich Sie ganz
gewiß nicht mehr „überschätzen”, gesetzt,
27
daß heute wirklich Überschätzung bestün-
de. Aber Ihr nun so lebhaft sich bekun-
dendes Bestreben, sich selbst zu verklei-
nern
, ist ja nur die Reaktion auf Ihre vor-
herige Überbetonung im Seelischen, Ihrem
eigenen Bewußtsein gegenüber. Pendel-
ausschlag nach der anderen Seite!
     Sie müssen vor allem jetzt erst einmal zur
Ruhe kommen und Ihre eigene Mitte finden!
     Vielleicht beseitigt es Ihre Befürchtun-
gen, daß ich Ihnen Hoffnung auf Erreichung
des erstrebten Zieles nur deshalb machen
könne, weil ich Sie wohl doch „über-
schätze”, wenn ich Ihnen darauf antworte,
daß ich Sie nur in der allen seelisch Suchen-
den zu Anfang eigentümlichen Verfassung
sehe, sich selbst zu wichtig zu nehmen. —
Sich selbst und das Urteil Anderer!
     Aber das ist, gleichnisweise gesagt, eine
Art psychophysischer Kinderkrankheit, die
nur dann zu Besorgnis Anlaß bieten könnte,
28
wenn sie nicht in absehbarer Zeit zum Ver-
schwinden gebracht würde.
     Sie stehen heute am allerersten Beginn
eines Weges, dessen Ziel Ihnen zwar ge-
dankenmäßig vorstellbar, aber in seiner
Wirklichkeit nur ahnungsweise bekannt ist.
Ihr Weg ist in Ihnen selbst, und nur in
Ihnen selbst
finden Sie dereinst sich auch
an dieses Weges seelischem Ziel. In Ihnen
selbst aber sind auch alle die Waldteiche,
Sümpfe und Pfützen, in denen Sie bisher
sich so gerne zu betrachten liebten.
     Sie werden wissen, was ich meine, auch
wenn ich die Art dieser Spiegelungsgelegen-
heiten hier absichtlich nicht mit Fachaus-
drücken der Psychologie benenne. Dieses
Selbstbetrachten und Sich-im-Bilde-sehen-
Wollen werden Sie allmählich ganz auf-
geben
lernen müssen, wenn Sie auf Ihrem
Wege zu sich selbst das Ziel nicht aus den
Augen verlieren wollen.
29
     Sie sind ganz der Gleiche, einerlei, ob
Sie sich bei Ihren Selbstbespiegelungen im
Bilde gefallen oder nicht! Jedes von Ihnen
im Innern aufgenommene Spiegelbild Ihres
jeweiligen Bewußtseinszustandes bewirkt
aber ein Festhaften an der Stelle, die Sie
durch Weiterschreiten ja gerade verlassen
lernen sollen. —
     Als was Sie sich selbst und Anderen hier
im Erdenleben gelten: — welche Stellung
Sie einnehmen, welche Bedeutung dieser
Stellung zukommt, — ob Sie zu befehlen
oder zu gehorchen haben, und tausend an-
dere irdische Wichtigkeiten, an die Sie sich
hier gefesselt fühlen oder von denen Sie
gar nicht befreit sein möchten, — das alles
sind Dinge zwischen Geburt und Grab. —
Was aber in Ihrer Seele von Ihnen erst ge-
sucht und gefunden werden will, ist Ewi-
ges
, das von alledem unberührt bleibt, was
Ihnen hier auf Erden irdisch so wichtig ist.
30
     Trachten Sie immerhin nach dem, was
Sie in Ihrem irdischen Dasein irdisch hoch
bewerten, aber versäumen Sie darüber Ihr
Ewiges nicht!
     Ihr Erdenkörper ist nur die Werkstatt,
in der Sie Ihrem Ewigen Gestaltung schaf-
fen können. — Er bietet Ihnen das Werk-
zeug
, das Sie zur Selbstformung brauchen,
aber Sie selbst nur schaffen sich damit —
die Form!
     Ohne sich selbst diese, Ihre geistige
„Form” aus Ihrem Ewigen gestaltet zu
haben, können Sie unmöglich in Bewußt-
seinsidentität mit Ihrem persönlichen ir-
dischen
Bewußtsein, in Ihrem Ewigen be-
wußt werden! — Aus der Perspektive des
in seine tierorganbestimmten Sinne gefes-
selten Erdenmenschen her gesehen, wäre
Ihr Ewiges auch ewig Ihr Fremdestes, denn
er weiß nichts von ihm und kann höch-
stens, durch Überredung, in sehr fragwür-
31
diger Weise, daran zu „glauben” bewogen
werden. Ihr Ewiges wird Ihnen jedoch be-
wußt werden als unverlierbarer Bewußt-
seinsbesitz, sobald Sie ihm die Ihnen ge-
mäße geistige Form gestaltet haben, die nur
Sie allein ihm gestalten können, durch die
Ihnen entsprechende, kontinuierlich bei-
behaltene Willenshaltung.
32
#
VIERTER BRIEF
Es würde mir wie ein Unrecht erscheinen,
wollte ich Sie nach diesem, Ihrem letzten
Brief, der eine so mannhaft klare Entschei-
dung bringt, länger als unvermeidlich nö-
tig, ohne Antwort lassen. So stelle ich vie-
les, was von mir getan werden will, einst-
weilen zurück, damit Sie gleich von mir
hören.
     Ich verstehe aber auch Ihre Sorge und
will gerne Ihrer, wie Sie sagen: „trockenen
und durch den Beruf schon vorwiegend
verstandesmäßig eingestellten” Natur alle
Brücken bauen, die sie etwa braucht.
     Zeigen Sie mir unbesorgt Ihre Schwie-
rigkeiten auf!
     Es würde mich selbst belehren, sollte ich
entdecken, daß ich das in meinen Büchern
bereits auf die mir gemäße Art Gegebene
auch in Ihnen geläufigere Form umgießen
33
könnte. Nicht minder lernbereit bin ich,
aus den Worten eines seriösen und nüch-
tern urteilenden Mannes zu ersehen, wo
ich möglicherweise berechtigte Fragen
offengelassen oder aber dem Leser Auf-
gaben dargeboten haben könnte, deren er
nicht mit der Zeit Herr zu werden ver-
möchte.
     Was jedoch die von Ihnen erwähnte „un-
gewohnte Schreibweise” betrifft, in der ich
jeweils in den Büchern das Darzustellende
behandelt habe, so darf ich in aller Sachlich-
keit sagen, daß ich noch keine einzige Ab-
handlung geschrieben habe, bei der es mei-
ner Willkür freigestellt geblieben wäre, das
zu Sagende zur damals gegebenen Zeit auch
anders zu sagen, als es sich ausgedrückt
findet.
     Ich habe nie und nirgends nach einem
Rede- oder Schreibstil gesucht, sondern
immer alles so niedergeschrieben, wie es
34
sich mir nach geistig bestehenden Lautwert-
gesetzen formen mußte.
     Mit einer Spur literarischen Ehrgeizes
hätte ich mich im Ganzen gewiß ohne
Schwierigkeit einer der Zeit geläufigen
Schreibweise bedienen können. Aber es lag
und liegt mir nicht nur alles literarische
Streben fern, sondern ich bin auch viel zu
sehr mit meiner ganzen Liebe bei jedem
Wort, das ich gebrauche, — bei jedem
Buchstaben, den ich niederschreibe, — als
daß ich daneben noch Sorge tragen könnte
darum, wie sich das, was ich sagen muß,
dem allgemeinen Schrifttum meiner Erden-
zeit einfügen lasse. Wo ich Worte vorfinde,
wie ich sie brauche, dort trage ich kein
Verlangen nach anderen, und wo ich mit
denen, die ich vorfinde, nicht auskomme,
schaffe ich mir selbst jeweils die Wortform,
die nötig ist.
     Ich kann überdies nichts schreiben, was
35
ich nicht in betontester Weise als gespro-
chen
empfinde. Dieser Umstand erklärt
alles, was auf den ersten Blick vielleicht
an meiner Art, die Sätze zu sondern und
die Interpunktion anzuordnen, als gesuchte
Wunderlichkeit erscheinen könnte. Da Sie
ja jetzt im Besitz des im Laufe zweier Jahr-
zehnte von mir Geschriebenen sind, wird
Ihnen auch in manchem der zuerst erschie-
nenen Bücher eine freigebige Verwendung
der Gedankenstriche auffallen, die aus dem
Bedürfnis zu erklären ist, irgendwelche
Zeichen zu haben für die kürzeren oder
längeren Pausen zwischen den als gespro-
chen
empfundenen Wortfolgen. Das fatale
Mißverstehen der Absicht hat mich dann
später aber veranlaßt, den Gebrauch dieser
Zeichen aufs Allernötigste einzuschränken.
     Dessenungeachtet besteht für den Leser
die Notwendigkeit weiter, sich das Ge-
schriebene lauthaft gesprochen vorzustel-
36
len, wenn er sich nicht selbst um recht
Wesentliches bringen will, was ihm die ge-
lesenen Sätze an Innerstem zu geben haben.
     Damit wären wohl die ersten erbetenen
Erklärungen erschöpft, die ich Ihnen schul-
dig zu sein glaube, nachdem ich jetzt Ihre
Entschließung kenne, Tag für Tag eine
ruhige Stunde dem eindringlichen, wenn
auch vorläufig erst mehr verstandesmäßigen
Studium meiner Lehrtexte zu widmen.
     In bezug auf die Reihenfolge dieses Stu-
diums möchte ich Ihnen lieber alle Frei-
heit lassen, obwohl ich manches gerne zu-
erst gelesen wünschen würde, bevor man
an anderes geht, das gewisse Vorstellungen
schon in leidlicher Klarheit voraussetzt.
Ich rate Ihnen aber, immer wenn Sie eines
der Bücher beendet haben und nach einem
anderen greifen, nur eines zu wählen, was
Sie beim ersten Blättern sogleich stark an-
spricht. Haben Sie aber Mühe, weiterzu-
37
kommen, dann legen Sie lieber ein solches
Buch für spätere Zeit zurück, und wählen
derweil ein anderes, mit dem Sie eher ver-
traut zu werden glauben.
     Meine Segenswünsche sind mit Ihnen!
38
#
FÜNFTER BRIEF
Daß Sie erst jetzt, nach vier Monaten,
wieder zum Schreiben an mich gelangen
konnten, erfordert wahrhaftig keine Ent-
schuldigung.
     Abgesehen davon, daß ich ja um Ihre
stete intensive Berufstätigkeit weiß, durfte
ich doch wohl auch annehmen, daß Sie mir
nur dann Fragen vorzulegen haben wür-
den, wenn alle Prüfung des Textes Ihnen
die Selbstbeantwortung unmöglich erschei-
nen ließe, und zu solcher Prüfung gehört
Zeit! Wenn man ununterbrochen und
durch keine Maximalstundenzahl einge-
schränkt, weit über seine verfügbaren
Kräftereserven hinausgreifen muß, um sei-
ner Arbeitsverpflichtung auch nur im Drin-
gendsten Herr zu bleiben — wie das bei mir
der Fall ist, — dann kann ein Zeitraum
von vier Monaten zuweilen so zusammen-
39
schrumpfen, daß er kaum wie die Zeit-
spanne von vier Tagen empfunden wird.
     Ich verstehe, daß Sie sich erst einen „Ge-
samtüberblick” über die Bücher und ihre
Einzelkapitel verschafft haben mußten, be-
vor Sie an die Durcharbeitung der gegebe-
nen Texte gehen konnten, aber ich muß
meiner Verwunderung darüber Ausdruck
geben, daß Ihnen eine solche Gesamtüber-
schau immerhin in der doch relativ kurzen
Zeit von vier Monaten, in denen Sie auch
genug anderes zu tun hatten, gelungen ist.
Ihre bisherigen Beobachtungen bestätigen
dieses Gelingen!
     Es war ein recht glücklicher Gedanke,
die Bücher und Bändchen in der Reihen-
folge ihrer Erscheinungszeit durchzusehen,
und es war mir sehr erwünscht, hören zu
dürfen, daß Ihnen durch die späteren Er-
öffnungen sich so vieles ungezwungen er-
schlossen hat, was Ihnen bereits im „Buch
40
vom lebendigen Gott” nur auf solche Art
erschließbar erschienen war. Auch verrät
es mir ein sicheres und feines Empfinden,
daß Sie in diesem ersten und manchem
folgenden Buch, zwischen den Zeilen wie
im Text selbst, den Kampf gewahr gewor-
den sind, den es mich immer wieder ge-
kostet hat, mich vor aller Welt zu mir be-
kennen zu müssen
, und wie ich daher, nur
widerwillig, erst ganz allgemein gehaltene
Berichte gab, die immer noch mehr zu ver-
bergen
wußten als sie, gezwungen, enthüll-
ten
. Ich verberge aber auch heute noch
mehr, als mir — solange es andere nicht
von sich aus eindeutig sicher gewahren —
zu bekennen möglich und erträglich wird.
     Sie werden übrigens, beraten durch Ihre
Feinfühligkeit, im Laufe der Zeit auch noch
auf manches eindeutige Bekenntnis zu mir
selbst innerhalb meiner Lehrtexte stoßen,
das ich zwar zu geben genötigt war, aber
41
vor allen, die doch nichts damit anzufangen
wüßten, mit dichter Hülle bedeckte. Ich
gestehe, daß es mir zuweilen eine diebische
Freude bereitet hat, wenn es mir gelungen
war, meiner Bekenntnisverpflichtung so zu
genügen, daß nur recht wenige, wirklich
Berechtigte
zu entdecken vermochten, was
unter der Verhüllung sich vor Unberechtig-
ten verborgen hielt und verbirgt, obwohl
die Form der Hülle keineswegs wertlos ist,
oder gar seelischem Irren Veranlassung
werden könnte. Es ist das alles andere
eher, nur nicht etwa Geheimniskrämerei!
Es ist vielmehr ein Schutz, den ich mir
schaffen mußte: ein Schutz vor törichten
Unterstellungen und groteskem Mißver-
stehen.
     Meine Motive werden Ihnen gewichtig
genug erscheinen, wenn Sie sich vor Augen
halten, daß mir mein ewiges, allem irdischen
Einfluß entrücktes Sein zwar in distinkte-
42
stem Erleben als über-zeitlich bekannt ist,
für mich aber gewiß nichts Über-natürliches
bedeutet, da ich ja seiner Geistesnatur aus
dem Ewigen her, als der meinen, immer
bewußt war. Ein zeitlich umgrenztes Pro-
blem ergab sich erst — nachdem mir ein
irdischer Menschenkörper
geboren worden
war — durch die in gewissem Sinne alles
menschliche Erlebenwollen überfordernde
Notwendigkeit, im irdischen Menschbe-
wußtsein, meiner, als des Ewigen, innezu-
werden. Daß diese Forderung lange Jahr-
zehnte brauchte um sich im Irdischen end-
lich ganz durchzusetzen, und daß sich immer
wieder der Widerstand menschlichen Er-
lebenswillens dem unumschränkten Inne-
werden können in den Weg stellte, ist —
nun im irdischen Sinne gemeint — nur
natur-gemäß. Mit einer Art heftigen Trot-
zes, der zuweilen in geradezu burleske Situa-
tionen führen kann, wehrt sich menschlich-
43
irdischer Erlebenswille immer wieder ge-
gen die Okkupation des ihn nährenden
Menschen durch ein Über-irdisches, von
dem er ja vorher nicht weiß, ob es ihm
nicht endgültig alle Erfüllung verweigern
wird.
     Ich dachte nicht, daß diese Dinge zwi-
schen uns schon so bald zur Sprache kom-
men würden, aber es ist wohl von Ihrer
Art, sich selber möglichst ohne besondere
Fragen weiterzuhelfen, gefordert, gleich
von Anfang an auch Tatsachen ins Auge zu
sehen, an deren Erscheinung sich andere
Suchende im Gang ihres seelischen Voran-
schreitens zuweilen erst heftig stoßen.
     Ich habe das Gefühl, daß Sie weniger
„Hilfe” auf Ihrem Wege brauchen werden,
als Bestätigung, und daß Sie auch dieser
fast entraten könnten.
     Die innere, rein geistige Hilfe ist Ihnen
sichtbarlich nahe.
44
Die noch des Eigendünkels
    Träume binden,
Die sind es wahrlich nicht,
    die das Gesuchte finden!
Nur, die sich selber
    in sich selbst begraben,
Erlangen
in sich selbst
    die heiß ersehnten Gaben....
*
45
#
SECHSTER BRIEF
Wenn Sie sich nun selbst darüber wundern,
daß Sie vormals glaubten, so viele, den
Text an sich betreffende „Fragen” stellen
zu müssen, während Ihnen jetzt die Worte
meiner Schriften „von Tag zu Tag eingän-
giger” werden, so kann ich solches Ein-
leben nur begrüßen. Nicht aber etwa des-
wegen, weil Sie mich dadurch mancher be-
mühender Erörterung entheben, sondern
in erster Linie um Ihretwillen. —
     Nur, was Sie sich selbst zu beantworten
vermögen, ist wirklich für Sie beantwortet!
Empfangen Sie aber eine Antwort von
außen her
, so kann damit — bestenfalls —
die Richtung gewiesen sein, in der die von
Ihnen gewünschte Lösung einer Frage liegt,
aber auch dann wird es Ihnen allein ob-
liegen, sich die Beantwortung selbst zu
eigen
zu machen. Jede Antwort von außen
46
her, die Sie nicht bezwingen, schafft Be-
drückung und preßt immer neue verwir-
rende Nebenfragen hervor, die zu nichts
nütze sind.
     Sie werden immer deutlicher sehen, daß
in meinen Schriften wirklich alle, die ewige
Geistigkeit des Menschen angehenden Fra-
gen soweit beantwortet sind, wie es das ge-
hirnliche Begriffsvermögen zuläßt. Damit
aber ist auch nur die Richtung jeweils deut-
lich gewiesen, nach der sich die Seele wen-
den muß, wenn sie sich selber ihre jewei-
ligen Fragen beantworten will. Wer ehrlich
vor sich selber ist, der wird sehr bald wis-
sen, ob diese oder jene Stelle in meinen
Lehrtexten sich auf ihn und seine indivi-
duelle Situation bezieht oder nicht, auch
wenn er gewiß nicht erwarten darf, jede
mögliche Schattierung des Erlebens, deren
Elemente ich erörtere, in meinen Worten
aufgezählt zu finden.
47
     Mit aller Absicht aber enthalte ich mich
der üblichen, aus philosophischen und theo-
logischen Meinungen abgeleiteten Defini-
tionen, da es sich in meinem Lehrwerk um
das Erleben der Wirklichkeit handelt, die
ebendort anfängt, wo die Philosophien und
Theologien, die sich der suchende Men-
schengeist auf Erden als gedankliche Wege
zum ewigen Geiste geschaffen hat, am Ende
sind. Wenn philosophisch oder theologisch
gebundene Menschen aus meinem Lehr-
werk Nutzen ziehen wollen, so kann das
erst dann geschehen, wenn sie über sich
selbst und damit über ihren Glauben hinaus-
gewachsen sind, daß sie in ihren Banden
im Besitz der „Wahrheit” über die Wirk-
lichkeit seien.
     Das ist nicht etwa nur eine bloße Behaup-
tung, die dann freilich erst der Beweise be-
dürfte, sondern ich gebe Ihnen hier not-
wendigerweise im voraus Kenntnis von
48
einem gegebenen Tatbestand, auf den jeder
Suchende stoßen muß, der sich mit meinen
Schriften ernstlich beschäftigt. Man muß
mit seinen philosophischen und theologi-
schen Findungen zu Ende gekommen sein,
bevor man den Weg in das ewige Wirkliche
findet, auf dem einer desto eher zum Ziel
gelangt, je weniger er mit Erdachtem be-
packt ist.
     Sie werden wohl schon bei der ersten
Durchsicht meiner Schriften gewahr ge-
worden sein, mit welcher Toleranz ich
jeglicher religiösen oder gedanklich gefun-
denen menschlichen Meinung begegne,
wenn sie sich auch nur in einem übertra-
genen
Sinne als der ewigen Geisteswirk-
lichkeit wahrhaft entsprechend erweist.
     Aber diese Toleranz soll wahrhaftig nicht
zu der falschen Annahme verleiten, daß ich
damit sagen wolle, auch philosophische und
theologische Gedankenarbeit könne jemals
49
in die ewige Wirklichkeit führen! Ich bringe
solchem menschlichen Tun vielmehr nur
um seiner an sich lauteren Motive willen
verstehende Achtung entgegen, und ehre
die wenigen, auf seine Art zu findenden
oder schon gefundenen Teilwahrheiten
über das ewige Wirkliche.
     Der einzige Weg aber, der in die zu jeder
Zeit
„ewige” Wirklichkeit führt, ist ein
Weg des Werdens, — nicht bloß des Er-
kennens, — und um diesen Weg deutlichst
abzustecken, ist alles geschrieben worden,
was ich geschrieben habe.
     Seien Sie gesegnet auf Ihrer nun be-
gonnenen Wanderung auf diesem Wege!
50
#
SIEBENTER BRIEF
Ihre Frage: ob ich auch schon von ande-
ren
Lesern meiner Bücher Ähnliches ge-
hört habe, wie das, was den Hauptinhalt
Ihres letzten, so bedeutsamen Briefes aus-
macht, finden Sie bereits in dem gleichen
Kapitel beantwortet, das Sie zitieren. Aller-
dings steht diese Antwort schon gleich auf
der zweiten Seite der von Ihnen erst in
ihrem weiteren Text herangezogenen Be-
trachtung „Die Hütte Gottes bei den Men-
schen
”, im „Buch vom lebendigen Gott”.
     Wenn Sie jedoch Wert darauf legen, daß
Sie vom frühesten Jünglingsalter an „die
feste Gewißheit” vom Bestehen eines „der
Welt ganz unbekannten, tief verborgenen
Kreises segenverbreitender Männer” in
sich trugen, und sich mit ihnen „irgendwie
in Verbindung” fühlten, so muß ich frei-
lich sagen, daß mir von solcher „Gewiß-
51
heit”, in verschiedenen Abstufungen, erst
berichtet wurde, als das „Buch vom leben-
digen Gott” bereits erschienen war. Dann
aber überaus häufig, und von Leuten, die
recht ungenügende Anlagen zu phantasti-
schen Wachträumen zeigten. Sie sind mit
dem Erleben solcher „Gewißheit” in er-
freulicher und sehr ansehnlicher Gesell-
schaft.
     Was aber nun den Ort auf der Erde an-
langt, an dem Sie den Ihnen irgendwie ver-
bundenen, segenverbreitenden Kreis ver-
muteten, so haben Sie sich gewiß nicht so
weit von dem wirklich Gegebenen entfernt
wie andere, die mir gestanden, daß sie die-
sem mit Gewißheit erfühlten Kreis den
Wohnsitz in einem „armenischen Kloster
im Kaukasus”, auf irgendeiner Insel im Stil-
len Ozean, oder gar mitten in einer gewal-
tigen Weltstadt zugewiesen glaubten. Ihre
„Burg” auf einem sehr hohen Berg und
52
„inmitten von Schnee und Eis” ist eine
Vorstellung, die schon fast auf gedanklicher
Übertragung gewisser örtlicher Bilder be-
ruhen könnte, die allen denen wohlbekannt
sind, die dem gemeinten Kreise angehö-
ren, der an hochbedeutsamer Stätte auf
Erden ein Heiligtum verborgen weiß, das
nur den Seinen allein zugänglich ist...
Das Sanktuarium dieser Stätte kann aller-
dings nur von Menschen wahrgenommen
werden, deren geistige Sinne klar und
wach Gebilde aus geistiger Substanz zu
erfassen vermögen. Soweit nur die irdi-
schen Körpersinne
in Betracht kommen,
ist an gleicher Stätte nur irdisch Materielles
und Täuschendes zu sehen — ja, selbst der
besten Optik photographischer Apparate
würde es unmöglich sein, Anderes als ein
bloßes irdisches Täuschungsbild auf der
höchstempfindlich präparierten Platte fest-
zuhalten. Was an dieser Stätte der Erde,
53
örtlich fixiert, aus kristallklarer ewiger
geistiger Substanz errichtet ist, kann auch
selbst von den ihm örtlich zunächst Le-
benden des kleinen Kreises, den Sie so
gewiß erfühlen, niemals mit dem irdisch-
tierischen
Körper aufgesucht werden. Je-
der, der hier Zutritt hat, kommt in geist-
räumlicher
Selbstgestaltung, die ihm weit
mehr entspricht als sein irdischer Leib, und
keiner der Behinderungen unterordnet ist,
die äußere Materie hemmen. In diesem
wirklichen Tempel der Ewigkeit auf der
Erde wird auch keineswegs ein Kult zele-
briert, und ebensowenig werden hier etwa
belehrende Homilien abgehalten. Die hier
sich vereinen als wahrhaftige, vom ewigen
Geiste gesetzte Priester, erheben sich viel-
mehr an dieser Stätte in die vollkommene
— infolge geistig substantieller Verhältnisse
sonst an keiner Stätte der Erde jemals mög-
liche —
Transsubstantiation zur absoluten
54
Vereinung mit dem Vater: — in eine ab-
solute — keinem „Mystiker” auch nur vor-
stellbare —
„Unio mystica” — und leiten
in diesem von ewiger Liebe durchlichteten
Zustand Ströme des Segens zu dafür emp-
fangsfähigen Menschen über die ganze Erde
hin, die nur aus dieser Stätte her so er-
reicht werden können, daß sie auch auf-
zunehmen
vermögen, wozu sie sich emp-
fangsbereit machten.
     Da diese Stätte des wirklichen Tempels
der Ewigkeit auf Erden einer „Burg auf
hohem Berge, inmitten von Schnee und
Eis” nicht allzu unähnlich ist, so hat Sie
Ihr Vorstellungsvermögen recht nahe an
die Wirklichkeit hingeführt.
     Zu unterscheiden von der Stätte des gei-
stigen Tempels ist eine irdischen Sinnen
wahrnehmbare Stätte gemeinsamen Le-
bens
einiger Weniger, die ihm in besonderer
Weise zugehören, aber sie liegt weder „auf
55
hohem Berge” noch „inmitten von Schnee
und Eis”, hat aber auch für die dort irdisch
wie andere Menschen auf ihre Art Leben-
den im Wesentlichen nur die Bedeutung
einer selbstgewählten Wohnstatt.
     Daß die hier Wohnenden sich gegen alle
Außenwelt sorgfältig abschließen und stets
abgeschlossen halten müssen, liegt in der
Natur ihrer geistigen Sonderberufung be-
gründet. Es ist überdies auch von außen
her
gut dafür gesorgt, daß sie niemals ihre
Verborgenheit aufzugeben genötigt sein
werden, auch wenn ihnen die flache „Zivili-
sation” europäischen Ursprungs noch näher
rücken sollte, als das bis heute geschehen
konnte.
     Was Sie mir schreiben über eine gefühlte
Verbindung zwischen Ihnen und dem von
Ihnen so gewiß erfühlten geistigen Kreise,
ist keineswegs Selbsttäuschung. Nur müs-
sen Sie sich klar darüber werden, wie diese
56
„Verbindung” zustandekommt. Ich darf
wohl zwei Erfindungen aus dem Gebiet elek-
trotechnischer Schallübertragungen hier
zum Vergleich heranziehen, denn es liegt
mir daran, daß Sie sich nicht an falsche Vor-
stellungen hängen. Was Sie als „Verbin-
dung” fühlen, ist nicht etwa einer Telephon-
verbindung zu vergleichen, bei der ein
Sprechender mit einem Hörenden verbun-
den ist, sondern eher einer durch bestimmte
Wellenschwingungen über die ganze Erde
geleiteten Radio-Botschaft.
     Es wird auf vielen Wellenlängen ganz
verschiedene Sendungen geben, Sie aber
empfangen nur, was Ihrer Einstellung ent-
spricht.
     Jede Einflußnahme der Leuchtenden des
Urlichtes ist — der Methode nach — als ein
dem hier gegebenen Vergleich ähnlicher
Vorgang aufzufassen, — auch dort, wo zu-
weilen schon ganze Völker unter solchem
57
Einfluß waren, der jedoch immer und unter
allen Umständen sich nur auf Dinge ewigen
Geistes
beziehen konnte, — niemals auf
Bestrebungen zur Erlangung materieller
Wohlfahrt, oder gar auf die Anerkennungs-
kämpfe irgend einer Politik!
     Vom ewigen Geiste her kann kein ande-
res menschliches Wollen und Handeln För-
derung erfahren, als das wiederum in die
ewige geistige Wirklichkeit führende. Nur
die ins ewige Geistige weisende Schöpfer-
kraft des Einzelnen, wie die durch rein
geistige Kraftäußerung bewirkte höchste
Machtentfaltung ganzer Völker und Natio-
nen, können den geistigen Einfluß der vom
Tempel der Ewigkeit auf dieser Erde aus-
geht, empfangen! Dies zu Ihrer Anspielung
auf meine Worte der zweiten Betrachtung
im „Buch vom lebendigen Gott”.
     Wollen Sie einstweilen alles heute von
mir Erörterte gut überdenken, bis ich dem-
58
nächst vielleicht den Faden wieder auf-
nehmen kann. Möge der lichte Segen aus
dem Tempel der Ewigkeit Sie allzeit emp-
fangsbereit finden!
59
#
ACHTER BRIEF
Was ich zu Ihrem neuerdings erhaltenen
Bericht zu sagen habe, ist mir Veranlassung
zu den nachstehenden rhythmischen Ge-
fügen geworden, die Ihnen in gedrängter
Form zeigen mögen, daß Sie die gegebenen
Zusammenhänge durch Ihr eigenes Er-
fühlen richtig deuten. Ich spreche nun
aber hier unter der Bekundung „Wir”
nicht etwa im „Pluralis majestatis”, son-
dern aus meinem ewigen geistigen Sein,
in dem ich immerdar in der vollkommen-
sten Vereinung mit meinen geistgebore-
nen Brüdern im ewigen Lichte bin. Na-
türlich spreche ich in diesen Versen nur
aus der Gemeinsamkeit mit denen meiner
geistgeeinten Brüder, die ebenso wie ich,
irdisch-physischem Menschentum zur Voll-
bringung ihrer Aufgabe verbunden sind,
wenn auch eines jeden Aufgabe, geistes-
60
bestimmt, von allen anderen verschie-
den ist.
     Den Anlaß nützend, weise ich Sie zu-
gleich aufs eindringlichste an, immer sehr
darauf zu achten, welcher Standort sich
aus dem Inhalt meiner Bekundungen je-
weils ergibt, denn ich bin, wie ja der letzte
Vers der ersten Eröffnung besagt, als Er-
denmensch meinem geistigen Sein ohne
Lösungsmöglichkeit verschmolzen.
Wir
Wir sind die berufenen Zeugen,
Denn wir leben im ewigen Licht!
Unser Zeugnis ist niemals zu beugen,
Denn es wägt mit erprüftem Gewicht.
Wir sind, was wir ewig gewesen,
Im „Vater”: — im ewigen Sein! —
Doch wir fanden, uns geistig erlesen,
Auch zeitlichen, irdischen „Schrein”...
61
Wir hatten ihn geistig gefunden
Lang ehe die Erde erstand,
Doch, was sich dann zeitlich gebunden,
Das verband schon urewiges Band.
Wir bleiben für immer vereinigt
Dem Irdischen, der uns hier „spricht”:
Im „Feuer” geglüht und gereinigt,
Ist er uns verschmolzen im Licht!
*
     Fand hier die meinen geistigen Brüdern
mit mir gemeinsame Ankerung im ewigen
Geiste eine Darstellung, so bringe ich nun
die Antwort auf Ihre, mich individuell
meinenden Fragen:
Ich
I
Ich bin nicht „ich”,
Wie einer, der Begrenzendes
Mit „Ich” benennt,
Da er nur erdenhaft Vergängliches
In sich erkennt.
62
Ich bin mir „ich”
Im lichtgelösten Sein.
In irdischer Umgrenzung
West mein Bild und Schein,
Sich selbst zur Plage
Und zu zeitgeborener Pein!
II
Da, wo ich bin, ist Ewigkeit,
Weil ewigkeitsgezeugter „Raum”
Den Erdenraum erfüllt,
Den meine Tage in der Zeit erfüllen.
Mich selber gab ich
Diesem Leib der Erde —
Dem ich nun Leidesanlaß
Und Verzehrer werde —
Damit der „Raum” der Ewigkeit
Ihn ganz erfülle,
Und Ewiges dem Irdischen
In sich enthülle.
63
III
Wenn ich aus hocherhaben hehrem Horte
Höchsten Gutes Gabe euch gewähre,
Beschenke ich nicht nur
Mit weisem Worte,
Wie wenn ich nur des Wortes
Wahrer wäre.
Was ich euch gebe,
Ist und bleibt mein Eigen,
Auch wenn ich es an Ungezählte gebe,
Und kann nur darum
Weg und Ziel euch zeigen,
Weil ich in jedem meiner Worte lebe!
*
     Ich nehme an, daß diese Aussagen Ihnen
keine neuen Fragen wecken werden, viel-
mehr einiges auch mitbeantworten, was
ich zwischen Ihren lieben Zeilen als mög-
licherweise kommende Frage auftauchen
sehe.
64
     Aber auch hier sollen Sie nichts ohne
eigene Prüfung annehmen. Nur dann, wenn
Ihr urewiges eigenes Geistiges Ihnen willig
seine Zustimmung gewährt, sind Ihre —
vielleicht nur versteckten — Zweifel wirk-
lich aus dem Felde geschlagen und können
nun erst Ihren Weg nicht mehr gefährden!
     Ich hoffe, daß ich demnächst noch eini-
ges zur Sprache bringen kann, was Sie in
Ihrem vorletzten Briefe berührt haben.
Wenn es aber bis dahin vielleicht noch ge-
raume Zeit brauchen sollte, so bitte ich
Sie im voraus, nicht ungeduldig auf die
Post zu warten. Was ich Ihnen noch in be-
zug auf die von den Leuchtenden des Ur-
lichtes dargebotene geistige Leitung und
Hilfe zu sagen habe, käme auch nach vie-
len Monaten immer noch zurecht.
     Ich segne Sie und sende Ihnen alle Hilfe
zu, deren Sie auf dem Wege zu Ihrem ewi-
gen Geistigen bedürfen.
65
#
NEUNTER BRIEF
Was ich Ihnen zuletzt schrieb und durch
Fügungen in rhythmischer Ordnung am
besten ausgedrückt sah, hat gewiß nach kei-
ner Antwort verlangt, und dennoch freuen
mich Ihre so aus tiefster Seele kommenden
lieben Zeilen, weil sie mir zeigen, daß auch
diesmal wieder alles ganz in dem Sinne
aufgenommen wurde, in dem ich es ge-
geben hatte.
     Kaum hätte ich freilich bei der Absen-
dung vermutet, von Ihnen zu vernehmen,
was Sie mir jetzt zu schreiben haben.
     Ich bitte Sie, sich mit der Antwort be-
gnügen zu wollen, daß Ihnen solche Ein-
sicht und Erkenntnis „wahrlich nicht
Fleisch und Blut gegeben” hat, sondern
Ihr eigenes Ewiges, aus dem allein die
Wahrheit über die Wirklichkeit, in der es
selbst lebendig ist, erlangt werden kann.
66
Die Erkenntnisse des Blutes — was besagen
will: des an tierhaft enge Bedingtheiten
gebundenen, erdmenschlichen Fühlens und
gehirnlichen Erdenkens — verhalten sich
zu dem, was nur das eigene Ewige zu ge-
ben vermag, wie sich etwa das „Leben”
eines hartstarren Steines im nächstbesten
Bachbett zu den höchsten uns bekannten
Lebensäußerungen verhält. Nur aus dem
Ewigen kann Erkenntnis des Ewigen dem
Menschen zukommen! —
     Aber nun will ich diese Gelegenheit des
Schreibens an Sie zugleich dazu benutzen,
Ihnen endlich noch die Aufschlüsse zu ge-
ben, die meine Antwort auf Ihre Bemer-
kungen zu dem Buchkapitel „Die Hütte
Gottes bei den Menschen” schon hätte mit-
umfassen sollen, wenn mich damals nicht
äußere Umstände gezwungen hätten, mei-
nen Brief abzuschließen.
     Zwei allgemein bekannte und vielge-
67
brauchte Erfindungen hatten sich mir zum
Vergleich geboten, als ich Ihnen Aufschluß
gab über die Art und Weise, in der die „Ver-
bindung” der Seelen auf Erden mit den
Leuchtenden des Urlichtes zustande kommt.
     Was hier noch zu sagen ist, habe ich zwar
in einem der letzten Kapitel des Buches
„vom lebendigen Gott” — ich meine hier
den Lehrtext: „Im Osten wohnt das Licht
— so deutlich dargestellt, daß mir ein Falsch-
deuten der dort gegebenen Aufschlüsse nur
durch überaus unaufmerksames Lesen halb-
wegs erklärbar erscheint. Da ich aber immer
wieder Berichte erhielt, in denen mir im
Tone aufgeregtesten Wichtignehmens von
inneren Stimmen erzählt, und dabei an-
genommen wurde, es müsse sich um die
„Stimme” eines leitenden „Meisters”, also
eines Leuchtenden des Urlichtes handeln,
so will ich Sie doch, der Vorsicht halber,
um Ihnen zwecklose Beunruhigungen zu
68
ersparen, recht eindringlich auf das auf-
merksam machen, was ich in dem obenge-
nannten Abschnitt, sowie in dem Haupt-
kapitel: „Der Weg” tatsächlich sage.
     Es bedarf wirklich schon eines sehr gro-
ben Umdeutens meiner an diesen Stellen
wie auch besonders noch in dem Buche
Auferstehung” gebrauchten Worte, um
zu der allem Gesagten widersprechenden
Auffassung zu kommen, als meinte ich etwa
„innere Stimmen” wie sie nervenerregte
Ekstatiker, oder auch nur durch eigene, vor-
stellungsmäßige Selbstübersteigerung auf-
gepeitschte Geltungsbedürftige, ahnungs-
los durch entweder zeitweilige, an be-
stimmte äußere Einflüsse geknüpfte, oder
aber dauernde Spaltung ihrer Persönlich-
keit sich erzeugen.
     Gerade vor solchen „Stimmen” wird ja
von mir mit jedem Worte gewarnt!
     Ich darf doch wahrhaftig erwarten, daß
69
man die als Bilder gebrauchten Worte:
„Stimme” und „sprechen” nur in der Weise
aufnimmt, wie sie gegeben sind und stets
wieder und wieder erklärt werden! Deut-
lich genug sage ich doch, daß dieses „Spre-
chen” keinesfalls dem Gebrauch einer
menschlichen Sprache verglichen werden
darf, sondern ein inneres Klarwerden des
vordem der Vorstellung Unklaren
ist, her-
vorgerufen durch Influenzwirkung einer
Entelechie, die selbst in reinster Klarheit
ihres Erkennens lebt. Ich sage das auch mit
anderen, sich aus der gehobenen Sprach-
form ergebenden Worten, aber schon der
Umstand, daß ich die Worte, die man hier
geflissentlich in einem geradezu entgegen-
gesetzten Sinn für sich in Anspruch nehmen
zu dürfen glaubt, meistens hinweisend in An-
führungszeichen setze, dürfte doch jedem
Vernünftigen klar genug zeigen, daß ich sie
in distanzierender Weise betont wissen will.
70
Wörtlich aber sage ich ausdrücklich in dem
Kapitel „Im Osten wohnt das Licht”, daß
durch unmittelbares Erzeugen innerer
Klarheit
” im Innern des Suchenden „ge-
sprochen” wird, — „ohne Worte der Sprache
des Mundes.”... „Nicht in irgend einer
Landessprache.” Das ist denn doch wohl
eindeutig genug gesagt.
     Wenn ich in dem Hauptkapitel „Der
Weg
” nebenher auch die Möglichkeit
streife, die für den geistigen Lehrer unter
gewissen, im zu Belehrenden verankerten
Umständen besteht: — sich dem Klärung
Empfangenden in „magischem Bilde” zu
zeigen, so geschieht das der Vollständig-
keit halber
, und ich lasse keinen Gedanken
daran aufkommen, daß dieses „Bild” etwa
der Meister selbst sein könne. Gleichzeitig
sage ich deutlich, daß es durchaus keine
Bevorzugung darstellt, wenn einer zu sol-
cher Bildprojektion aus sich selbst hinaus
71
veranlagt ist. Ich konnte nur die mir be-
kannte Möglichkeit in einem Lehrbuch, das
von geistigen Dingen handelt, nicht einfach
unbesprochen lassen, auch wenn sie äußerst
selten eintritt, und durch Nebenumstände
bedingt ist, die kaum bei einem Europäer
gegeben sind.
     Das alles wird Sie selbst ja schwerlich als
eigene Frage angehen, da Sie sehr genau
auf jedes meiner Worte zu achten pflegen,
wie ich längst weiß.
     Es ist aber keineswegs unmöglich, daß
Ihnen andere Leser meiner Bücher begeg-
nen, die Ihnen geheimnisvoll von ihren
„inneren Stimmen” erzählen, und diese, für
alle, nicht systematisch zu geistiger Unter-
scheidungsfähigkeit Geschulten, — immer
und unter allen Umständen —
bedroh-
liche Erscheinung fälschlich in meinen
Worten gutgeheißen glauben. Solchen Leu-
ten gegenüber, die zumeist fanatische Skla-
72
ven ihrer eitlen Seele sind, und wie be-
sessen von ihrem Glaubenstraum an ihre
vermeintliche „hohe Führung”, müssen
Sie unbedingt Ihrer Sache sicher sein. An-
derenfalls werden Sie solchen Berichten
Gewicht geben und gar womöglich sich ein-
reden lassen, Sie seien noch nicht „soweit
vorangeschritten”, wie Jene, — oder aber
Ihre, wie Sie meinen, so „trockene und
nüchterne Natur” sei wohl ein unüber-
windliches Hindernis, — und was derglei-
chen Bedenklichkeiten selbstkritisch ver-
anlagter und gegen sich selbst nicht allzu
nachsichtiger Naturen mehr sind.
     Damit Sie ganz klar sehen, sei hier nun
aber auch noch auf ein Fehlverstehen hin-
gewiesen, dem ich wirklich nicht zu be-
gegnen fürchtete, bevor ich zu meinem Er-
staunen gewahr werden mußte, wie weit
es verbreitet ist. Man könnte versucht sein,
anzunehmen, daß Rede in Bildern und
73
Gleichnissen, wie sie die Natur geistiger
Dinge nahelegt und oft genug geradezu
verlangt, von heutigen Menschen, die an
Zeitungsberichten sich sattzulesen gewohnt
sind, überhaupt nicht mehr verstanden
wird. Sonst wäre es doch nicht möglich,
daß Begriffe, wie „geistige Nähe”, „hohe
Hilfe” durch die dazu Verordneten, oder
„geistige Leitung”, „geistiger Schutz”
durch die dazu mächtigen hohen Helfer,
so oft die doch etwas gar zu plumpe Deu-
tung fänden, als sei damit gemeint, daß
die Leuchtenden des Urlichts in einer un-
sichtbaren Gestalt sich in die irdisch ört-
liche Nähe eines Hilfs- oder Leitungsbe-
dürftigen begeben müßten, um ihn ihre
segenspendende geistige Nähe erfahren zu
lassen.
     Was mit den obigen und ähnlichen Wor-
ten meiner Schriften gemeint ist, spielt
sich selbstverständlich in einer wesentlich
74
anderen Weise ab. Das Verstehen hierfür
sollte man aber bei denkfähigen Menschen
wirklich als erfüllte Forderung der Logik
voraussetzen dürfen, denn wie kann man
sich denn in die Annahme verlieren, die
so wenigen, zu geistiger Hilfeleistung im
weitesten Sinne fähigen Männer auf dieser
Erde, samt allen ihren rein geistigen, nicht
im Erdentiereskörper lebenden Brüdern,
seien im Verhältnis zu der Menschenzahl
der Erde ausreichend, um sich jedem in
unsichtbarer Körperlichkeit persönlich zu
nähern, den sie ihrer Hilfe dargeboten sehen
und der ihre Hilfe wirklich braucht?! Wäre
es denn nicht auch ein geradezu entsetz-
licher Zustand, allenthalben von einem Un-
sichtbaren beobachtet zu sein, gerade wenn
und weil man in ihm den gütigsten Helfer
auch unerbeten um sich wüßte? — Glück-
licherweise aber gibt es nichts Wirkliches,
das dem handfesten Glauben so mancher
75
Leute ähnlich sähe, die sich derart wichtig
nehmen, daß es ihnen als ausgemachte Tat-
sache erscheint, ihre kleinen und meistens
so trivialen Alltags-Sorgen müßten im Gei-
stigen allgemein bis ins Intimste bekannt
und Gegenstand der Hilfeleistung sein.
     Gegenstand der Hilfeleistung ist für die
zur Hilfe Verordneten unter den Leuchten-
den des Urlichts jederzeit nur auf das Gei-
stige
im Menschen bezogene Not, Schutzbe-
dürftigkeit, oder Leitungsnotwendigkeit.
Den Menschen, der in einer solchen geisti-
gen Situation ist, daß er für ihre Hilfelei-
stung in Betracht kommt, finden sie mit
Sicherheit, ohne auch nur das Mindeste von
seinen irdischen Verhältnissen zu wissen,
oder auch nur eine vage Vorstellung von
seiner äußeren Gestalt und seinen Zügen
zu haben. Es ist ein rein geistiger Vorgang,
der ohne Unterlaß dieses absolut sichere
Finden bewirkt.
76
     Wenn ich schon in meinem damaligen
Briefe vergleichsweise die Begriffe „Tele-
phon” und „Radio” zu Hilfe nahm, so muß
ich Sie heute — so sehr der Vergleich auch
auf beiden Seiten hinkt — doch nun darum
bitten, sich jetzt ein Schaltbrett von im-
menser Größe vorzustellen, auf dem uner-
meßlicher Raum in fast mikroskopischer
Verkleinerung in die Fläche projiziert ist.
Stellen Sie sich weiter vor, jede auf Erden er-
scheinende Seele sei, während ihres Erden-
lebens, auf dieser Fläche durch zwei in
einem winzigen Punkt zutagetretende Pla-
tinelektroden repräsentiert und sobald die
Seele geistige Leitung oder Hilfe nötig habe,
sprühe ununterbrochen bis zur Abstellung
ein heller Funke zwischen beiden Elektro-
den. Und nun gelte Ihnen der zur Hilfe oder
zur Leitung verordnete Leuchtende des Ur-
lichts in diesem Bilde wie ein Elektrotech-
niker, der zugleich eine Schalttafel mit
77
einer Unzahl von Hebeln vor sich hat, und
sofort weiß, welchen Strom er einschalten
muß, weil ihm durch die Farbe der Funken
und die Gehörseindrücke ihrer entweder
relativ langsameren oder aber gesteigert
schnellen Aufeinanderfolge genau kund
wird, welcher Strom oder welche Strom-
kombination jeweils zur Hilfe, zum Schutz
oder aber zur geistigen Leitung vonnöten
ist. Alles Übrige aber geschähe — um hier
im Bilde zu bleiben — „automatisch”.
     Dieser Vergleich kann Ihnen dazu ver-
helfen, eine richtige Vorstellung zu gewin-
nen von der Art und Weise rein geistiger
Hilfeleistung, geistiger Leitung, und geisti-
ger „Nähe”!
     Ich werde Ihnen nicht erst zu sagen brau-
chen, daß gewiß keine geistsubstantielle
Apparatur dieser Art irgendwie und irgend-
wo besteht, sondern daß dieses hier skiz-
zierte Bild vielmehr den gegebenen Zu-
78
sammenhängen in der Struktur ewigen gei-
stigen Lebens auf eine symbolische Weise
Darstellung zu geben sucht.
     Bleiben wir beim Bilde, so ist jedoch zu
sagen, daß niemals der hier geschilderte
Funke zwischen den Elektroden aufblitzen
wird, wenn der durch das Elektrodenpaar
repräsentierte Mensch nicht aus der In-
brunst seines Herzens Leitung, Schutz oder
Hilfe aus der Region des wesenhaften sub-
stantiellen Geistes erwartet oder verlangt,
— und ebenso niemals, wenn er sich nicht
selbst dazu bereitet hat, solcher Einwirkung
ein brauchbarer Empfänger zu sein. —
     Die Hilfe, wie die geistige Führung
durch einen Leuchtenden im Urlicht, und
somit durch unsere ewige Gemeinsamkeit,
bezieht sich niemals auf Dinge, die zwischen
Geburt und Grab
ihre Erfüllung finden
müssen, wenn sie sich gestaltet sehen sollen,
sondern immer nur auf das Erwachen der
79
Seele im geistigen ewigen Bereich, und
die dadurch — möglichst schon während
des Erdendaseins — zu erlangende Über-
tragung des individuellen irdisch-seeli-
schen Bewußtseins in das eigene Ewige
des Menschen. —
     Damit sei heute dieser recht umfänglich
geratene Brief aber denn doch nun abge-
schlossen und Ihrem seelischen Aufnehmen
besonders empfohlen!
     Mein Segen, der Sie auf eben die Weise
erreicht, die Ihnen in diesem Briefe gleich-
nishaft geschildert wurde, werde Ihnen zu
wirksamster Erhellung Ihrer Einsicht in
alles, was im Ewigen gründet!
80
#
ZEHNTER BRIEF
Bei allem hocherfreulichen Verstehen der
letzthin von mir so ausführlich erläuterten
Form der Fernsendung geistiger Hilfe und
Führung durch die einzigen, die in solcher
Weise helfen und führen dürfen, weil sie
dazu vom ewigen Geiste verordnet sind
und helfen können, gewahre ich doch in
Ihrem neuen Briefe noch eine gewisse Un-
sicherheit, die sich scheinbar immer wie-
der durch mein Wort erzeugt, daß schon
„ganze Völker” zuweilen unter unserem:
— der Leuchtenden des Urlichtes — gei-
stigen Einfluß standen.
     Hier muß ich Sie wohl doch noch ein-
mal darauf hinweisen, daß alle geistige
Hilfe, zu deren Spendung der ewige Vater
im Urlicht sich der durch ihn im Urlicht
Leuchtenden bedient — und es gibt keine
andere ins Menschlich-Irdische wirkende
81
geistige Hilfe oder Führung! — stets nur
die Einzelseele zu erreichen vermag, so
daß ein geistiger Einfluß auf „ganze Völ-
ker” naturnotwendig nur dort sich ereig-
nen kann, wo unter den Einzelseelen, die
erst Völker zu bilden vermögen, viele Bild-
ner sind, die sich selbst so zu formen wuß-
ten, daß geistige Führung von ihnen auf-
genommen
und verstanden werden kann:
— daß geistige Hilfe „empfangsbereite Her-
zen
” findet.
     Wie geistig gesandter Ein-fluß sich immer
nur auf die Erreichung des Wiederbewußt-
werdens
der Menschenseele in ihrem in-
dividuellen Ewigen
bezieht, und die Dinge
zwischen Geburt und Grab dem Erdmen-
schen selbst frei überläßt, habe ich bereits
in meinem letzten Briefe an Sie zum Aus-
druck gebracht. Es scheint aber, als ob ver-
steckte, vielleicht ererbte, vielleicht aner-
zogene Wünsche in Ihnen Unruhe zu schaf-
82
fen suchten, so daß Sie gar zu gerne doch
auch einen geistigen Einfluß auf das Welt-
geschehen
gerettet sehen möchten.
     Es ist aber ein ebenso großer Irrtum,
den ewigen, göttlichen Vater irgendwo oder
in irgendwem — sei es direkt oder durch
gesandte geistige Führung — im Bereiche
innen- oder außenpolitischer Vorgänge ir-
gendeines in der Weltgeschichte bekannt
gewordenen Volkes am Werke zu glauben,
wie es törichter Irrtum ist und die er-
schreckende Geistesfremdheit der tier-
menschlichen Seele verrät, wenn man in
den schweren Krisen der Politik, die man
„Kriege” und „Revolutionen” nennt, ewi-
gen Willen des Geistes in der Auswirkung
zu erblicken meint.
     In allediesem Geschehen wirkt nur der
tiergebundene Mensch der Erde
, und was
immer
ihn zum Wirken drängt, ist — ein-
schließlich aller lemurischen Antreiber-
83
peitschenschläge aus dem unsichtbaren Teil
der physischen Welt — bloß irdisch verur-
sacht, ohne die geringste Mitwirkung gei-
stiger
Einflüsse und Kräfte!
Ihr sagt:
„Die Weltgeschichte
Ist das Weltgericht!”
Gewiß!
Doch ein Gericht,
In dem der Mensch allein
Sich selbst das Urteil spricht!
Hier hat sich „Allmacht”
Aller Macht begeben...
Hier spricht nur geist-getrenntes,
Tierversklavtes Leben!
     Was wirklich der Erdenmenschheit schon
in den Tagen zwischen Geburt und Grab ein
besseres Los zu schaffen vermag, ist nur das
Erwachen vieler Einzelseelen in ihrem
Ewigen
. Es werden aber immer nur Teil-
84
gruppen der Menschheit sein, in denen
genügend Einzelseelen, ihres Ewigen be-
wußt, des ewigen Menschen wahrhaft wür-
dige
Lebensgestaltungen zu schaffen ver-
mögen, und nur durch ihr Beispiel werden
sie auch andere Teilgruppen allmählich der
Tieresübermacht entreißen können. Ein
Teil der Erdenmenschheit wird dereinst
dem ewigen Geiste bereits im Mutterleib
erschlossene Kinder gebären, während ein
anderer Teil, — immer rettungslos tierver-
haftet, — zwar nicht, wie die Visionen des
Zarathustradichters meinten: den „Über-
menschen”, wohl aber — das Übertier zeu-
gen wird, das aller Tiere Dumpfheit, Grau-
samkeit und Krallenlust zuletzt bis zur
Selbstzerfleischung übersteigert...
     Das ist alles, was ich Ihnen heute sagen
will, und ich hoffe, Sie werden sich in Zu-
kunft nicht mehr durch Ihre gefühlsbeton-
ten wachen Wunschträume betören lassen,
85
im äußeren Weltgeschehen „den Finger
Gottes” als Beweger am Werk zu glauben!
     Aller Segen des Lichtes sei immer mit
Ihnen!
86
#
ELFTER BRIEF
Gerne glaube ich Ihnen, daß es Ihnen
nicht ganz leicht wurde, im Laufe der letz-
ten Monate Ihr Weltbild im Sinne meines
zuletzt geschriebenen Briefes an Sie zu
korrigieren. Ich kann das gut nachfühlen,
denn auch mir ist es vor einigen Jahrzehn-
ten durchaus nicht leicht gewesen, alles,
was ich von Jugend auf gehört und so gerne
geglaubt hatte, dahingeben zu müssen, als
ich der Wirklichkeit zum ersten Male an-
sichtig geworden war.
     Um so mehr freue ich mich, von Ihnen
zu hören, daß Sie jetzt, nach der Verar-
beitung meiner letzten Darlegungen, sich
„von einem schweren und lähmenden
Druck befreit” fühlen, der Sie vordem
„auch in den heitersten Stunden” niemals
verließ. Es ist ja wahrhaftig eine kaum er-
trägliche Vorstellung, daß ewige Güte und
87
Liebe in unbegrenzter Machtfülle diese
Erdenwelt regiere, und dennoch alles ruhig
geschehen lassen könne, was hier Tag
um Tag und Nacht um Nacht an Furchtba-
rem, Schauerlichem und Entsetzlichem ge-
schieht, obwohl es durch den bescheiden-
sten Aufwand überweltlicher Macht so leicht
zu verhüten wäre. Eine solche Vorstellung
kann wohl als schwerster Seelendruck emp-
funden werden, und es ist begreiflich, daß
man wie erlöst aufatmet, wenn man ein-
sehen gelernt hat, daß hinter ihr nichts
Wirkliches
steht, und sie nur die Folge
falscher Gottesbegriffe ist, die der gott-
ferne Erdenmensch in seiner Not sich selbst
geschaffen hat.
     Fehlgehen aber würden Sie, wenn Sie
aus meinen Worten eine allgemeine Ge-
ringschätzung aller Dinge zwischen Geburt
und Grab herauslesen wollten. Mir sind
diese Dinge schon darum bedeutsam, weil
88
sie ja über ihre Zeit hinaus weiterwirkende
— wenn auch nicht gerade „ewige” —
Folgen auszulösen vermögen. Aber auch
in dem ihnen zubemessenen Bereich selbst
ist es von größter Bedeutsamkeit, wie wir
ihnen gegenüberstehen, sie zu nehmen
wissen, und ihnen schließlich gerecht wer-
den.
     Ebenso würden Sie gewaltig irren, wenn
Sie aus meinen Worten die Lehre heraus-
lesen wollten, daß es überhaupt keine
göttlich-geistige Einwirkung auf die Dinge,
die von unserer Lebensdauer irdisch um-
schlossen werden, gäbe. Wohl sind solche
Einwirkungen nicht nur „möglich”, son-
dern geradezu alltäglich und überaus häu-
fig. Sie sind jedoch nur das Zeugnis des rein
gesetzmäßigen Reagierens ewiger, vom
Geiste ausgestrahlter Mächte und Kräfte,
deren Einflüsse der Erdenmensch ohne jede
Beihilfe auslöst, — nur durch sein, den gei-
89
stigen Gesetzen entsprechendes Verhalten.
Eine große Anzahl religiöser Vorschriften,
— ja selbst manche Gebote des Aberglau-
bens, — gehen auf das erfahrungsmäßige
Beobachten des rechten oder falschen Ver-
haltens gegenüber solcher geistigen Gesetz-
mäßigkeit zurück, die auch in manchen reli-
giösen Lehren der Vorzeit, — auch sehr
deutlich in den „Psalmen Davids”, — per-
sonifiziert
und dramatisiert, an Beispielen
zur Darstellung gelangen. Der, dem der
Gott solcher Darstellungen alle Huld ge-
währt, ist stets einer, der den ewigen Ge-
setzen entsprechend handelt und dadurch
manches Gute und Erfreuliche in seinem
Erdenleben sich auswirken sieht. Der aber,
der als den Gott verachtend: als „Lästerer”
und „Tor” dargestellt wird, ist einer, der
blind, seiner eigenen Unkenntnis wichti-
ger, durch Erfahrung eruierbarer geistiger
Gesetze zum Opfer fällt. Wenn man ein-
90
mal diesen Zeugnissen menschlicher Ver-
gangenheit auf die Spur gekommen ist,
staunt man über die Erfahrungsweisheit,
die sich Menschen einer uns noch halbbar-
barisch erscheinenden Zeit zu verschaffen
wußten, und fragt sich mit gutem Recht,
ob nicht wir heutigen Europäer ärgere Bar-
baren seien, als jemals ein früheres Ge-
schlecht...
     Wohl kennen wir unzählige Dinge, die
diesen Alten fremd waren, aber ich be-
zweifle mit lebendiger Einfühlung, daß die
zu jenen fernen Zeiten ihrer Volksweisheit
Kundigen das was sie kannten und aus Er-
fahrung wußten, für unser zeitgebundenes
Allgemeinwissen eingetauscht haben wür-
den. Man braucht nur die alttestament-
lichen Psalmen zu lesen, frei von der
üblichen Benutzungspraxis die aus ihnen
Eideshelfer religionsbedingter Dogmatik
macht, um sehr eindringlich zu erfahren,
91
wie tief ihre, den Namen des alten Königs
vorschützenden Verfasser in die Geheim-
nisse geistiger, automatisch ihrer Auslösung
folgender Kräfte und Mächte eingedrungen
waren. Natürlich muß man bei solcher Er-
fragung alles kultische Beiwerk, als dem
wesentlichen Inhalt gegenüber belanglos,
beiseite tun, und darf sich auch nicht da-
durch beirren lassen, daß die geschilderte
Wirkungsweise geistiger Gesetze als Aus-
wirkung göttlicher Affekte und Bevorzu-
gungsakte ausgelegt wird. Möglicherweise
glaubten die Verfasser selbst noch an solche
Auslegung, aber wahrscheinlicher ist, daß
sie dergleichen für geboten hielten, um der
Gefahr zu begegnen, daß die unbemäntelte
Kenntnis der aufgezeigten Gesetzmäßig-
keiten am Ende das Volk in einen wirren
Atheismus stürzen könne, da der Mensch
jener Tage nur durch seine Selbstprojek-
tion
in einen Traum von machtgesättigter
92
Willkür zu seiner Gottesvorstellung zu ge-
langen vermochte.
     Es gibt Vieles, was heute, durch jahr-
hundertelange Benützung zugunsten einer
vorgefaßten Glaubensmeinung, ganz um
sein eigenes, wahres Gesicht gebracht ist,
und nur die schärfsten Augen sind imstande,
die ursprünglichen Züge zu erkennen, aus
denen sich noch zur Not herauslesen läßt,
was voreinst klar und eindeutig, mit schar-
fen Konturen gegeben war.
     Wenn ich Sie durch meine Worte veran-
lassen sollte, Ihre Augen zu üben, um sol-
ches Verschliffene und Verwischte in den
Kunden aus der Vorzeit erkennen und rich-
tig deuten zu lernen, dann stehen Ihnen
manche Entdeckerfreuden bevor.
     Segen aus dem ewigen Urlicht sei Ihnen
jederzeit zugesandt!
93
#
ZWÖLFTER BRIEF
Daß auch Sie gegenüber dem, was ich
im Kapitel „Vom Tode” und an anderen
Stellen von den „Seelenkräften” sage,
das Empfinden haben, es müsse „ganz
unsagbar schwer” sein, diese Kräfte in sich
„zu einen”, ist mir nicht unerwartet ge-
kommen. Keine andere Stelle in meinen
Büchern brachte mir im Laufe der Zeit eine
derartige Menge von Fragen und Bitten
um Erläuterung ins Haus.
     Aber die ganze Angst vor der — zweifellos
auch wirklich vorhandenen — Schwierig-
keit der gegenüber den Seelenkräften be-
stehenden Aufgabe, stellt sich immer wie-
der als Folge einer falschen Vorstellung
von der Natur dieser Kräfte heraus. Anders
ist es auch bei Ihnen nicht.
     Bestimmt durch die vielen Anfragen,
habe ich alles, was ich über die geforderte
94
Einung der Seelenkräfte an verschiedenen
Stellen darlegen mußte, seinerzeit noch-
mals mit aller erdenklichen Selbstkritik
gegenüber der jeweils von mir gebrauch-
ten Ausdrucksweise durchgesehen, konnte
aber, auch mit dem besten Willen, mir die
Schuld an der erzeugten irrigen Vorstellung
zuzuschreiben, kein Wort entdecken, das
ich hätte anders haben wollen.
     Ich war zwar genötigt, in meinen Erör-
terungen darauf hinzuweisen, daß ein er-
heblicher Grad von Selbstzucht dazu not-
wendig ist, die Einung der Seelenkräfte
im eigenen Ich vorzunehmen, aber wenn
ich auch an der Ihnen ja bekannten Stelle
sagte, daß es leichter sei: „einen wütenden
Elefanten an einem dünnen Hanfseil durch
das Gedränge des Marktes zu führen, als
die vielen Willen der Seelen-Kräfte, die
eines Menschen Seele bilden, unter den
einen Willen dieses Menschen zu einen”,
95
— wobei ich mich eines von meinem vor-
maligen seelischen Erzieher, mir gegen-
über oft gebrauchten, ihm anschaulich nahe-
liegenden Bildes gern bediente, — so zeigte
ich doch gerade an dieser Stelle, daß den-
noch
dieses „Wunder” geschehen kann, ja
geschehen muß, wenn eine Seele sich dazu
vorbereitet wissen will, ihren lebendigen
Gott in sich empfangen zu können.
     Es ist schwer, allein es ist nicht un-
möglich
!
     Es ist jedem normal empfindenden, wenn
auch nur recht primitiv gebildeten Men-
schen möglich, die Schwierigkeiten dieser
Einung der Seelenkräfte in seinem Willen
zu überwinden, — allein es ist so manchem
zweifellos hochgelehrten und allseitiger
Bildung frohen Menschen leider nicht mög-
lich, in sich die zu solcher Einung unbe-
dingt erforderliche Energie und Ausdauer
aufzubringen...
96
     Vergessen Sie nicht, daß ich ja doch wahr-
haftig nicht eine „Methode” lehre, — son-
dern daß es sich in meinem ganzen Schrift-
werk um nüchterne Lehrbücher handelt,
die seelisch suchenden Menschen die Struk-
tur des ewigen geistigen Lebens
aufzeigen
und faßbar machen. Dazu mußte ich alles
zur Sprache bringen, was Erdenmenschen
innerhalb dieses geistig-substantiellen Le-
bens jemals möglich wurde und so jeder-
zeit möglich sein wird. Aber nicht jedes ist
jedem möglich! Jeder kann sich jedoch an-
hand meiner Lehrtexte prüfen, was ihm
möglich ist. Gewiß sprechen dabei auch
psychophysische, angeborene Eignungen
mit, aber in erster Linie bestimmen Ener-
gie
und Ausdauer jedem, sein Ewiges Su-
chenden, die ihm hier, während seines
Erdenlebens vorbehaltenen Möglichkeiten.
Wie man ein sehr erfolgreicher Kaufmann
werden kann, obwohl man von Natur aus
97
keine besondere Begabung zum Rechnen
besaß, so kann man auch zu einem schon
sehr umfassenden Erleben seines Ewigen
in der Seele kommen, wenn man energisch
und ausdauernd auf dem zielbestimmten
Wege bleibt, auch wenn keinerlei angebo-
rene Eignung das Voranschreiten auf diesem
Wege erleichtert. Allerdings wird man sein
ganzes — inneres und äußeres — Leben
dementsprechend einrichten müssen, wo-
bei die Art, wie und wo ein Mensch seine
Freuden sucht, von größter Bedeutung ist,
weil nichts derart stark auf seine Seele zu-
rückwirkt, wie der Charakter der Dinge,
Beschäftigungen und Geschehnisse, die ihm
Freude bereiten. —
     Nun aber endlich auch Einiges in bezug
auf die zu Anfang dieses Briefes erwähnte
falsche Vorstellung von der eigentlichen
Natur der Seelenkräfte.
     Ich gewahrte da im Laufe der Zeit eine
98
seltsame Gleichförmigkeit in der Ausdeu-
tung dieses Wortes. Immer wieder begeg-
nete ich der Auffassung, als seien Seelen-
kräfte etwas Ähnliches wie unsere erden-
körperhaft gegebenen „Sinne” und etwa
so leicht und unmißverständlich zu unter-
scheiden, wie der Gesichts-Sinn sich vom
Gehör- oder Geruchsinn unterscheidet. Das
ist aber dem tatsächlich Gegebenen keines-
wegs entsprechend. Man kann zwar sagen,
daß unsere Eigenschaften durch unsere
Seelenkräfte hervorgerufen werden, — also
die Arten unseres Empfindens mit Hilfe der
Sinne, und dieser selben Sinne Reaktions-
bereitschaft, — aber man kann die Seelen-
kräfte leider nicht derart deutlich vonein-
ander sondern, wie die Sinne. Eher dürfte
man schon die Seelenkräfte mit den Nerven-
kräften
des irdischen Körpers, ja mit dem
ganzen Nervensystem in Vergleich setzen,
denn so, wie jeder Nerv seine bestimmte
99
Funktion hat und doch einer Unzahl anderer
Nerven nebengeordnet ist, so daß mannig-
fache Wechselwirkungen entstehen, so hat
auch jede der Seelenkräfte — auch wenn
wir sie nicht mit bestimmtem Einzelnamen
zu benennen wissen — doch ihre geistig be-
stimmte Funktion zu erfüllen und steht mit
allen anderen Seelenkräften, die zusammen
eine Seele ausmachen, in steter Wechsel-
wirkung, ja wirkt unter gegebenen Sonder-
umständen sogar weit über den Bereich der
sie umfassenden Seele hinaus.
     Die Einung der Seelenkräfte in einem,
sie alle bestimmenden Willen, wäre freilich
ein Ding der Unmöglichkeit, wenn als not-
wendige Voraussetzung dazu die genaue
begriffliche Bestimmung jeder einzelnen
Seelenkraft gefordert werden müßte. Glück-
licherweise aber stellt unser Ewiges nie-
mals
unerfüllbare Forderungen, und ge-
rade hier würde ja auch die allergenaueste
100
Kenntnis von der Besonderheit jeder ein-
zelnen Seelenkraft nicht das mindeste im
Sinne des Notwendigen zuwege bringen,
denn die Einung der Seelenkräfte ist aus-
schließlich eine Sache des Willens, der
ihnen allen, ohne Ausnahme, die Wirkungs-
richtung gibt durch seine eigene klare Be-
stimmtheit.
     Das Schwere dabei ist: — den Willen selbst
unausgesetzt in der gleichen Richtung zu
erhalten, von der er auch nicht eine Se-
kunde
bewußterweise abweichen darf, was
immer in der Außenwelt ihm dazu Ver-
suchung bieten möge.
     Es ist das Schwerste, was auf dem Wege
zu Gott bewältigt werden muß, aber man
kann dieses Schwere bewältigen, und Un-
zähligen ist es im Verlaufe der irdischen
Menschheitsgeschichte gelungen. Mit die-
ser Aufgabe identisch ist die Formung des
eigenen Ewigen, von der ich in einem
101
früheren Briefe schrieb, daß ihr der ir-
dische Körper Werkstatt sei... Man muß
solche Dinge aus verschiedenen Aspekten
heraus sehen lehren, wenn das Wirkliche,
das da in Worten Darstellung sucht, erkannt
werden soll.
     Hoffentlich wird Ihnen dieser Brief nun
Beruhigung bringen, und Ihre Besorgnisse
entkräften, daß mehr von Ihnen verlangt
werde, als Ihnen aus Ihren eigenen Kräf-
ten möglich werden könne. Noch sind Sie
ja „in Ihrer Werkstatt” und mit Hilfe der
in ihr dargebotenen Werkzeuge imstande,
Ihre ewige Form selbst zu bestimmen! Nach-
dem Sie diesen Erdenleib verlassen haben,
hört freilich jeder weitere von Ihnen selbst
bestimmte Einfluß auf Ihre Eigenform im
Ewigen auf. Aber wir wollen hoffen, daß
Sie sich bis dahin bereits gestaltet haben,
wie Sie gestaltet sein wollen!
     Seien Sie gesegnet aus ewigem Licht!
102
#
DREIZEHNTER BRIEF
Als Goethe, nach dem Erscheinen der
Bühnenbearbeitung seines „Götz”, von be-
freundeter Seite die wohlgemeinte Anre-
gung erhielt, doch diese Umarbeitung sei-
nes Werkes einem ihm bekannten älteren
adeligen Herrn zukommen zu lassen, der
schon am „Ur-Götz” seine helle Freude
bekundet, ja sich selbst gerne „in die Per-
son des alten biedern Helden” — wie Goe-
the sagt — „gewissermaßen... versetzt”
hatte, lehnte der Dichter diesen Wunsch
entschieden ab, mit der Begründung, daß
es dem Bewunderer der ersten Fassung
„gewiß nicht angenehm sein würde, nun-
mehr manches ausgelassen, umgestellt, ver-
ändert, ja in einem ganz andern Sinne be-
handelt zu sehen.”
     An diese, in richtiger psychologisch be-
stimmter Voraussicht erfolgte weise Wei-
103
gerung wurde ich unwillkürlich erinnert,
als ich jetzt Ihren mir so lieben Brief ge-
lesen hatte. Ich wußte nicht, daß Ihnen
zuerst noch die frühere Ausgabe der ver-
schiedenen von mir dann erweiterten und
dabei nochmals besonders überprüften Bü-
cher in die Hand gekommen war, so daß
Sie erst neuerdings von den zuletzt ent-
standenen endgültigen Ausgaben dieser
Lehrtexte hörten. Es läßt sich aber gut
nachfühlen, wie Sie sich „an Einzelnes in
den alten Fassungen derart gewöhnt”
hatten, daß Sie ihm „bei allem Einver-
ständnis mit der nun um so vieles deut-
licheren neuen Fassung”, doch sozusagen
nachtrauern. Auch mir war ja die erste Fas-
sung lieb, sonst hätte ich sie doch niemals
in die Öffentlichkeit gegeben, obwohl der
ebenso liebenswürdige wie regsame Leiter
des großen Verlags, in dem diese ersten
Fassungen ehedem herauskamen, mir da-
104
mals die Manuskripte — fast buchstäblich
zu verstehen: — aus den Händen riß, so
daß mir meistens recht wenig Möglichkeit
zu letzter Kontrolle blieb. (Es war bei
einem der Bücher sogar das Kuriosum vor-
gekommen, daß mir die Post das fertige
Buch
ins Haus brachte, während ich kaum
den ersten Korrekturabzug erwartete!)
     Der Verzicht auf die vormalige Fassung
ist mir in jedem Einzelfall schon deshalb
schwer geworden, weil sie ja doch ebenso
wie das Verbleibende, der getreuen Befol-
gung geistiger Lautwertgesetze zu danken
war. Wo ich trotzdem die alte Fassung zu-
gunsten der nunmehr bestehenden einge-
schmolzen habe, dort waren sehr triftige
Gründe bestimmend. Von vielen groben
Druckfehlern
ganz abgesehen, — die ja
durch die berichtete eilebestimmte Praxis
meinen Manuskripten gegenüber unver-
meidlich waren, und an den bedeutsamsten
105
Stellen den Text mitunter ins Gegenteil
verkehrten, — war auch manche Sprach-
form noch auszumerzen, die sich aus mei-
ner stark durch mainfränkische Mundart be-
stimmten Sprechweise zwar erklären ließ,
aber doch in einem Lehrbuch über geistige
Dinge störend wirken konnte, und weiter
war mir im Verlaufe brieflicher Mitteilun-
gen, wie mündlicher Unterredungen auch
manche Textstelle bekannt geworden, die
im Interesse des gesicherten Verstehens
eine andere Fassung wünschbar erscheinen
ließ oder geradezu nach ihr verlangte.
     Daß derartiges Umarbeiten eines bereits
der Öffentlichkeit zugänglichen Buches
eine recht undankbare Sache ist, war mir
wahrhaftig bewußt, durfte mich aber von
dem was nötig war, nicht abhalten.
     Ich erlebte aber überraschenderweise die
Freude, eine große Menge dankerfüllter
Zuschriften zu erhalten, aus denen immer
106
wieder aufs neue zu ersehen war, wie leb-
haft und geradezu begeistert der Leserkreis
um diese Bücher die Neuformung begrüßte.
Da ich vorher die Schwierigkeit für den
Leser, sich an eine für ihn zuerst befrem-
dend erscheinende Lesart zu gewöhnen,
wohl erwogen hatte, war mir solche Zu-
stimmung sehr unverhofft gekommen. Sie
stehen mit Ihrer etwas elegischen Trauer
um gewisse, von mir nun formell anders
bearbeitete Textstellen, ziemlich allein,
denn ein einziger ähnlicher Hinweis den
ich erhielt, kam von einem Freunde, dessen
Muttersprache nicht das Deutsche ist, und
dem ich mit den Neubearbeitungen gewiß
keinen Dienst geleistet habe, da er nun not-
wendigerweise an Worte gelangte, die das
von ihm ehedem in anderen Worten Erfaßte
offenbar zunächst eher störten.
     Ich hoffe aber, Sie werden sich dennoch
fortan nur an die Neubearbeitungen der hier
107
in Betracht kommenden meiner Bücher hal-
ten und dann immer deutlicher gewahren,
daß diese Bearbeitungen vorgenommen
werden mußten, und ganz gewiß nicht
Folge ästhetischer Laune oder aber nur der
Notwendigkeit des Neudrucks waren. Lehr-
bücher wie ich sie schreibe, ändert man
wahrhaftig nicht, wenn die eigene Verant-
wortung gegenüber den diese Bücher Ge-
brauchenden eine neue Bearbeitung nicht
unerbittlich verlangt! Das Bessere ist frei-
lich immer des Guten Feind. Sicher aber
darf uns das nicht verleiten, um des Guten
willen, das Bessere ungeschehen zu lassen.
     Der Himmel segne Sie!
108
#
VIERZEHNTER BRIEF
Wenn Sie auf den Gedanken gekommen
sind, daß vielleicht manche Vorstellungen,
die in den alten polytheistischen Religionen
lebendig waren, ebenso aber auch die in
asiatischen Religionsformen und schließ-
lich im byzantinischen und römischen
Christentum anzutreffenden Heiligenkulte
durch die Existenz der Leuchtenden des
Urlichtes „eine undiskutable Rechtferti-
gung erfahren”, so sind Sie gewiß auf den
Spuren der Wahrheit.
     Um aber diese meine Zustimmung vor
möglicher Fehldeutung geschützt zu wis-
sen, muß ich hier gleich sagen, daß Sie
freilich in argem Irrtum wären, wenn Sie
etwa annehmen wollten, alle die aus den
antiken Religionen wie aus den verschie-
denen Heiligenkulten bekannten Gestalten
der Verehrung müßten in der Art, wie sie
109
Legende und Andacht geformt haben und
fromme Vorstellung sie glaubt, auf be-
stimmte Glieder
der geistig gegebenen Ge-
meinsamkeit der Leuchtenden des Urlich-
tes zurückzuführen sein, — oder die Hei-
ligsprechungen der römischen Kirche seien
vielleicht in früherer Zeit aus geheimer
Kenntnis
solcher Zusammenhänge er-
folgt.
     Daß unter diesen Gestalten auch weib-
lich
gedachte sind, während sich der Leuch-
tende des Urlichtes nur in einem männ-
lichen Erdenkörper manifestieren kann,
bildet hingegen keinen Gegengrund zu
Ihrer Annahme, da ja jeder Leuchtende,
trotz ausgeprägter Männlichkeit seines ir-
dischen, ihm nur für die kurze Lebens-
epoche auf dieser Erde dienenden, verwes-
lichen Körpers, im Geistigen doch auch
dem „Ewig Weiblichen” unlösbar vereint
ist, und daher seine Gestalt sowohl dem
110
geistig Männlichen, wie dem geistig Weib-
lichen Ausdruck geben könnte.
     Es gibt nun wohl im Vorstellungsschatz
alter polytheistischer Religionen ebenso
wie im Geltungsbereich der verschiedenen
Heiligenkulte gewiß Gestalten, die man
tatsächlich, und wenn sie auch die hiera-
tische Auszeichnung einer Heiligsprechung
tragen mögen, auf Leuchtende des Urlich-
tes zurückverfolgen dürfte, ohne dabei fehl-
zugehen. Aber, wenn man eine solche „Ab-
stammung” auch mit den besten Beweisen
sicher aufzeigen könnte, so wäre man doch
noch ziemlich weit von der Erkenntnis ent-
fernt, zu der Ihre Vermutung hinweist: — daß
nämlich jedem Anruf einer jeglichen aus
Legende und Verehrungsbedürfnis hervor-
gegangenen Gestalt, mag sie als rein himm-
lisch oder als vormaliger Erdenmensch
gedacht sein, die helfende geistige Kraft
und Segensbereitschaft der Leuchtenden
111
des Urlichtes, als einzige hier in Betracht
kommende Wirklichkeit, antwortet.
     Wie die von dem Gläubigen um Hilfe an-
gerufene Gestalt von ihm genannt wird,
und wie der Hilfesuchende die Befähigung
zur Hilfeleistung dabei sich erklären mag,
bleibt für den Vorgang der sich wirklich
abspielt, ganz belanglos. Dieser Vorgang
aber ist von dem das Ewige der seelisch
Suchenden erweckenden und ihre Seelen
leitenden Akt der Hilfe, den ich Ihnen vor
einiger Zeit unter gleichnismäßiger Erinne-
rung an ein mit Elektroden übersätes Schalt-
brett darstellte, nur sehr wenig verschieden,
und diese Verschiedenheit ist nur durch die
Aufnahmefähigkeit und Vorstellungswelt
der Anrufenden bestimmt.
     Man darf aber nicht außeracht lassen, daß
es in der seelischen Situation und bei dem
gegebenen Grade der Aufnahmefähigkeit
dieser Anrufenden, für viele, wenn nicht
112
für alle, eine intensive Vertiefungsmög-
lichkeit
für ihren Anruf bedeutet, wenn sie
die Gestalt ihrer Verehrung mit möglichst
konkreten Zügen in ihrer Vorstellung aus-
statten können. Wenn zum Beispiel von dem
großen Heiligen Paduas, den das Volk längst
„heiliggesprochen” hatte, bevor ihm diese
posthume Ehrung auch durch den Papst
zuteil wurde, gesagt wird:
        „Um was ihr fleht, gewähret euch
        Antonius, an Wundern reich.
        Not, Aussatz, und des Irrtums Nacht,
        Die Hölle selbst, weicht seiner Macht!
        Er stillt des Meers empörte Flut,
        Er schafft herbei verlornes Gut!
        Die harte Fessel bricht entzwei;
        Das kranke Glied wird schmerzenfrei!
        Wer zu ihm rufet, alt und jung,
        Fühlt Trost durch ihn und Linderung.”
— so liegt hier ein typisches Beispiel dafür
vor, wie kräftigend und sein Vertrauen för-
113
dernd die Vorstellung einer konkreten,
ihrem Verehrungskreis allgemein bekann-
ten irdischen Persönlichkeit auf den An-
rufenden zurückwirkt. (Sie werden viel-
leicht wissen, daß der Paduaner Heilige
ein gewaltiger, hinreißender Prediger war,
— ein portugiesischer Mönch, der nach
vielen Predigtfahrten schließlich in Padua
starb, aber nichts zu tun hat mit dem viel
früheren Antonius dem Eremiten, mit dem
Wilhelm Busch, dem das Heiligenwesen
nicht gar zu vertraut gewesen war, in seiner
Satire ihn verwechselt hat.)
     Für den Anrufenden kommt es darauf an,
daß er auf seinen Anruf hin „Trost und
Linderung” empfindet, und wenn sein An-
ruf ohne eine handfeste historisch geglaubte
Vorlage für die Vorstellung, die verlangte
Kraft nicht aufbringen würde, die ihn den
wirklich Helfenden „vernehmbar” machen
kann, dann muß man ihm wohl oder Übel
114
den Gebrauch einer solchen Vorstellungs-
krücke zugutehalten.
     Um sehr Ähnliches handelt es sich bei
den örtlich und zeitlich entstandenen
Abwandlungen einer Verehrungsgestalt.
Apollo, Aphrodite, Artemis, und so man-
che andere, sehr plastisch gestaltet vorge-
stellte „Gottheiten” der antiken Welt wur-
den an verschiedenen Orten in nicht min-
der verschiedener Auffassung verehrt, wie
heute noch die „Muttergottes”, an ihren
zahllosen Gnadenorten aus einem jeweils
anderen
Aspekt gesehen, der Gläubigen
mannigfaches Vertrauen entzündet. Es ist
durchaus nicht so lächerlich, wie eine sich
hoch überlegen dünkende, aber nur das
Äußere und die Oberfläche beurteilende
Betrachtungsweise feststellen zu können
meint, wenn sie gewahrt, daß die Anrufen-
den in verschiedenen Anliegen auch zu
verschiedenen Gnadenorten
der Madonna
115
wallfahren. Es handelt sich da nicht um
ein „götzendienerisches” plumpes Verviel-
fältigen
der geliebten und mit einer Über-
fülle des Vertrauens bedachten Verehrungs-
gestalt, — die einst aus dem sublimen Kult
der „Hagia sophia”: der „Göttlichen Weis-
heit”, als Inbegriff des „Ewig Weiblichen”
hervorgewachsen war und späterhin mit
Jesu Mutter identifiziert wurde, — sondern
um ein psychologisch sehr differenziertes
Empfinden örtlicher, bildmäßiger und
legendärer Einflüsse auf die jeweils erreich-
bare größte Intensität des Anrufs! —
     Auf diese Intensität aber kommt es
wesentlich an, wenn die Anrufung im ewi-
gen substantiellen Geiste durch die „ver-
nommen” werden soll, die hier zur Lenkung
der Kräfte geistiger Hilfe gesetzt sind, und
mit genügender Resonanz zu ihnen gelan-
gende Anrufungen eines frommen Bud-
dhisten des „großen Fahrzeuges” an eine
116
seiner Verehrungsgestalten ebenso durch
Hilfe in dem jeweils geistesgesetzlich mög-
lichen Grade beantworten, wie jeden aus
anderen religiösen Vorstellungsbereichen
an sie gelangenden Ruf.
     Ich bitte Sie inständig, diese hier heute
gegebenen Aufschlüsse sich ganz zu eigen
machen zu wollen. Aus eigenem Vermögen
werden Sie sich dann noch weit mehr er-
schließen...
     Seien Sie gesegnet aus ewigem Licht!
117
#
FÜNFZEHNTER BRIEF
Nicht zum erstenmal wird mir geschrie-
ben, daß durch die von mir verkündeten
Lehren an sich schon so vieles, was früher
schwere Fragen hervorgerufen habe, plötz-
lich klar und verständlich werde, oder, um
mit Ihren Worten zu reden, daß „alles ein
neues Gesicht” bekomme.
     Das ist jedoch kein Wunder, denn ich
erzähle ja nicht etwas, das ich mir lustig
ausgedacht habe oder in schwerem Nach-
denken fand, sondern berichte von der ge-
gebenen Struktur des Lebens im ewigen
Geiste, weil sie mir bekannt ist aus eigenem
lichten Erleben, und bekannter als alles,
was ich außer ihr jemals kennen lernte.
Da aber alles Leben aus dem ewigen, sub-
stantiellen Geiste hervorgeht und das erden-
menschliche Gehirnbewußtsein, bei aller
darüber verhängten Dunkelheit der Tier-
118
natur, dennoch Einflüsse aus dem ewigen
substantiellen Geiste fortwährend emp-
fängt
, ob es sie nun auffassen mag oder zu
dumpf ist dazu, so kann schon das bloße
Aufzeigen
der Struktur ewigen Geistes-
lebens zu einem ersten Erwachen führen,
wonach man die Welt freilich etwas anders
betrachten wird als früher.
     Ob einer damit schon alles hat, was er
sich vordem für seine Seele wünschte, oder
ob er sich nun erst recht veranlaßt sieht, in
die ihm von mir gezeigten weiteren Grade
des Erwachtseins vorzudringen, das wird
zwar von ihm allein abhängen — aber
nicht überall von ihm abhängig sind die
irdischen Voraussetzungen
zu solcher Ent-
scheidung.
     Es mag bei manchen viel guter Wille vor-
handen sein, seelisch wacher und wacher zu
werden, aber nicht die Kraft, alle irdischen
Hindernisse, die ein helleres Erwachen un-
119
möglich machen, aus dem Wege zu räumen.
Bei anderen mag diese Kraft schon da sein,
aber zugleich auch die Einsicht, daß an die
Beseitigung vorhandener Hindernisse nicht
gedacht werden darf, weil übernommene
Pflicht dadurch verletzt werden würde. Da
es aber nicht die Aufgabe des Menschen auf
der Erde ist, alles was er hier zu guter Er-
füllung und zu einer wenigstens relativen
Vollendung zu bringen vermöchte, stehen
und liegen zu lassen um nur seiner Erkennt-
nis zu leben, — ja, da er, wenn er so han-
deln wollte, sich ganz sicher um die Frucht
seines Mühens bringen würde, so fördert
sich der Suchende nur durch sein Genü-
gen
an dem, was ihm seine irdischen Um-
stände gewähren. Alles Weiterverlangen,
über das hinaus, was die äußeren Um-
stände zulassen, ist hingegen ein Daneben-
langen
und kann selbst das in äußerste
Gefahr bringen, was ganz gewiß erreichbar
120
wäre, und Zuwachs geistigen Besitzes wer-
den könnte.
     Es ist nicht viel anders, als mit den all-
täglichen irdischen Dingen: — Wer zuviel
verlangt, kommt zu nichts! Man soll nicht
zu algebraischen Aufgaben und zum Inte-
gralrechnen aufsteigen wollen, wenn einem
das Einmaleins noch nicht gehört.
     Aber die Suchenden machen sich auch
viel zu phantastische Vorstellungen von
dem, was sie sich im Geistigen erreichbar
glauben, und keine Belehrung vermag sie
davon abzuhalten, statt dem Erleben gei-
stigen Lebens
, die wunderlichsten Sensa-
tionen und Ausweitungen im erdenkörper-
lich
bedingten, mit all seinem Inhalt der-
einst sein sicheres Ende findenden Erleben
zu suchen. Ein exaltiertes Übersteigern an
sich wertvoller, den Gehalt der Seele ge-
wichtig bereichernder und auch im körper-
lichen Sinne urgesunder Empfindungen zu
121
bedenklichster Nervenerregung, bedeutet
den meisten schon „geistiges Erlebnis”.
Vielen gilt es noch immer als notwendiges
und darum höchst erstrebenswürdiges Ziel,
den Körper immer mehr zu „vergeistigen”,
was sie natürlich von einer Selbsttäuschung
zur anderen führen muß. Zur geistgesetz-
lich geforderten Verkörperung des Geistes
gelangen die Allerwenigsten: — jene allein,
die nur das Wirkliche wollen, aber keine
Sensationen.
Es kann der Wissensmensch
Im Irdischen nicht leicht begreifen:
Daß alles ewige Erleben
Selbst sich Inhalt ist, —
Daß der Erlebende im Ewigen
Kein „Anderes” erlebt,
Das ihm — dem irdischen Erleben gleich —
Durch sein Erlebnis nahe käme.
122
Im Ewigen
Bleibt irdische Erlebensweise
Schein und Schaum...
Erst ein sich selbst erschließendes Erleben
Öffnet ewigkeitsgezeugten „Raum”!
*
     Wenn Paulus, der Zeltmacher aus Tarsus,
— dieser von den Heutigen nur mit einer,
die größte Distanz schaffenden, scheuen
Ehrfurcht zu verstehende größte Gewalt-
mensch
unter jenen ersten Kleinasiaten,
die Jesu Lehre zu sich selber und zu eige-
nem Erleben brachte, — den Ausspruch
wagt: „Kein Auge hat es gesehen, kein
Ohr gehört, was Gott denen bereitet hat,
die ihn lieben!” — so hat er damit aufs
deutlichste alles wirkliche geistige Erleben
umschrieben. Doch, man hat dieses Wort
eines Wissenden in der Ausdeutung ge-
radezu umgekehrt, und ihm den törichten
Sinn unterlegt, als ob das den Gottliebenden
123
Vorbehaltene ein wahrer Sinnenschmaus
wäre, von einer Art, die über alles der-
gleichen im Irdischen Erlebbare weit hinauf
gesteigert sei. — Aber: —
Im Lichte ist Erkenntnis und Erkanntes
Dem Erkennenden vereint,
Und was im Irdischen getrennt erscheint,
Ist nun nicht mehr entfernt
In Raum und Zeit,
Denn alles ist zugleich
Und gleichen Ortes,
In der Ewigkeit...
Wie diese Dinge sich geheim begeben,
Weiß keine Sprache faßbar darzustellen,
Denn niemals läßt in Worten sich erhellen,
Was nur erfahrbar wird als lichtes Leben!
*
     Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen,
daß es mein, erdenmenschlich betrachtet,
124
sehnlichster Wunsch wäre, Sie noch in Ihrem
Erdenleben zugleich in diesem lichten Le-
ben des ewigen Geistes finden zu dürfen.
Meine immerdar segnende Hilfe wird Ihrem
Streben stets nahe sein!
125
#
SECHZEHNTER BRIEF
Daß Ihnen die in meinem letzten Briefe
geschehene Erwähnung des Apostels Pau-
lus — der, wie Sie ja aus meinem Buche
„Das Geheimnis” wissen, als angenomme-
ner, geistig dazu vorbestimmter Schüler
der Leuchtenden des Urlichtes, schließlich
zu Jesu wahrer Lehre gefunden hatte —
nun Anlaß zum Nachdenken über seine
vermeintlich ohne Vorbereitung erfolgte
„Bekehrung” werden könnte, hatte ich
nicht vermutet, da ich doch in dem ge-
nannten Buche deutlich genug gezeigt zu
haben glaubte, wie die ganze Damaskus-
erzählung nur als Symbol für ein weit we-
niger effektvolles Geschehen aufgefaßt wer-
den muß, wenn man den darin enthaltenen
Wahrheitskern herausschälen will.
     Ich muß Sie auf das dort Gesagte ver-
weisen, wenn ich es nicht hier abschreiben
126
soll. Um aber jedes Mißverstehen meiner
dort gegebenen Worte auszuschließen, sei
eindeutig gesagt, daß es sich bei jener an-
scheinend so unvermittelt erfolgten Umge-
staltung des fanatischen Feindes der Lehre
Jesu in ihren gewaltigsten Exegeten, um
eine, aus tiefstem Drang nach Wahrheit,
mit fast übermenschlicher Kraft seit langem
umkämpfte, und schließlich auch kontinu-
ierlich
, nach und nach erreichte Erwek-
kung handelte, die freilich dann zu reso-
lutem Erstreben einer Wiedergutmachung
des vordem — wenn auch guten Glaubens —
Verschuldeten führen mußte.
     Wenn Ihnen jemand von urplötzlich er-
folgten Erweckungen zu berichten hat, oder
wenn Sie in alten Erzählungen dergleichen
begegnen, tun Sie immer gut, vorsichtig zu
werden und sich zu fragen, ob es sich denn
da tatsächlich um ein Erleben geistiger
Wirklichkeit
, oder nicht vielmehr um sehr
127
Irdisches handle, wie etwa bei dem so viel-
seitig gelehrten armen Swedenborg, der
gerne gut und viel aß, und dem, nach sei-
nem eigenen Bericht, plötzlich beim Essen
ein an der Erde sitzender Mann erschien,
der ihm zurief: „Iß nicht so viel!” und
sich sodann in Nebel und Nichts auflöste,
aber leider Swedenborgs latente „mediale”
Veranlagung
„erweckt” hatte, die ihm
dann dazu dienen mußte, die seltsamsten,
mit krausen Wissenschaftstrümmern unter-
mischten „himmlischen” Einsichten zu pro-
duzieren und einen recht umfassenden ver-
meintlichen „Geisterverkehr” zu pflegen.
     Die wirklichen Erweckungen zum Be-
wußtwerden im ewigen substantiellen Gei-
ste erfolgen niemals erschreckend, sondern
immer in sukzessiver Aufeinanderfolge
der Grade des Wachwerdens. Jeder Grad
muß sich aus dem vorhergehenden von
selbst ergeben. Sollte Ihnen jemals — viel-
128
leicht infolge arger Überarbeitung oder
sonstiger Überlastungen Ihres Nervenhaus-
haltes — ein Geschehnis zustoßen, das Sie
bewegen könnte, es als „plötzliche Er-
weckung” zu deuten, so gehen Sie baldigst
zum Arzt und möglichst zu einem, der
von gehirnlichen Dingen etwas versteht,
aber kein wissenschaftliches Steckenpferd
reitet!
     Die beste Sicherung gegen solchen Ge-
hirnaufruhr, der durchaus nicht ungefähr-
lich ist und zur schönsten Bewußtseinsspal-
tung
führen kann, ist das gelassene Abwei-
sen jeglicher Ungeduld in bezug auf das
Erreichen der Erlebensfähigkeit für Gei-
stiges. Wenn Sie dem nachleben, was in
meinen Lehrbüchern als generelle Anwei-
sungen gegeben ist, und sich daneben auch
an das halten, was Ihnen als „besonders”
für Sie geschrieben erscheint, dann wird
Ihr allmähliches Erwachen von zentraler
129
Stelle aus geleitet werden, und ganz so er-
folgen, wie es für Sie am besten ist.
     Gehen Sie nur in aller Ruhe den Weg
weiter, den Sie in so erfreulicher Weise be-
gonnen haben! Sie sind auf gut abgesteck-
tem, sicher zum Ziele führenden Pfade und
kennen wahrhaftig durch meine Schriften
die Wegmarken auf die Sie von sich aus
zu achten haben. Überlassen Sie aber ganz
Ihrer inneren geistigen Führung, über
deren Wirkungsweise Sie ja nun gut unter-
richtet sind, was Ihnen bei Ihrem zielge-
wissen Voranschreiten bereits gezeigt wer-
den kann, und was Sie erst späterhin er-
warten dürfen! Und vergessen Sie nicht,
daß es sich ja auf Ihrem Pfade nicht etwa
um ein Erwerben irgendwelcher neuen
Wissensgüter handelt, sondern — um ein
Werden, das in vielen Dingen des alltäg-
lichen Lebens gewiß zu einem allmählich
immer deutlicher fühlbaren Anders-werden
130
führt, aber gerade dadurch Sie nach und
nach so umwandelt, daß Sie schließlich
fähig werden, Ihr Ewiges bewußtseinsge-
wiß in sich zu erleben.
     Alle hohe Hilfe sei mit Ihnen!
131
#
SIEBZEHNTER BRIEF
Jakob Böhme war wahrhaftig nicht nur
„der Görlitzer Schuster”, wie ihn Leute
eines mehr als nur fragwürdigen Ge-
schmacks zu bezeichnen lieben. Er war
auch nicht bloß „ein Schuhmacher, und
Poet dazu”. Alle diese platten Anspielun-
gen auf sein, gewiß keine höhere Wissens-
bildung voraussetzendes, brotbringendes
Gewerbe sind unzulässig. Was ich in der
kleinen Sammlung einzelner für sich be-
stehender Abhandlungen, die ich unter
dem Titel „Wegweiser” herausgab, über
Jakob Böhme gesagt habe, will, wie Sie
richtig verstehen, darauf hinweisen, daß
Böhme angenommener, geistig berufener
Schüler der Leuchtenden des Urlichtes war.
Ihm selbst war dieser Umstand etwas so
Heiliges, daß er eine Wolke von Geheimnis
darüber zu legen wußte. So viel auch über
132
Böhme geschrieben wurde, so war doch
niemand in der Lage, dieser geistigen Be-
ziehung gerecht zu werden. Allerdings gibt
Jakob Böhme die Schilderungen seiner gei-
stigen Erlebnisse und Einsichten auch in
so barocker und eigenwilliger Form, die
durch den falschen Gebrauch der ihm durch
seine gelehrten Freunde bekannt gewor-
denen lateinischen und latinisierten Worte
nur noch krauser wird, daß man schon selbst
sehr genau um solches Erleben wissen muß,
um zu erkennen, was er jeweils darstellen
wollte.
     Anders aber steht es um die deutschen
Mystiker, wie den Frankfurter Deutsch-
ordensherrn unbekannten Namens, der die
„Theologia deutsch” geschrieben hat, um
Tauler, Seuse, Meister Eckhart.
     Das waren grundgelehrte Männer, die
auf harten philosophischen Wegen zu ihren
Erkenntnissen kamen, die sie dann nur
133
schwer vor der kirchlichen Verdammung
bewahren konnten.
     In der entgegengesetzten Situation war
der gelehrte Dichter Johann Scheffler (An-
gelus Silesius), der sich als Protestant zu-
letzt in den Katholizismus rettete, indem
er sich jegliche katholische Lehre in ein
poetisch gesehenes Symbol umdeutete.
     Eine für mein Gefühl ganz für sich zu
betrachtende Erscheinung ist der im tief-
sten Sinne „fromme” Kanonikus Thomas
a Kempis, der die von so viel ruhegeben-
der Gütigkeit erfüllten, freilich ganz ka-
tholisch gemeinten vier Bücher von der
Nachfolge Christi geschrieben hat.
     Aber alle diese Männer standen keines-
wegs in einem bewußten Verhältnis zu den
Leuchtenden des Urlichtes, wenn sich auch
bei ihnen allen einzelne Aussprüche finden
lassen, durch die man versucht werden
könnte, doch anzunehmen, daß wenigstens
134
die verborgene Existenz der Leuchtenden
des Urlichtes in den Kreisen mittelalter-
licher deutscher Mystiker geahnt wurde.
     Daß aber diese, ohne es zu wissen, so
manche geistige Hilfe und Leitung von der
vielleicht geahnten Quelle her empfingen,
ergibt sich schon aus dem, was ich Ihnen
seinerzeit über die Natur dieser Geisthilfe
mitteilte, ist aber auch aus den Predigten
und Schriften Taulers, Seuses und Meister
Eckharts deutlich zu ersehen, sobald man
gewissen Bekenntnissen und Lehrworten
das ihnen oft recht schlecht passende kirch-
liche Gewand behutsam von den Schultern
nimmt, auf die es gelegt worden war, um die
also Lehrenden vor dem Scheiterhaufen zu
schützen. Auch bei Thomas a Kempis und
dem in erster Linie als mystisch empfinden-
den Dichter zu betrachtenden Angelus Sile-
sius zeigt sich der geistige Einfluß der Leuch-
tenden des Urlichtes an vielen Stellen.
135
     Bei aller Verehrung aber, die ich für diese
alten deutschen mystischen Theologen und
Philosophen hege, — bei aller Liebe die ich
dem wundersam stillen und feinen Thomas
a Kempis entgegenbringe, und bei aller
Freude an dem prachtvoll knappen, auch
manchmal gar streitbaren Angelus Silesius,
muß ich Ihnen aber einstweilen doch raten,
vorläufig noch mit dem Studium irgend-
welcher mystischen Schriften solange zuzu-
warten, bis Sie fühlen, Ihres eigenen Weges
so sicher zu sein, daß auch gelegentliches
Begehen von Seitenwegen Sie nicht mehr
in der Richtung auf Ihr Ziel irremachen
kann.
     Dieser Rat soll Sie aber nur vor allzulan-
gen Aufenthalten auf Ihrem Wege bewah-
ren, denn während der Zeit, die Sie benö-
tigen würden, sich ein Urteil zu bilden, das
Ihnen später ohnedies ganz von selbst zu-
fällt, können Sie schon wieder ein gutes
136
Stück näher zu Ihrem Ziele gelangt sein.
Vergessen Sie auch nicht, daß es sich bei den
Schriften aller der genannten Männer —
mit alleiniger Ausnahme Jakob Böhmes —
um in hartem Ringen mit sich selbst er-
dachte und erglaubte, wenn auch zuweilen
bis zum inbrünstigen Gefühls-Erlebnis ver-
dichtete Ansichten über die Welten des
ewigen Geistes handelt, während Sie das
fast unbegreifliche Glück genießen, von An-
fang an auf den Weg in die ewige Wirklich-
keit
geführt worden zu sein...
     Seien Sie mit allem Segen gesegnet, der
mir anvertraut ist als durch meinen Willen
lenksame, geistige reale Kraft!
137
#
ACHTZEHNTER BRIEF
Menschen, die in ihrem besonderen Le-
bensgebiet derart „daheim” sind, daß ihnen
alles Große und Kleine, was von diesem
Gebiet ihrer Verankerung umfaßt wird,
bis ins Letzte vertraut ist, werden zuweilen
plötzlich gewahr, daß sie unwillkürlich
gleiche Vertrautheit mit allem ihnen so
Verständlichen auch bei anderen Menschen
voraussetzen, denen dieses Lebensgebiet
entweder gänzlich fremd oder doch neu
ist. Recht ähnlich geht es auch mir, wenn
ich von den Dingen der Ewigkeit: — den
Dingen des ewigen substantiellen Geistes,
— in Worten Darstellung formen soll. Es
bedarf da gar oft erst eines immer wie-
derholten Wägens und Wertens der ge-
brauchten Worte nach allen Seiten hin, bis
ich dann doch zuletzt bemerke, daß eine
Redewendung der Gefahr nahe ist, miß-
138
verständlich ausgelegt werden zu können,
oder daß Bezeichnungen, die ich synony-
misch
verwende, der Meinung Nahrung
geben, ich wolle sie in verschiedenem Sinne
aufgefaßt wissen. Da ich der Struktur des
Lebens im ewigen Geiste durch mein eige-
nes ewiges Leben in ganz selbstverständ-
licher Weise bewußt bin, kann mir meine
Darstellungsweise unmißdeutbar erschie-
nen sein, bis ich dann eines Tages durch
eine an mich gerichtete Frage mit einigem
Entsetzen entdecken muß, daß man mich
dennoch mißzuverstehen verstand.
     Aber Ihre, den Begriff „Gott” betreffende
Frage in Ihrem kürzlich an mich gelangten
Briefe ist anders zu nehmen. Während mir
sonst, wie ich eben darlegte, die Neigung
begegnete, von mir synonym gebrauchte
Worte als Bezeichnungen für voneinander
verschiedene Begriffe aufzufassen, gewahre
ich Sie vielmehr bei der Meinung, von mir
139
für zu unterscheidende Begriffe gebrauchte
Worte seien wohl als Synonyme anzuspre-
chen. Das ist aber hier nicht richtig, wenn
ich auch gut begreife, was Sie zu Ihrer
Meinung bewogen hat.
     Es handelt sich hier um Gegebenheiten
innerhalb der Struktur geistigen Lebens,
die dem irdischen Verstande kaum faßbar
und in Worten fast nicht unmißverständlich
darzustellen sind, wobei nach dem Irrtum
geradezu gerufen wird durch das, was als
herkömmliche Gottesvorstellung in den
Gehirnen aufbewahrt, und sogleich als das
Gemeinte betrachtet wird, auch wenn in
einem davon recht verschiedenen Sinne von
„Gott” zu sprechen ist, — nicht als einem
Postulat des Glaubens, sondern als dem
innersten Selbstbewußtsein aller ewigen
geistigen Wirklichkeit. — Nur so will ich
das Wort „Gott” erfaßt wissen, wo immer
es von mir gebraucht wird. Aber es ist
140
hier nicht etwa an ein verstandesmäßiges
Eigenbewußtsein zu denken, sondern die-
ses innerste Bewußtsein, das sich immer-
fort aus dem ewigen Geiste aufs neue er-
zeugt, — diese, dem unermeßlichen All des
einzigen Seienden entströmende sublimste
Selbstüberlichtung und innerste Essenz des
ewigen substantiellen Geistes, — ist zu-
gleich ewig wirkender Wille und uner-
schöpfbare Kraft, in Maß und Milde allein
sich offenbarend, bewogen, einzig durch
eigenes innewohnendes Gesetz.
Suchet nicht Gottheit im Grauen der
        Gründe
Drohender Tiefe und schauriger Schründe!
Suchet nicht Gott im brüllenden Brausen
Brandender Meere, wenn Sturmwinde
        hausen!
Suchet nicht Gott in den Donnergewittern,
Denen die Felsen der Erde erzittern!
141
Suchet ihn nicht über Welten und Sonnen, —
Nicht im Genießen von maßlosen Wonnen!
Wollt ihr einst Gott in euch selber finden,
Müßt ihr die Furcht wie die Gier über-
        winden!
Träumt nicht von euch unerreichbaren
        Fernen: —
Gott ist euch näher als jeglichen Sternen!
*
Alles ist in Gott, und Gott ist in Allem!
Primär in seinen ihm eigenen Wurzelbe-
zirken: „Ursein”, „Urlicht” und „Urwort”,
wie in seiner Selbstgestaltung, dem „Va-
ter” — sekundär in allem unsichtbaren,
wie in allem sichtbaren Leben.
     Das darf aber nicht etwa so verstanden
werden, als predigte ich da eine Art „Pan-
theismus”, und ebensowenig ist es mein
Wille, das was Gott ist, als „Person” er-
scheinen zu lassen. Auch „Ursein”, „Ur-
142
licht” und „Urwort” sind wahrhaftig nicht
„Personen”, wie etwa im christlichen Tri-
nitätsdogma: Vater, Sohn und Geist! Und
was den Leuchtenden des Urlichtes „der
Vater” ist, darf hinwiederum nicht im
Sinne dieses Dogmas
aufgefaßt werden.
     Wir kennen und lehren die Wirklichkeit,
nicht irgendeine Glaubenslehre!
     Im Wirklichen aber: — in der Struktur
des geistigen Lebens, besteht ein Mono-
theismus, der auch polytheistische Ausle-
gungen verträgt, ohne dadurch zu sich selbst
in ein Mißverhältnis gebracht werden zu
können.
     Der Gott der Wirklichkeit ist nicht, wie
gesagt wird: „das höchste Wesen”! — Das
ist vielmehr — der Vater, der sich selbst
in die Formen der zwölf Väter ausstrahlt,
die seine Wirkungsaspekte sind. Gott aber
ist nicht „Wesen”, sondern: — hier in be-
sonderem, einmaligen Sinne gemeint, —
143
die Wesenheit in allem, was wesenhaft
wirklich ist. So im „Ursein”, „Urlicht”
und „Urwort”! So im „Vater” in allen
seinen Aspekten!
     Der Vater aber ist — „Mensch” im Ur-
sein, im Urlicht, im Urwort: — der sich
selber ewig zeugende Ur-Geistesmensch
und das Maß aller Dinge die aus ihm Ge-
staltung erlangen, daher auch des Ewigen
im Erdenmenschen! —
     Gott ist ebenso absoluterweise Gott in
den „Vätern”: — der Offenbarungsform
des Vaters, — wie im Ursein, Urlicht und
Urwort. Für sich selber aber ist das, was
Gott ist, auch nur in sich selber „Gott”: —
die Wesenheit an sich selbst, — aber von
allem anderen in ihm Seienden im ewigen,
substantiellen geistigen Leben aus „ge-
sehen”, ist Gott Wesenheit allen Wesens!
— Und „Wesen” ist Wirklichkeit aus „We-
senheit”!
144
     Ich stelle aber hier kein „Nebeneinan-
der” oder „Übereinander”, sondern das
„Ineinander” der Struktur ewigen, geistig-
substantiellen Lebens dar, soweit ich es
durch Worte irdischer Sprache vermag.
     Man sage nicht, daß die Darbildung des
ewigen Wirklichen für den Menschen auf die-
ser Erde praktisch zwecklos sei, da dieser
hier für ganz andere und ihn leiblich näher
angehende Fragen nach Lösung zu suchen
habe! Kein Mensch auf Erden kann vielmehr
die von jedem bewußt oder unbewußt er-
sehnte innere Ruhe und Erlösung seiner
Seele finden, solange sein Vorstellungs-
haushalt noch nicht gänzlich konform mit
der Struktur ewigen geistigen Lebens ge-
ordnet ist.
     Sie sehen, daß Ihre Frage bei mir gewiß
nicht in die Gefahr geraten konnte, für
„unangebracht und überflüssig” gehalten
zu werden, wie Sie meinten, denn die ge-
145
ringste von der Wirklichkeit abweichende
Vorstellung von der Struktur des ewigen
geistigen Lebens läßt Sie nicht zu der Auf-
nahmefähigkeit für Geistiges kommen, die
Sie doch zu erlangen suchen.
     Bleiben Sie im Segen des Lichtes!
146
#
NEUNZEHNTER BRIEF
Sie irren, wenn Sie glauben, ich könnte
am Ende doch „ungeduldig” werden, weil
Sie nun „schon wieder zu einer Frage ge-
zwungen” sind. Ich kann es vielmehr recht
gut nachfühlen, daß Sie den Gebrauch des
Wortes „Wesen” bisher von sich aus an-
ders gewohnt waren, und darum beun-
ruhigt sind, wenn Sie die bei mir an an-
deren Orten auch synonymisch gemeinten
Worte „Wesen” und „Wesenheit” auch
als zwei verschiedener Begriffe Zeichen ge-
braucht sehen.
     Nun will ich gewiß die Dinge, die ich
darstelle, möglichst konturklar zur Dar-
stellung bringen, aber gerade hier sehe ich
mir sprachlich keine andere Möglichkeit
gegeben, das, was ich sagen will, zu sagen,
als indem ich verlange, daß man den Be-
griff „Wesenheit” für das Wesen-Gebende
147
gelten läßt. Das höchste „Wesen” aber ist
dadurch „Wesen”, daß es in der „Wesen-
heit” ist wie sie in ihm
, und wenn ich
darstellen will, was ich darzustellen habe,
müssen mir beide Worte als Bestimmungen
zur Verfügung stehen. Nicht anders, als
wenn ich einem Menschen, der nach hun-
dert Jahren wieder irdisch auferstanden
wäre, nun klarmachen sollte, daß ein Elek-
tromotor sich nur dann bewegt, wenn er
unter Elektrizität steht. Auch da müßten
mir die Worte für Bewegtes und für das
Bewegende, zu Gebote stehen. Dieser Ver-
gleich hinkt jedoch beträchtlich, denn mir
ist „Wesenheit” nicht bloß das Bewegende
des Wesens, sondern vielmehr in erster
Hinsicht des Wesens Allerinnerstes, — ver-
gleichend gesagt: sein lebendiger „Kern”!
     Aber ich bin weit davon entfernt, hier
ein Spiel mit Worten treiben, oder darum
streiten zu wollen, welche konventionelle
148
begriffliche Bedeutung den hier in Rede
stehenden Worten zugemessen werden darf.
Ich gestehe Ihnen ohne weiteres das Recht
zu, für das, was ich die „Wesenheit” nenne,
durch die allein „Wesen” möglich ist, ein
anderes, zu Ihnen eindringlicher sprechen-
des Wort zu setzen.
     Einzig „wesentlich” ist ja nur, daß Sie
nachfühlend erfassen, was ich meine, denn
das Gemeinte ist so ganz und gar allen Ge-
dankenbereichen entrückt, daß es nie und
nimmer zu erdenken wäre, auch wenn die
scharflinigsten Gedankenbilder es zu ge-
danklicher Gestalt zu bringen suchen woll-
ten.
     Aber die Mühe, das von mir hier Ge-
meinte im Nachfühlen fassen zu lernen,
kann ich Ihnen allerdings nicht ersparen,
wenn ich Sie geschützt sehen will vor Irr-
tum gegenüber dem, was ich von der „Ge-
burt” Ihres „lebendigen Gottes” in Ihrer
149
ewigen Menschenseele sage, denn eben hier
handelt es sich um nichts anderes, als um
die von mir gemeinte „Wesenheit”, die
auch dem individuellen Erdenmenschen in
der, seiner Individualität auf das genaueste
entsprechenden Form bewußt werden kann
und durch die allein er wesenhaft zu wer-
den vermag in Ewigkeit wie Zeit. —
     Der „Vater” ist nur den Leuchtenden
des Urlichtes
, die seine eigene Zeugung
durch seine Offenbarungsform: — die
zwölf „Väter” — darstellen, bewußtseins-
zugänglich
, und zwar jedem einzelnen
Leuchtenden in der Form dessen unter
den zwölf mit dem Vater alle identischen
Vätern, der diesen individuellen Leuchten-
den individuell im Urwort „zeugte”. Der
lebendige Gott” aber, von dem ich als
von der einzigen, allen Erdenmenschen
praktisch erreichbaren Selbstoffenbarung
Gottes spreche, kann jedem Menschen auf
150
Erden, — soweit dieser selbst sich dazu
vorzubereiten weiß, — seelisch erlebbar
werden, was ich mit einer „Geburt” Gottes
in der Seele vergleiche.
     Meine Bücher sind ja nur deshalb ge-
schrieben, damit durch sie die hier er-
wähnte unumgänglich notwendige Vor-
bereitung in die rechte Bahn gelenkt
werde. Da aber fast alle Menschen — mit
verschwindenden Ausnahmen — so tief
in ihrem Verstandesbewußten versunken
sind, daß auch der Dumpfeste, der nur mit
ein paar kläglichen Gedanken sich beschei-
det, dennoch sein Leben, statt in seiner
Wirklichkeit, nur „in Gedanken” lebt, und
dieses In-Gedanken-leben ebenso für sein
wirkliches Leben hält, wie der an Gedanken
Reichste, so war es nötig, aufzuzeigen, wo
die für das Erleben ihres lebendigen Gottes
der Seele gesetzte Vorbereitung innerhalb
der Struktur des ewigen substantiellen gei-
151
stigen Lebens ihren Platz hat. Das konnte
aber nicht anders geschehen, als nur durch
eine Darstellung alles dessen, was vom ewi-
gen Leben des substantiellen Geistes um-
faßt wird, und ich durfte nichts, was irgend-
wie Klärung zu bringen geeignet war, nur
deshalb unerwähnt lassen, weil es nicht für
jeden
erlebbar wird. Ich mußte sehr vieles
bringen, wenn ich bewirken wollte, daß
sich doch mancher zu dem Wenigen ent-
schließen würde, was meine Bücher von
jedem, den sie erreichen, als Mindestes
erwarten.
     Empfangen Sie meinen Segen und ler-
nen Sie immer mehr erkennen, daß jede
Bezeichnung geistiger Dinge mit der Un-
möglichkeit rechnen muß, wirkliches gei-
stiges Leben durch ein Wort der Sprache
zu umschließen!
152
#
ZWANZIGSTER BRIEF
So fraglos bereit Sie mich immer finden
werden, wo ich Ihnen oder Anderen helfen
kann auf dem Wege zum Bewußtwerden
im ewigen Geiste, — so freudig ich alles
aufbiete, um Ihnen und Anderen die Vor-
bereitungen treffen zu helfen, die unum-
gänglich von Ihnen getroffen werden müs-
sen, wenn Ihr lebendiger Gott sich leibhaf-
tig und Ihnen bewußt in Ihrer Seele „ge-
bären” können soll, so sehr muß ich doch
darum bitten, daß man niemals versuche,
mich in Gebiete nötigen zu wollen, deren
— ach so sehr — zeitbedingte Probleme ich
mir kategorisch fernzuhalten gezwungen
bin, wenn ich dem mir allein Möglichen
geistig gerecht werden soll.
Ich muß mir meine Zelle gut verwahren,
Vor all dem Lärm um nichtiges Geschehen,
Vor allem großgebärdigen Gebaren
153
Um Dinge, die sich wandeln,
Wie der Winde Wehen.
Ich kann unmöglich allen Rede stehen,
Und allzugleich, in geistigem Geschehen,
Die Bande lösen, die doch alle binden,
Und die gelöst sein müssen,
Soll sich Irdisches
Im Lichte finden.
*
     Es ist wahrhaftig keine Gleichgültigkeit
gegenüber den alltäglichen Erdensorgen
meiner Mitmenschen, die zu diesem, streng
von mir geforderten, Abweisen aller dem
ewigen Geistigen fernen Fragen führt! Es
gibt Menschen genug, die sich der Lösung
solcher Fragen widmen, aber es gibt in der
Gegenwart und bis auf sehr ferne Erden-
zukunft hin keinen einzigen Menschen
außer mir, der das Werk rein geistiger Se-
gens-Hilfe an Allen, die sie zu empfangen
vermögen, zugleich mit der mir obliegenden
154
wortgeformten Kündung aus einem irdi-
schen Sprachbereich her, geistig gültig
durchzuführen vermöchte. So erfordert
schon eine bloße Ökonomie der Nutzung
erdmenschlicher Möglichkeiten, daß ich
mich nur da ausgebe, wo singuläre Leistung
für meine Mitmenschen hier auf Erden mir
allein
ermöglicht ist, wo aber jeder andere
heutige Mensch seine Kräfte nutzlos ein-
setzen würde, wollte er, etwa vom Irdischen
her, den törichten Versuch unternehmen,
den Dingen vorzustehen, die ich nur darum
zu leiten vermag, weil ich sie aus meinem
ewigen Sein
beherrsche.
     Ich will nicht Worte gebrauchen, die im
Laufe zweier Jahrtausende den sie ver-
ehrenden Menschen auf eine einmalige
Weise heilig wurden, aber ich muß hier
dennoch auf meine ewige geistige Her-
kunft hinweisen, in der ich unlösbar im
Vater” und mit ihm Eines bin in dem
155
individuell bestimmten, der zwölf „Väter”,
durch den mich der Vater geistig im Ur-
licht „zeugte”. So sind es auch nur die
Dinge des Vaters
, denen ich heute, — hier
nun dem Irdischen in dem verbunden,
der sich mir, vordem die Erde ward, im
Geiste dargeboten hatte, — Ausdruck zu
schaffen trachte. Mein irdisches Dasein be-
sitzt seinen Sinn nur in dem vor Ewig-
keiten zugeschworenen Dienste, den es
mir, dem Geistgezeugten, heute darzu-
bieten hat in seiner ihm bestimmten Er-
denzeit.
     Verwunderlich wäre wahrhaftig, wenn
es auch Anderem dienen könnte!
     Wie die Dinge zwischen Geburt und Grab
so gestaltet und gelebt werden können, daß
die durch sie entstehenden Wirkungen ins
Unsichtbare und bis in die Welten des ewi-
gen Geistes hinein, der Seele zu kraftvoller
Förderung werden, habe ich an jeder Stelle
156
meiner Schriften gezeigt, an der ich diese
Dinge erörtere.
     Wer sich Rat holen will, muß ihn darum
in diesen Schriften suchen, wo er ihn leicht
finden kann, wenn er das dort Gesagte auf
den besonderen Fall anwendet, der ihn be-
ratungsbedürftig findet, auch wenn sein
Einzelfall dabei erst aus der Verstrickung
der zeitlichen Umstände gelöst werden
muß, sollen die auf ihn beziehbaren Worte
erkennbar werden.
     So kann ich auch Sie nur darum bitten,
das, was ich geschrieben habe, zu befragen,
denn es würde der Struktur des ewigen
geistigen Lebens, — in die ich eingeordnet
bin und aus der ich zu wirken habe, was
meines Werkes ist, — diametral entgegen
handeln heißen, wenn ich mich in die ir-
disch gegebenen, wechselreichen Probleme
und Fragen einmischen wollte, die eines
jeden Einzelnen selbst zu verantwortende
157
und nur von ihm allein zu entscheidende
Angelegenheiten sind.
     Sie werden verstehen, daß es mir, wenn
ich ohne entgegenstehende Verpflichtung
zu urteilen berechtigt wäre, wahrhaftig
leicht fallen würde, Ihnen eine Antwort zu
formulieren, der Sie auch dann genötigt
wären, zuzustimmen, wenn sie Ihrer eige-
nen Meinung recht fern stünde. Aber ge-
rade solche Nötigung, die unwillkürlich
entstünde und unvermeidbar wäre, ver-
bietet mir verpflichtendes geistiges Ge-
setz. —
     Mögen Sie im Segen des Lichtes das für
Sie Richtige in sich selber finden!
158
#
EINUNDZWANZIGSTER BRIEF
Wenn Sie den „Vater”, — der Ihnen ja
nicht bewußtseins-zugänglich ist, obwohl
auch Sie aus ihm leben, — als „sich in zwölf
Selbstreflexionen erlebende Einheit
” auf-
fassen wollen, so entfernen Sie sich durch-
aus nicht von der Wirklichkeit. Nur müssen
Sie dann die alle zwölf „Selbstreflexionen”
umfassende zwölfeigene Einheit als ein
Dreizehntes hinzufügen, wie es wohlweis-
licher Gebrauch „Wissender” der Vorzeit
war. Es ist mit Sicherheit zu sagen, daß
die in den Evangelien berichtete Zwölfzahl
der Jünger, mit Jesus als dem sie alle gei-
stig umfassenden Dreizehnten, hierher-
gehört, während ich gerne der Archäologie
das Urteil darüber anheimstelle, ob nicht
auch die „Zwölf Götter” der Ägypter, der
Griechen und der frühesten Einwohner
Italiens, wie der späteren Römer, in glei-
159
chem Sinne aufzufassen sind, wobei es
durchaus belanglos ist — wie ich ja schon
in einem früheren Briefe bei anderem An-
laß erklärte — daß unter diesen „Zwölf
Göttern” auch weiblich gedachte zu finden
sind. Wenn ich auch für manche, meinem
geistigen Erfahren bedeutsame äußere Be-
richte der archäologischen Wissenschaft
dankvoll verpflichtet bin, so weiß ich doch
leider nicht, ob Anhaltspunkte gegeben
sind, eine alle „Zwölf Götter” umfassende
oder ihnen allen innewohnende Gottgestalt
in geglaubter Beziehung zu ihnen zu ver-
muten. Auf diese dreizehnte Gestalt aber
käme es an, wenn man ebenso mit aller
Sicherheit den „Zwölf Götter”-Kultus auf
den ewigen „Vater” bezogen sehen sollte.
Was aber den Kreis der „Zwölf” um Jesus
angeht, von denen jeder Zugehörende in
den Berichten namentlich aufgeführt ist,
so taste ich nicht etwa die Geschichtlichkeit
160
dieser Männer an. Man hätte nur auch we-
niger
oder ebenso mehr der Schüler Jesu
in so besonders betonter Weise nennen
können, wenn hier nicht eine Parallele zu
dem Vater-Mysterium hätte sichtbar wer-
den sollen, das ja zu Jesu Zeit nicht nur
einzelnen „Wissenden”, sondern ganzen
Mysterienvereinen bekannt war, aus denen
später viele Anhänger der Lehre Jesu
kamen.
     Ihre Frage zeigt Sie mir aber in einer
gewissen Bereitschaft, sich unnützen Grü-
beleien
zu überlassen, was keinesfalls för-
dernd für Sie wäre. —
     So bedeutungsvoll es auch für Sie ist,
zu klarer richtiger Gottesvorstellung zu ge-
langen, so wenig kommt es darauf an, die
auf Ihrem Wege Ihnen erscheinenden neuen
Einsichten, und die sich aus ihnen ergeben-
den Begriffe auf alle möglichen Auffassungs-
arten hin zu untersuchen. Wenn die Turm-
161
uhr „Sieben” schlägt, so genügt es durch-
aus, daß Ihnen diese Stundenzahl bewußt
wird, und dabei bleibt es sich gleich, ob
Sie nun dahinter gekommen sind, daß man
den in genau gleichen Intervallen ertönen-
den Schlägen unwillkürlich einen von aller-
lei Körperlichem bestimmten Rhythmus
unterlegt, der ebensogut:
1 ∙ 2 — 3 ∙ 4 — 5 ∙ 6 — 7 lauten kann,
wie auch: 1 ∙ 2 ∙ 3 ∙ 4 — 5 6 ∙ 7,lauten kann,
oder: 1 ∙ 2 3 — 4 ∙ 5 6 — 7.lauten kann,
     Meldet sich in Ihrem Gehirn plötzlich
der Gedanke, daß man einer geistigen Tat-
sache, von der Sie durch mich gehört ha-
ben, auch auf irgendeine andere Art ge-
dankliche Darstellung zu geben versuchen
könne, so folgen Sie ihm ruhig, aber neh-
men Sie das Resultat als etwas ganz Selbst-
verständliches hin, ohne sich in eine Art
Entdecker-Erregung bringen zu lassen, die
162
Ihnen nur die Perspektive verdirbt, aus
der Sie das, was Ihnen bereits klar wurde,
sehen und fassen lernten. So viel Blick-
punkte, so viel Auffassungen sind möglich,
und alle können richtig sein, wenn sie nur
alle das klare, unverzeichnete Bild dessen
ergeben, was aufgefaßt werden soll!
     Und das Resultat Ihres Mühens allein
gibt diesem Mühen die Rechtfertigung,
einerlei, ob Sie die Schranktüre öffnen,
indem Sie den Schlüssel krampfhaft in sei-
ner Lage im Schloß erhalten und durch
zwei Männer den Schrank um die Schlüssel-
achse drehen lassen, oder ob Sie die etwas
einfachere Methode wählen, den Schlüssel
ins Schloß zu stecken und umzudrehen,
während Sie den Schrank ruhig stehen
lassen, wo er steht. —
     So ist auch die gehirnliche Konzentration
auf ein bestimmtes, seelisch zu Erfassen-
des, keine über die Kräfte des Einzelnen
163
gehende Aufgabe. Man darf allerdings nicht
damit anfangen, allen anderen Gedanken
Krieg zu erklären, in der holden Illusion,
dann auf dem leeren Schlachtfeld sich so
recht ungestört mit dem gewünschten Ge-
danken unterreden zu können! Eine richtig
eingeleitete gedankliche Konzentration —
die man ja auch im Alltagsleben oft recht
nötig haben kann — läßt sich vergleichen
mit dem Suchen eines bestimmten Ortes
am Horizont, von einem Aussichtspunkte
her. Unzählige Formen überfliegt der Blick
auf der Suche nach dem Gesuchten. Diese
Formen verschwinden nicht etwa, noch
werden sie von dem sein bestimmtes Ob-
jekt Suchenden als Belästigung empfunden.
Er trägt viel zu intensiv das Nahbild des
Gesuchten in sich. Aber es ist gerade dieses
Nah-Bild des Gesuchten, das zuerst am
Auffinden hindert, — bis dann dem Sucher
zu Bewußtsein kommt, daß er ja jetzt das
164
Fern-Bild allein zu erwarten hat, wonach
er dann bald das Gesuchte am Horizont ge-
wahren wird. War das Nahbild vielleicht
ein mächtiger Turm, so ist allerdings viel-
leicht jetzt nur eine aus den vielen an-
deren Formen herausragende Silhouette
von der Größe einer Nadelspitze als Fern-
bild gegeben, aber nun weiß der Sucher
dieses gesicherte Fernbild leicht festzu-
halten oder sogleich wieder aufzufinden,
ohne sich im mindesten durch die vielen
anderen Formen am Horizont irgendwie
gestört zu fühlen.
     Die Nutzanwendung dieses Vergleiches
ist leicht zu finden.
     Will man zur wirklichen Konzentration
kommen, dann muß man sich vor allem
darüber klar werden, wie sich das Objekt,
auf das man sich zu konzentrieren beab-
sichtigt, von dem eingenommenen eigenen
Standpunkt her erkennen lassen kann.
165
Auch in der Gedankenwelt gelten Gesetze
einer Art „Perspektive”!
     Hat man sich dann vorgestellt, in welcher
Form
das Objekt der Konzentration ver-
nünftigerweise fixiert zu werden vermag,
dann ist es in dieser Form aufzusuchen und
gedanklich zu „betrachten”, wobei alle
anderen gegenwärtigen Gedanken nur zu
ignorieren sind, aber niemals bekämpft
werden dürfen, weil sie ja gerade dadurch —
zur Aktion aufgerufen — das Ignorieren
unmöglich werden lassen müßten. Auch
der Wanderer, der von seinem Aussichts-
punkt aus die von ihm gesuchte Kirchturm-
spitze gefunden hat, sieht optisch zugleich
alles, was sich in seinem Gesichtsfeld be-
findet, — mag es sich um unbewegliche Ge-
staltungen handeln, oder um das, was
kommt und geht. Alles das aber wird ihm
kaum bewußt, solange ihm das gefundene
Fernbild Anlaß bietet, sich mit der Wirk-
166
lichkeit, die ihm entspricht, innerlich zu
beschäftigen.
     Möchte Ihnen mein heutiger Brief wie-
der über einige Schwierigkeiten hinüber-
helfen!
     Empfangen Sie allen Segen!
167
#
ZWEIUNDZWANZIGSTER BRIEF
Was Ihnen da jetzt klar geworden ist, kann
ich freudig begrüßen, und ich begreife, daß
Ihnen bei dieser „Entdeckung” zumute
war, als seien Ihnen endlich die Augen „ge-
öffnet” worden. Ich weiß ja sehr wohl auch
heute noch die Gründe zu achten, die mich
damals, als ich „Das Buch vom lebendigen
Gott” schweren Herzens der Öffentlichkeit
übergab, bewogen hatten, mich zuweilen
schützender Verhüllung zu bedienen, aber
es ist mir auch möglich, nachzufühlen, wie
befreiend das Bewußtsein empfunden wer-
den mag, nun mit aller Gewißheit zu wissen,
was unter der Hülle sich vor wenig erfreu-
lichen Blicken verbirgt.
     Mit Willen hatte ich aber zugleich durch
solche Verhüllung dem Leser die Möglich-
keit gelassen, sich die geistige Gemeinsam-
keit der Leuchtenden des Urlichtes nach
168
seiner eigenen Weise vorzustellen, damit
er nicht zurückscheue vor einem vermeint-
lichen Glaubenspostulat. Daß der Wahrheit
aber nirgends Gewalt angetan wurde, wis-
sen Sie jetzt ja am besten selbst zu beur-
teilen, nachdem Sie nun erkannt haben,
daß das „Oberhaupt”, von dem ich sage,
es werde „nicht gewählt” und „nicht er-
nannt
”, aber dennoch sei niemals einer
aus der Vereinung der Leuchtenden im
Zweifel, wer es sei, —: der „Vater” ist, als
dessen geistgezeugte Söhne wir Leuchten-
den des Urlichtes uns innerhalb der Struk-
tur des geistigen Lebens an der uns ge-
gebenen Stätte wissen. Daß ich die ge-
brauchten Bilder und Gleichnisse mißver-
standen sehen würde, bezweifelte ich nicht,
aber niemals hätte ich geglaubt, daß einer
von denen, für die meine Bücher wirk-
lich geschrieben wurden, mich falsch ver-
stehen könne, wenn ich es nicht bisher
169
oft genug hätte erleben müssen. Sie selbst
sagen ja, daß es Ihnen erst jetzt endlich
„wie Schuppen von den Augen gefallen”
sei...
     Solche „Schuppen” scheinen aber noch
viele Augen zu bedecken, die ich wahrlich
von ihnen frei geglaubt hatte und nicht
erst befreiungsbedürftig.
     Ist denn so schwer, richtig seinem tie-
feren
Sinne nach, zu deuten, was ich nur
deshalb so behutsam umkleidet habe, da-
mit es den unsauberen Blicken derer ent-
gehen möge, für die es nicht erkennbar
sein soll?! Was mich betrifft, so bin ich ja
oft versucht, mich manchen Danebenver-
stehens, das mir begegnet, erleichtert zu
freuen, weil es mir wirklich wenig ange-
nehm wäre, von jedem verstanden zu wer-
den. Allein um der zum Erwachen im
Geiste Fähigen willen muß ich mich offen-
baren! Aber was hier zu offenbaren ist,
170
macht diese Pflicht zu einer wahrlich nicht
begehrten Last. —
     Zahlreich sind daher auch die Stellen, be-
sonders in den zuerst erschienenen meiner
Bücher, an denen ich — kaum daß ich mich
im Irdischen überwunden und zu mir selbst
im ewigen Geiste bekannt hatte — mich
sogleich wieder hinter meinem Nur-erden-
haften zu verbergen suchte. — Möglichkeit
zu solchem Mich-verschwindenlassen hin-
ter meinem Zeitlichen bot diesem ja immer
der glückhafte Zustand, daß in meiner
Selbstbezeichnung „Ich” ebenso mein ir-
disch Vergängliches
wie mein urewiges
substantielles geistiges Sein
sich ausspre-
chen kann, da sie ja allem mich ewig Dar-
bildenden wie allem mir nur auf Zeit-
dauer
Eigenen dient.
     Ich verrate Ihnen freilich hier kein Ge-
heimnis, nachdem ich mich aus Gründen,
die mir wahrhaftig beträchtlich genug er-
171
schienen, entschloß, die drei nun neuer-
dings veröffentlichten kleinen Bände dar-
zubieten, die in rhythmisch geordneter
Form eine Folge von Bekenntnissen ent-
halten, wie sie der irdische Mensch sich
nur schwer, und nur im Angesichte der
letzten Dinge allenfalls abringen läßt.
     Aber selbst hier betrachtet der Verkün-
der immer wieder gerne sein Ewiges eben-
so, wie mein mir von Ewigkeit her Be-
wußtes auch aus der erdgemäßen Perspek-
tive seiner zeitbedingten Vergänglichkeit,
und es wird also auch hier, wie schon an
anderen Orten, Ihnen überlassen bleiben
müssen, zu erfühlen, was jeweils spricht,
da ich durchaus nicht gesonnen war, die
Empfindungen des Zeitlichen, das die
Möglichkeit meiner Offenbarung schafft,
um meines ewigen Seins willen ohne Not-
wendigkeit zu unterdrücken.
     Die Empfindungen des Ewigen sind aber
172
in der Seele wesentlich verschieden, je
nachdem, ob ein Irdischer sich von seinem
Standort her in Meditation und seelischem
Ringen
Einsicht in Geistiges erwarb, oder
ob er teilhat an seinem Ewigen durch ein
ihm geistig wie leiblich vereinigtes ewiges
Sein
, dessen Werkwirker er ist für die
Erdenwelt.
     Ich wußte von Anfang an sehr wohl, wie
viel ich bei meinen Mitmenschen voraus-
setzen müsse, wofür die Vorstellungsfähig-
keit nur selten gefunden wird.
     Ein Träger ewigen Bewußtseins — wie
man ihn auch benennen möge — der sich
einem irdischen Menschen: dessen ewiger
Seele wie dessen zeitlich vergänglichem
Leibe, vereinigt, ja geradezu amalgamiert,
und das auf Grund freiwillig übernom-
mener, um unvorstellbare Zeiträume zu-
rückliegender Verpflichtung der ewigen
geistigen Individualität dieses Erdenmen-
173
schen, — das ist für den modernen Euro-
päer nichts als eine Reihe absurder Träume-
reien, die er lediglich als Resultat einer
Gehirnerkrankung noch entschuldbar fin-
det. Und man darf ihm bei seiner absoluten
Ahnungslosigkeit überzeitlichen Dingen
gegenüber, seine seelische Ignoranz nicht
einmal übelnehmen. Er kann nicht anders!
     Es ist nicht verwunderlich, daß es mich
desto mehr freut, wenn ich so viele unver-
hoffte Ausnahmen gewahre, so daß mir auch
Ihr eingehender lieber Brief, der Sie mir
ja wahrhaftig wieder als erfreulichste Aus-
nahme in dem hier gemeinten Sinne zeigt,
für mich eine ganz große Freude war und
bleiben wird.
     Wenn Sie sich entschließen können, alle
meine Bücher, die Sie bisher verstandes-
mäßig durchzuarbeiten und seelisch sich
zu eigen zu machen suchten, nun an Hand
Ihrer neuen Erkenntnis sogleich nochmals
174
im Ganzen vorzunehmen, werden Sie glau-
hen, Sie hätten die Texte überhaupt noch
nicht gelesen. So anders wird sich Ihnen
der Sinn erschließen in vielem, was vorher
unerfaßt blieb.
     Aller Segen aus dem ewigen geistigen
Lichte, in dem ich lebe, sei mit Ihnen!
175
#
DREIUNDZWANZIGSTER BRIEF
Die Grenzen zwischen dem, was der Seele
eines jeden Erdenmenschen im ewigen Gei-
ste zu erleben möglich ist, und dem, was
nur der Leuchtende des Urlichtes zu er-
fahren vermag, sind allerdings in meinen
Schriften nicht immer scharf gezogen. In-
sofern sind Sie durchaus im Recht. Was Sie
aber unmöglich wissen konnten, ist, daß
diese scheinbar einen Mangel darstellende
unscharfe Scheidung durch das in der Wirk-
lichkeit Gegebene gefordert und bestimmt
ist, so daß mir keineswegs die schärfere
Scheidung möglich gewesen wäre.
     Überlegen Sie, daß in jedem Erden-
menschen, bei aller Tiergleichheit in bezug
auf den Leib und die wieder auflösbare
„Tierseele”, die Funktionsergebnis dieses
Leibes ist, auch ein Ewiges sich darlebt,
mag es auch bei vielen zeitlebens latent
176
bleiben. Dieser ewige „Geistesfunke”, dem
die aus ewigen Seelenkräften sich gestal-
tende und daher ewige Seele Darstellungs-
bereich ist, erfüllt innerhalb der Struktur
ewigen geistigen Lebens ebenso seine ihm
allein
vorbehaltene Stätte, wie der ewige
Leuchtende des Urlichtes die seine ein-
nimmt. Dem Leuchtenden, der erdenkör-
perlich
wirkt, ist ein solcher Geistesfunke
seit unermeßlicher Zeit geistig vereinigt,
und mit ihm dessen ewige Seelenkräfte,
so daß zuletzt auch Tierseele und Leib die
Influenzwirkungen des ewigen Leuchten-
den erfahren, dessen zeitliche Werkzeuge
sie sind, solange sie auf Erden im Physi-
schen lebensbeständig bleiben können.
Während aber dem Leuchtenden des Ur-
lichtes alle Erlebensmöglichkeit, die das
Leben des ewigen Geistes umschließt, bis
ins Innerste dieses Lebens gegeben sind,
da er ja von ihm aus bewußt ist, kann er
177
doch nur dem ewigen Einzelmenschen-
geiste, dem er sich im Ewigen vereinigte,
um durch ihn einst dann auf Erden die
Möglichkeit zu geistiger Hilfeleistung zu
haben, Anteil an seiner, alles geistige Le-
ben in sich durchdringenden Erlebensweise
geben, indem er ihn, Jahrtausende vor der
ihn später tragenden „Tierwerdung” auf
Erden, in sich realiter „hineinnimmt” und
so ihn an allem teilnehmen läßt, was in
ihm selber Leben ist. Dieses „Hineinneh-
men” ist geistesgesetzliche Folge der un-
darstellbare Zeit vordem dargebotenen frei-
willigen Verpflichtung, die der von nun an
geheimnisvollste Vorbereitung Genießende
eingegangen war. Allen anderen im Irdi-
schen inkarnierten ewigen Geistesfunken
vermögen jedoch die Leuchtenden des Ur-
lichtes nur dazu zu verhelfen, ihrer ewigen
Seelenkräfte habhaft und Herr zu werden,
um im Bewußtsein der Seele sich selbst
178
zu finden und die ihnen gemäße Form der
Seele sich bilden und vereinigen zu können.
Da nun zwischen den ewigen Seelenkräften
und dem gehirnbedingten Erkennen, Emp-
finden und Erlebenkönnen stete Influenz-
wirkungen bestehen, so kann dieses see-
lische Erwachen in entscheidender Weise
von den Vorstellungsbereichen des Erden-
menschen her gefördert werden, wie an-
dererseits auch die Einflüsse aus dem ewigen
Geiste über die Individualgestaltung des
Geistes, die in dem ewigen Geistesfunken
des Menschen gegeben ist, allmählich den
ganzen tiernahen Leib derart zu durch-
dringen vermögen, daß er zur Verkörpe-
rung des Geistes auf Erden zu werden ver-
mag.
     Dem Geistigen eines jeden Erdenmen-
schen entsprechen nun aber ganz be-
stimmte, nur ihm allein zugängliche gei-
stige Erlebensformen und die hier mög-
179
lichen Kombinationen sind der Zahl nach
unendlich, so daß es ganz unmöglich wäre,
sie alle jemals darzustellen, ja nur gruppen-
weise zu charakterisieren. Da nun aber der
Erziehung des Vorstellungslebens so uner-
meßliche Bedeutung zufällt, und der vom
Irdischen her nach dem Geistigen Suchende
möglichst von dem schon irdisch erfahren
haben sollte, was ihm geistiges Erleben
werden kann, so ist es besser, er weiß von
allem, was an diesen Dingen Menschen er-
fahrbar zu werden vermag, als wenn ich
nur das Allgemeinste erörtern, alles Be-
sondere aber verschweigen wollte. Ich sagte
Ihnen schon einmal, daß jeder, sich selbst
gegenüber ehrliche Suchende alsbald wissen
wird, was ihm in meinen Lehrtexten im
Besonderen
gilt, wobei es ihm nur zu grö-
ßerer und tieferer Einsicht in die Natur
alles Geistigen dienen kann, wenn er auch
von anderen Möglichkeiten erfährt, denen
180
gegenüber er spontan fühlt, daß sie der
Art nach nicht für ihn in Frage kommen,
auch wenn Andere so zum gleichen Ziele
gelangen.
     Es sind dunkle triebdumpfe Atavismen
die durch unsere tierleibliche Herkunft
aus der Substanz des Planeten nur zu sehr
erklärlich werden, wenn immer wieder der
widergeistige Gedanke in den Köpfen auf-
lebt, alle Menschen seien „gleich” vor
Gott. Tröstlich bleibt dabei nur, daß dieser
„Gott” der Langweile das Erzeugnis gleich-
wertiger
Ursache ist. — Die Wirklichkeit
aber kennt in den Beziehungen zu Gott
innerhalb der Struktur des Lebens im ewi-
gen Geiste nur unendlichfältige Verschie-
denheit
. Eine Gleichheit vor Gott darf le-
diglich insofern zu Recht behauptet wer-
den, als sie sich auf die allen Erdenmen-
schen gemeinsame leibliche Tiernatur be-
zieht, die von dem Planeten genommen
181
ist und ihm wieder anheimfällt. Soweit aber
das Doppelwesen, das sich auf Erden be-
scheidenerweise für den Inbegriff des „Men-
schen” hält, geistiger Natur zugehört, sind
seine einzelnen Geistesfunken verschie-
dener
voneinander als alles Verschiedene,
was es auf Erden an irdischen Formen zu
unterscheiden gibt! Und zwar nicht nur
im Nebeneinander gesehen, sondern eben-
so in bezug auf die hierarchisch unfaßbar
scharf bestimmte Stufe der Eigenkapazität
innerhalb des geistigen Lebens!
     Hier läßt sich nichts abhandeln durch
philosophische Begriffsbildungen, die in
der Sphäre der Wirklichkeit so wenig Hei-
matrecht haben, daß man sie nicht einmal
als Schatten und Schemengebilde wahr-
nimmt.
     Hier läßt sich aber auch nichts erkaufen,
denn alles was der Andere hat, ist in glei-
cher Weise
wie das Eigene, in der Struktur
182
des geistigen Lebens gründender, ewig un-
veräußerlicher Besitz.
     Sie sehen, daß sogar sehr scharfe Gren-
zen zwischen den Erlebensmöglichkeiten
der einzelnen geistigen Individualitäten
bestehen, aber Sie werden auch bereits
entdeckt haben, daß die Oberfläche der
Erde nicht ausreichen dürfte, diese Gren-
zen alle aufzuzeichnen, und daß die von
Ihnen vermißte „schärfere Scheidung”
dessen, was nur dem Leuchtenden des Ur-
lichtes zu erleben möglich ist, und dessen,
was jeder Menschengeist nach dem Er-
wachen seiner Seele aufzunehmen vermag,
schon dadurch ganz unmöglich würde, daß
es sich in dem einen Falle um eine, Un-
endliches
in sich fassende, im anderen um
die denkbar differenteste Erlebensfähig-
keit des Selbstbegrenzten handelt! —
     Leben Sie im Segen des Lichtes!
183
#
VIERUNDZWANZIGSTER BRIEF
Daß ich diese Frage eines Tages von Ihnen
hören würde, konnte ich als gewiß erwarten.
Ich wundere mich nur, daß ich sie nicht
längst vorgelegt erhielt. Ich staune auch
darüber, daß sie mir so selten von Suchen-
den vorgelegt wurde. Es ist, als fürchte
man, ich könne sie so beantworten, wie
man sie eben doch nicht beantwortet sehen
möchte...
     Von Jesus wird erzählt, wie allen Christ-
gläubigen bekannt ist, daß er einmal ge-
sagt haben solle: „Wer mich vor den Men-
schen verleugnet, den werde ich auch vor
meinem Vater verleugnen, der im Himmel
ist.” In dieser Fassung: — als Drohung, —
ging dieses Wort gewiß nicht über Jesu
Lippen, aber diese Drohung war einer
heranwachsenden, eifersüchtig um ihren
zahlenmäßigen Vorrang vor anderen Kult-
184
vereinen damaliger Zeit ringenden My-
steriengemeinschaft, die eben im Begriffe
war, sich aus dem Volksverband des antiken
Judentums zu lösen, der sie durch einen
der Seinen, wenn auch ungewollt, hervor-
gebracht hatte, recht aus dem Herzen ge-
kommen. So „mußte” der Gesalbte, dem
man nun, frei nach den umgebenden Vor-
bildern, im „Mysterium” nahte, gespro-
chen haben und darum „hatte” er so ge-
sprochen! Die Berichte über sein Leben
und seine Lehre waren ja vorläufig nur kul-
tisch verwendete Rezitationstexte, — noch
nicht wie später: — „Heilige Schrift”.
Aber ein belegbildender Anlaß, diese Dro-
hung zu formulieren war für die Gestalter
der Texte dennoch gegeben, denn Jesus
hatte einst wirklich darauf hingewiesen,
daß der Mensch unmöglich „zwei Herren
dienen”, — also im äußeren irdischen Leben
sich anders verhalten könne, als ihm seine
185
seelische Einsicht vorschreibe, wenn er
nicht zum Verräter an sich selbst werden
wolle. Das hieß freilich nur, daß irdisches
Verhalten ewigem Gesetz entsprechen
müsse, und daß der Mensch nicht etwa nach
einem System sein irdisches Leben führen
könne und dabei nach einem anderen in
sein ewiges Heil zu kommen vermöge. Aber
daraus ließ sich mit Leichtigkeit die Dro-
hung drechseln, die man brauchte, um die
allein der Tierseele entstammende Seelen-
angst
in den Dienst der Propaganda für
den neuen Mysterienkult zu zwingen. Man
ließ nicht Raum für Zweifel. Das war da-
maliger Art nicht gemäß. Der Meister, der
Kyrios, der Gesalbte, hatte von nun an
„gesagt”, daß er jene vor seinem himm-
lischen Vater nicht anerkennen werde, die
ihn — was hier heißen will: den ihn in einem
neuen Mysterium kultisch erlebenden Ver-
ein — nicht als Erfüller ihres seelischen
186
Vorahnens vor allen Andersdenkenden zu
propagieren bereit gewesen seien, während
ihres Erdenlebens. Daß die psychologische
Beurteilung ihrer Nebenmenschen von sei-
ten der ersten Leiter des damaligen neuen
Mysterienkultes richtig war, wird man nicht
bezweifeln. Aber man wird auch nicht be-
zweifeln dürfen, daß die nur gelegentliche
Befolgung geistiges Leben betreffender An-
weisungen — und um solche handelt es sich
wesentlich in Jesu Lehren — nur frivole
Spielerei ist und vor dem ewigen Geiste
gegenstandslos, wenn sie nicht gar Abwehr-
kräfte im Geistigen auslöst, deren unheim-
liche Gerechtigkeit jedem, der sie schon
in ihrer Auswirkung an Anderen auf Erden
gewahrte, erschütternde Schauder der Seele
erregen mußte. In gewissem Sinne ist also
doch aus der nach Jesu Zeit formulierten
Drohung die harte Wahrheit herauslesbar,
daß alle Beschäftigung mit geistgegebenen
187
Anweisungen nicht zum erstrebten Ziele
führt, wenn nicht der, diese Anweisungen
Kennende, die aus ihnen hervorgehenden
Konsequenzen zieht, aller Außenwelt
gegenüber. Auch Sie gewahren sich nun
vor der Notwendigkeit, im Außenleben,
Ihrer Mitwelt gegenüber, die Konsequen-
zen aus den durch mich erhaltenen Lehren
zu ziehen und erklären sich bereit dazu,
kommen aber noch nicht recht mit sich
darüber ins reine, wie das geschehen müsse.
Ich habe allerdings in meinem Buche „Der
Weg meiner Schüler” schon gezeigt, wie
fehlwegig das „Bekehrenwollen” zu den in
meinen Büchern dargebotenen Lehren ist,
so daß ich Sie davor wohl kaum noch zu
warnen brauche. Aber man verkennt auch
von Grund aus den Sinn der Existenz dieser
Bücher und ihre in Wahrheit „einzig-artige”
Verankerung im Ewigen, wenn man voll
gutgemeintem Betätigungsdrang im Sinne
188
ihrer Verbreitung glaubt, es müsse ihnen
eine „offizielle” Wirkungsbasis geschaffen
werden.
     Ihre Frage, wie Sie auf richtige Art die
Konsequenzen Ihres geistigen Voranschrei-
tens nun auch in der Außenwelt ziehen
sollen, muß von den in diesem Zusammen-
hang von Ihnen erwähnten Möglichkeiten
in bezug auf meine geistigen Lehrbücher
scharf getrennt werden.
     Gewiß will ich es durch meine Erörte-
rungen in dem Buche „Der Weg meiner
Schüler” nicht etwa als unerwünscht an-
gesehen wissen, wenn man eines meiner
Bücher ebenso weiter empfiehlt, wie einen
Romanband durch den man selbst künst-
lerisch beeindruckt wurde. Ich warne in
meinem Buche lediglich vor einem sich
mehr oder weniger aufdrängenden „Missio-
nieren”, — vor der Selbstberufung zu
einem vermeintlich nötigen Apostolat.
189
     Es ist auch eine Selbstverständlichkeit
und nur Erfüllung literarischer Anstands-
pflicht, daß man die Quelle deutlich nennt,
wenn man Zitate aus meinen Büchern
bringt, oder durch ihre Wortbildungen sich
„anregen” läßt. Schließlich sind die Ver-
kündungen meiner Bücher von mir in Form
gefaßt
, und diese Form ist mein geistiges
Eigentum
, das ich nicht unter dem köst-
lichen Vorwand: es handle sich doch um
geistig gegebene Lehren, zur Freibeute
gemacht wissen will. Und nicht nur die
künstlerische Form ist mein ausschließ-
liches geistiges Eigentum, sondern auch
die rein gedankliche Darlegung!
     Aber das alles geht Sie hier wohl kaum
an, denn es handelt sich bei den aus der
Aufnahme meiner Lehrtexte erwachsenden
„Konsequenzen” überhaupt nicht um die
Bücher
, sondern um Ihr praktisches Ver-
halten im äußeren Leben
, und hier dürfte
190
es doch wahrlich nicht gar zu fernliegend
sein, zu erkennen, daß alles allmählich aus
diesem Leben schwinden muß, was sich
mit einem Befolgen der Ratschläge und
Lehren in meinen Büchern nicht einwand-
frei vereinigen läßt. Ebenso ist doch auch
leicht zu verstehen, daß es mit dem bloßen
Vermeiden des Unvereinbaren nicht ge-
tan ist, sondern daß Sie nun auch die mo-
ralische Pflicht haben, Ihr Leben mehr und
mehr durch bewußtes und gewolltes Ge-
stalten des meinen Räten entsprechenden
Positiven, in Ihrem ganzen Tun, Reden
und Verhalten, zu bereichern! Mit dem
„Reden” meine ich aber beileibe nicht
etwa ein stetes Im-Munde-Tragen meiner
Worte! — Ihr Reden soll sich vielmehr in
Ihnen selbst — vor meinen Worten stets
verantwortbar erweisen! —
     Andererseits steht es Ihnen jederzeit frei,
sich, wo Sie es für angebracht halten, auch
191
namentlich zu mir zu bekennen, — nur
sollte das, wo es geschieht, in einer Art
geschehen, die einigermaßen der Würde
solchen Bekennens entspricht, — also etwa
auf ähnliche Weise, wie sich wissenschaftlich
tätige Menschen mit Selbstverständlichkeit
zu den Begründern ihrer „Schulen”, —
ihrer auf Grund gewisser Erkenntnisse ge-
einigt strebenden Gruppe, bekennen.
     Damit werde ich wohl heute meinen
Brief beenden dürfen, wobei ich hoffe, Ihre
Frage von allen Aspekten her beantwortet
zu haben.
     Je mehr Sie Sorge tragen, daß sich Ihre,
durch meine geistigen Lehrbücher in Ihnen
erweckten Erkenntnisse in Ihrem Leben
praktisch auswirken, desto mehr werden
Sie auch Ihrem Außenleben dienen.
     Seien Sie gesegnet in allem, was Sie,
geistigem Gesetz entsprechend, an Gutem
in die Außenwelt tragen!
192
#
FÜNFUNDZWANZIGSTER BRIEF
Ihre Auffassung jener Stellen meiner Bü-
cher, an denen davon die Rede ist, daß
auch ein Mensch, der zum Meister geistigen
Wirkens auf dieser Erde vollendet war,
durch eigene furchtbare Schuld aus dem
hohen Leuchten fallen könne, und daß es
von alter Zeit her solche durch eigenen
Frevel Gestürzte gibt, entspricht durchaus
dem, was von mir bei der Erwähnung die-
ser Unseligen gemeint war. Da Sie aber
ausdrücklich um Antwort bitten, ob Ihre
Auffassung durch mich bestätigt werden
dürfe, so sei ihr hier die Bestätigung ebenso
ausdrücklich gegeben. Wohl wäre es ja prak-
tisch für Sie kaum von Bedeutung gewesen,
wenn Sie möglicherweise zu Vorstellungen
geneigt hätten, die abweichend von dem
Gemeinten gewesen wären. Um Ihren eige-
nen Weg zum Erlebenkönnen ewigen Gei-
193
stes zu finden, brauchen Sie wirklich den
hier herangezogenen Stellen meiner Bü-
cher die ausführliche Deutung nicht geben
zu können, die Sie ihnen aus Ihrem pri-
vaten Interesse heraus schließlich fanden.
Es ist aber gewiß besser, man duldet in
seiner Vorstellung auch nicht die kleinsten
vermeidbaren Unklarheiten, und darum
begrüße ich es doch, daß Sie sich nicht
eher Ruhe ließen, als bis Sie auch dieses
Schrecklichste, was sich auf der Erde zu-
tragen kann, unbeirrbaren Blickes durch-
drungen hatten.
     Als ich die betreffenden Stellen nieder-
schrieb, dachte ich allerdings nicht, daß sich
irgendein Leser darüber Kopfzerbrechen
machen würde, sonst hätte ich dem, was
ich da nur um der Lückenlosigkeit meiner
Darstellungen willen zur Sprache brachte,
wahrhaftig noch weitere Erläuterungen bei-
gegeben. Aber weshalb hätte ich sie für
194
nötig erachten sollen? Ich konnte doch un-
möglich annehmen, daß ein denkender
Mensch etwa zu der Mein